Irgendwo müssen sie doch sein...
Über den Bock, den Gärtner und das Umgraben der Wüste

Teile des US-Militärs haben den Versuch noch nicht aufgegeben, den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg nachträglich wenigstens moralisch zu legitimieren. Wenn man sie nur finden würde, die geheimen Massenvernichtungswaffen im Irak. Es wäre gut für die Moral der Truppe. Denn es war diese vorgebliche Bedrohung der Welt durch ein riesiges Waffenarsenal des Diktators, mit der man amerikanische und britische Bomberpiloten dazu brachte, 28.000 Bomben in drei Wochen abzuwerfen. Bei der nachträglichen Suche nach dem Kriegsgrund ging es mal um A-Waffen, dann wieder um C-Waffen. Jetzt sind die B-Waffen an der Reihe. Kern der aktuellen Militär-Info: Soldaten haben einen LKW im Nordirakt gefunden, der Laborgeräte enthält. Es ist dasselbe "mobile Bio-Labor", das man schon am 19. April, also vor mehr als zwei Wochen, gemeldet hat. Und warum findet man nichts wirklich Wichtiges? Generalleutnant William Wallace von der US-Army erklärt das so: Die Waffen wurden zu tief vergraben, um sie pünktlich zum Kriegsausbruch wieder hervorzuholen. Unser Vorschlag: Das sollte man mit allen anderen Waffen auch tun, Mr. Wallace. Dann hätten auch Militärs genügend Zeit, um sich durch das Studium nicht geheimer Informationsquellen kundig zu machen.
Niemand hat je bezweifelt, dass der Irak an >Biowaffen gearbeitet hat. Vor 1990 ganz sicher. Nach 1991 schlimmstenfalls auf Amateurniveau. In den 80ern hat sich Saddam die nötige Ausrüstung in Deutschland(!) ganz offiziell(!!) gekauft. Unter anderem auch LKWs für den Transport der Bio-Stoffe, die Teil des Herstellungsprozesses sind. Einer dieser LKWs wurde jetzt womöglich gefunden. Inhalt: Keiner. Damals in den 80er Jahren erhielt Saddam Hussein die entscheidenden Basisstoffe für B- und C-Waffen von den (noch) befreundeten USA. Fragen Sie im kurdischen Teil des Irak nach... dort hat man diese Waffenhilfe schlucken dürfen. In den 90er Jahren wurden die ohnehin nicht sehr weit gediehenen Produktionsanlagen für Bio-Waffen durch die UN-Inspektoren gesprengt und unschädlich gemacht. Über die Bemühungen des Irak sagt Jan van Aken vom Sunshine Project Germany: "Massenvernichtungswaffen im eigentlichen Wortsinne waren das sicherlich nicht. Allerdings hätte Irak diese über kurz oder lang entwickelt, wenn er nicht durch den Golfkrieg 1991 und durch die UN-Inspektionen gestoppt worden wäre."

Es waren vor allem die angeblich so ineffektiven UNO-Inspektoren. Sie haben sehr gute Arbeit geleistet - so lange Bush sie ließ. Wer sich heute über Massenvernichtungswaffen Sorgen macht (und wir alle haben guten Grund dazu) sollte aufhören, über den Irak zu reden. Das ist spätestens seit 2001 überflüssig. Wer aber über verbotene B- und C-Waffen sprechen will, sollte über Deutschland(!), Frankreich, Rußland und über den größten und einfallsreichsten Produzenten geächteter Waffen sprechen: die USA.

Das internationale Sunshine Project hat 2002 nachgewiesen, dass Washington an sogenannten "nicht tödlichen" Chemiewaffen forschen lässt. Schönes Wort. Aber die damit gemeinten Betäubungsmittel, Psychopharmaka oder krampfauslösenden Medikamente ergänzen das Arsenal konventioneller Kriegführung auf perfide Weise und können sehr wohl tödliche Wirkung haben – und sie sind von der C-Waffen-Konvention eindeutig geächtet.
Jetzt enthüllte Sunshine Project USA, dass sich die US-Armee eine neu entwickelte Granate für den Einsatz von biologischen Waffen patentieren ließ. Mit herkömmlichen Gewehren abgefeuert, können mit diesen Granaten Nebel, so genannte Aerosole, verschiedener Substanzen erzeugt werden, unter anderem auch von "biologischen Agenzien und chemischen Agenzien", wie es im Patent heißt. Das ist eine klare Verletzung der Biowaffen-Konvention von 1972. Die Entwicklung von waffenfähigen Verfahren für die Verbreitung biologischer und chemischer Stoffe ist durch Artikel 1 der Konvention ausdrücklich verboten; das gilt auch für sogenannte "nicht tödliche Agenzien". Die USA sind Vertragsstaat dieser Konvention. Wie lange noch? Denn: "Die Entwicklung von Waffen mit einer biologischen Ladung lässt großen Zweifel daran aufkommen, ob sich Washington 34 Jahre nach der offiziellen Beendigung des eigenen Biowaffenprogramms noch der internationalen Konvention verpflichtet fühlt", betont Edward Hammond von Sunshine Project USA.
"Hans Blix, übernehmen Sie!" - Schön wär's... Aber statt dessen wird man wohl den Irak weiter umgraben und den eingebetteten Journalisten hin und wieder dramatische Funde präsentieren.
09.05.2003