Verlorene Sicherheit:
Nuklearmaterial gestohlen? - Wenn's mehr nicht ist...

Nach den Genfer Konventionen ist die Besetzungsmacht dazu verpflichtet, Maßnahmen zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit zu ergreifen, sobald sie Kontakt zur lokalen Bevölkerung hat. Diesem Auftrag kam die US-Armee unverzüglich nach, sobald sie das Ölministerium erreicht hatte. Kein Plünderer konnte seinen Fuß in dieses Gebäude setzen. In anderen Bereichen, wie etwa im Bagdader Nationalmuseum, konnten Plünderer ein und aus gehen. Wie jetzt bekannt wurde, war die US-Armee nicht einmal in der Lage, die atomare Forschungsanlage von Al Tuwaitha vor Plünderungen zu schützen.

Al-Tuwaitha ist die größte für zivile Zwecke genutzte Nuklearforschungsanlage im Irak und wurde vor dem Krieg von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) überwacht. Zu diesem Zeitpunkt lagerten dort 1,8 Tonnen Uran. Nach Berichten der Washington Post haben dort an einem einzigen Tag etwa 400 Plünderer alles mitgenommen, was irgendwie verwertbar aussah. In das Gebäude gelangten sie, indem sie den Bewachern sagten, sie seien Angestellte. Weitere Überprüfungen fanden daraufhin nicht statt. 62 Plünderer konnten am Ende zwar noch festgenommen werden, der Rest aber konnte entkommen.

Möglicherweise ist nun unter der US-Militärregierung genau das eingetreten, was durch den Irak-Krieg verhindert werden sollte, nämlich die illegale Verbreitung gefährlichen nuklearen Materials. Waffeninspektoren der USA mussten inzwischen eingestehen, dass die Verwüstungen in der Atomanlage derart massiv sind, dass sie man jetzt nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, ob nukleares Material gestohlen worden ist oder nicht. In der Hand von Terroristen könnte solches Material zum Bau einer sogenannten "schmutzigen" Atombombe verwendet werden. Falls sich die Plünderer aber über die Brisanz des erbeuteten Materials far nicht im klaren, droht ihnen und allen, die damit in Berührung kommen, eine gefährliche Strahlenkontamination.

Mohammed al-Baradei, der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien, hat deshalb diese Bedenken in einem Brief an US-Außenminister Collin Powell geäußert, wartet aber bis heute auf eine Antwort. Gegenüber Reportern äußerte sich Powell erschreckend ahnungslos: "Ich bin mir nicht darüber bewusst, dass es eine besonders große Sorge ist, dass sich Nuklearmaterial an diesem bestimmten Ort befindet." Die Fachleute der Wiener Behörder jedenfalls sind in Sorge. Und offenbar dämmert auch den überforderten Bewachern, daß etwas furchtbar schiefläuft. Denn in Wien werden sogar Anrufe von verzweifelten US-Soldaten registriert, die einfach nicht wissen, was sie mit bestimmten Funden in Nuklearanlagen anfangen und wie sie sich verhalten sollen. Beantwortet werden solche Fragen offziell nicht, denn die US-Militärbehörden lehnen (immer noch) jede Zusammenarbeit mit der IAEA ab.