Afghanistan - Der Krieg und die Menschenrechte

Beiträge vom Internationalen Afghanistan-Kongresses 2008
25.7.2008: Am 7. und 8. Juni 2008 fand ein viel beachteter Kongress der Friedensbewegung in Hannover statt: der Internationale Afghanistan-Kongress - veranstaltet von den wichtigsten Friedensorganisationen und anderen sozialen Bewegungen (z.B. attac). Vertreterinnen aus insgesamt 12 Ländern Europas und Amerikas diskutierten und verabredeten gemeinsame Aktivitäten. Einige Beiträge können hier nachgelesen werden. Außerdem können Sie die Petition an die Abgeordneten des Bundestages hier unterzeichnen. Die Petition soll den Abgeordneten im September, vor der Abstimmung über den weiteren Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan, übergeben werden.

Afghanistan ist unsere Herausforderung

Deutschland, das Land, in dem wir leben, arbeiten und wählen, führt Krieg

Reiner Braun

"Seit Jahren ist die Bundesrepublik mit bis zu 3500 Soldaten an den militärischen Auseinandersetzungen in einem fremden Land, etwa 9000 Kilometer von Deutschland entfernt, beteiligt. Es ist der zeitlich längste und größte Militäreinsatz in der fast 60jährigen Geschichte des Landes.

Aber: Krieg spielt in dem Leben der Menschen in Deutschland kaum eine Rolle. Das Leben geht seinen von Erfolgen, Sorgen, täglichen Wünschen und Nöten geprägten »normalen Gang«. Afghanistan kann das »deutsche Vietnam« werden. Dies wird nicht wahrgenommen, wird verdrängt, wird aber den Menschen auch von der politischen Klasse und den Medien mit angeblichen »Friedensargumenten« ausgeredet."

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Holt die Soldaten nach Hause!

Eine Information über die Arbeit der Vereinten Afghanistan-Solidarität in Schweden

"Die schwedische Organisation Föreningen Afghanistan Solidaritet (FAS) wurde im Herbst 2002 gebilde, ein Jahr nach dem Überfall.

Hauptsächlich aus zwei Gründen. Erstens: Die Organisation Svenska Afghanistankommittén (SAK), die 1980 gebildet wurde, um Solidaritätsarbeit mit den Afghanen zu leisten, war nicht in der Lage, so selbstverständlich »USA ut ur Afghanistan« zu fordern, wie sie bei ihrer Gründung natürlicherweise »Sovjet ut ur Afghanistan« verlangte. Zweitens: Die neue Vorsitzende von SAK war gleichzeitig Vizestaatsminister in der sozialdemokratischen Regierung. Die beiden Gründe gehörten zusammen. Wir kennen ja die Geschichte der Nichtregierungsorganisationen."



Der afghanische Krieg

Eine Betrachtung aus der Sicht der US-Friedensbewegung

Joseph Gerson

"Joseph Gerson arbeitet seit den 60er Jahren in der Bürgerrechts- und Friedensbewegung der Vereinigten Staaten und ist einer der Referenten des Internationalen Afghanistan-Kongresses in Hannover am 7./8. Juni 2008. Sein Beitrag wurde redaktionell gekürzt. Übersetzung: Arnold Schölzel

"Kürzlich veröffentlichte die New York Times erneut einen tief verstörenden Artikel aus dem afghanischen Krieg. Das US-Marinekorps, wurde dort berichtet, habe entschieden, »keine Anklage wegen Straftaten gegen zwei kommandierende Offiziere zu erheben, deren Einheit in die Erschießung von 19 Zivilisten in Nordostafghanistan vewickelt war...« Zuvor lasen wir in dieser Woche, daß das Gefängnis auf dem Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan, in dem US-Streitkräfte Gefangene gefoltert haben, nicht mehr ausreicht, um die wachsende Zahl afghanischer Gefangener unterzubringen und daß dort mehr Militärgefängnisse gebaut werden sollen. Das Pentagon berichtete -um uns auf einen mörderischen Sommer vorzubereiten oder auf mögliche militärische Aktionen gegen Pakistan ?, daß sich die Zahl der Taliban-Angriffe über die Grenze zu Pakistan hinweg im Ergebnis der Waffenstillstandsverhandlungen zwischen der neuen Regierung in Islamabad und den Kämpfern in Pakistans Nordwestgebieten verdoppelt hat. (...)"

und: " Mit unserer Konzentration auf den Irak und die zunehmenden Drohungen gegen Iran haben wir wertvolle Zeit verloren und auch Möglichkeiten, eine breit akzeptierte Analyse der Ursachen für das Scheitern des »Kriegs gegen Terrorismus« und des Krieges in Afghanistan vorzulegen."



Blutiges Scheitern - »guter Krieg«?

Die westliche Besatzung Afghanistans brachte weder Frieden noch Entwicklung -sie förderte die terroristische Bedrohung

Seumas Milne

"Enthusiastische Anhänger der Katastrophe, die der Irak-Krieg hervorbrachte, mögen es in diesen Tagen schwer haben, aber Afghanistan ist eine andere Angelegenheit. Für die Invasion und Besatzung, die George Bushs »Krieg gegen den Terror« eröffneten, setzen sich noch immer machtvolle Stimmen in den Besatzerstaaten als -mit den Worten der New York Times -»den guten Krieg« ein, der noch gewonnen werden kann. Während sich die Spekulation über einen britischen Truppenabzug aus Basra intensiviert, ist keine Rede von einem Rückzug aus Kabul oder Kandahar. Im Gegenteil ist geplant, die Zahl der britischen Soldaten von gegenwärtig 7000 zu erhöhen, hämmern Minister, Kommandeure und Offizielle der hiesigen Öffentlichkeit den Sommer über die Botschaft ein, daß Großbritannien -worauf Außenminister David Miliband beharrte -für lange Zeit in Afghanistan bleibt.....

Großbritannien führt jetzt seinen vierten Krieg in Afghanistan innerhalb von 170 Jahren. Es könnte nun gelernt haben, daß man gegen den Willen einer Bevölkerung keine Regierung von außen her installieren kann. Im Sommer verlangte der afghanische Senat nach einem Datum für den Abzug ausländischer Truppen und für Verhandlungen mit den Taliban. Dasselbe tat der pakistanische Außenminister Khurshid Kasuri. Es wird in Afghanistan keinen Frieden oder Stabilität geben, solange ausländische Truppen im Land bleiben; eine umfassende Regelung muß mit Sicherheit die Taliban und Regionalmächte wie Iran und Pakistan einschließen."

"Unsere" Interessen in Afghanistan

in Beitrag zur ökonomischen Alphabetisierung

Peter Strutynski

"Die Besetzung oder Kontrolle eines Landes wie Afghanistan, das immerhin fast doppelt so groß ist wie Deutschland, ansonsten aber nichts zu bieten hat, kostet also mehr, als es abwerfen könnte. Wirtschaftliche Interessen dürften also bei der Invasion der USA und der NATO im Oktober 2001 kaum eine Rolle gespielt haben. Mittelbar aber durchaus. Afghanistan ist für den NATO- und EU-Westen als mögliches Transitland von Interesse. Die im kaspischen Raum, nördlich von Afghanistan gelegenen Republiken Kasachstan, Aserbaidschan, Turkmenistan und Usbekistan verfügen über gigantische Erdöl- und Erdgasvorräte. Die gegenwärtig geförderte Menge soll in den nächsten 13 Jahren verdoppelt werden. Stuart Eizenstat, Staatssekretär in der Clinton-Administration, wies schon vor zehn Jahren im US-Kongreß darauf hin, daß "das Kaspische Meer potentiell eine der wichtigsten neuen energieproduzierenden Regionen der Welt" sein würde. Und die Bemühungen US-amerikanischer Ölgesellschaften (z.B. UNOCAL), mit der afghanischen Regierung wegen einer Pipeline ins Geschäft zu kommen, die das bisherige Transportmonopol Rußlands brechen, d.h. nach Süden über Afghanistan und Pakistan an den Indischen Ozean führen sollte, gehen in die Zeit der Taliban-Herrschaft Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück. Verwirklichen ließ sie sich erst nach deren militärisch erzwungenem Sturz. 2002 wurde ein entsprechender Vertrag über den Bau der Afghanistan-Pipeline von den Staatschefs Turkmenistans, Afghanistans und Pakistans unterzeichnet. Wenn das Projekt bis heute noch nicht realisiert werden konnte, dann liegt das daran, daß die Pipelinetrasse Gebiete durchqueren soll, die immer noch bzw. wieder von den Taliban kontrolliert werden."



Rohstoffimperialismus. Das Great Game um Afghanistan

Conrad Schuhler

"Erstens. Die Energieträger bilden die grundlegende Basis der modernen Wirtschaftsweise.

Zweitens. Rohstoffe werden knapper und teurer. Der moderne Wachstumskapitalismus hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mehr Rohstoffe verbraucht als die Menschheit in ihrer gesamten Geschichte zuvor.

Drittens. Die Industrieländer, die am meisten verbrauchen, haben nur geringe eigene Vorkommen... der Großteil der Rohstoffe sich in den Ländern der armen Welt bzw. in den Schwellenländern befindet.

Viertens. Das schnelle Wachstum der Schwellenländer verschärft die Konkurrenz um die knapper werdenden Ressourcen

Fünftens. Die Umstellung der Militärdoktrinen auf »Sicherheit des Welthandels« und der Öl/Energieversorgung.

Sechstens. Im Great Game um Afghanistan treffen die globalen Gegenspieler aufeinander. Beim Transport von Öl und Gas aus den kaspischen Staaten und Iran nach Pakistan, Indien, China und zum Arabischen Meer spielt Afghanistan als Durchgangsland ebenso eine entscheidende Rolle wie für die allgemeine Kontrolle Zentralasiens. ... Ein Rückzug aus diesen Gebieten wäre für das zentrale wirtschaftspolitische und militärische Dogma der »Energiesicherheit« ein herber Rückschlag. Dies wird von der deutschen Politik genauso gesehen.

Ihnen gegenüber stehen im »Großen Spiel« heute die neuen Global Player, die sich zunehmend dem Diktat von USA-EU widersetzen. In der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) haben sich China, Rußland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan zusammengefunden. ....wird noch offensichtlicher, daß das »Great Game« um Afghanistan nicht nur wegen der fehlschlagenden militärischen Besatzung durch die USA und ihre Alliierten noch offen ist."

Unterwäsche in Ruinen

Wie dieses Jahr in Afghanistan begann

Matin Baraki

"Die Luft hat sich in Kabul dramatisch verschlechtert. Staub und Verkehrschaos prägen das Bild. Viele Kabulis klagen über gesundheitliche Probleme.
Gharzai Zazai, Stellvertreter des Bürgermeisters von Kabul – nach seinen eigenen Angaben ein ehemaliger Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes – ordnete die Zerstörung von Häusern an, die von obdachlosen Rückkehrern aus den pakistanischen bzw. iranischen Flüchtlingslagern errichtet worden waren.
Das Vorgehen von Zazai paßte gut ins Bild, als Aryana-TV am 24. Februar darüber informierte, daß in Afghanistan in den ersten sechs Wochen des Jahres insgesamt 1200 Menschen, meistens Frauen und Kinder, erfroren waren. Mehr als 316000 Tiere kamen ums Leben. 833 Häuser wurden zerstört."""

25.07.2008