Die maritimen Interessen der deutschen Wirtschaft

Marine trainiert für küstennahen Einsatz

Wir übernehmen einen Bericht von german-foreign-policy vom 24.10.2007: Während eines zweiwöchigen Manövers in der Ostsee trainiert die Bundesmarine neue Kampftechniken für künftige Kriegseinsätze in aller Welt. Unter deutscher Führung operieren Einheiten aus acht EU-Staaten - auch Spezialtruppen (KSK) und die Luftwaffe sind eingebunden. Wie die Bundeswehr mitteilt, ist das Szenario des Manövers auf internationale Anwendungen zugeschnitten: Da die Mehrheit der Weltbevölkerung in küstennahen Gebieten lebt, könnten die Einsatzverbände der Marine bei den meisten Gewaltinterventionen als flexible Operationsbasis zum Einsatz kommen. Experten zufolge wird die Bedeutung der Seestreitkräfte auch aus anderen Gründen steigen. Weil die direkte deutsche Territorialverteidigung weitgehend obsolet geworden ist, geht es um den "erweiterten Schutz" deutscher "Schiffe und Güter" auf den Weltmeeren. Hintergrund sind erhebliche Interessen der deutschen Exportindustrie. Wie Statistiken zeigen, ist die deutsche Wirtschaft ohne Rohstoffimporte und Warenausfuhren über die Weltmeere nicht konkurrenzfähig. Dem entspricht eine überdurchschnittliche Beteiligung der deutschen Seestreitkräfte an den aktuellen Auslandseinsätzen der Bundeswehr.

Paradigma

Das Manöver in der Ostsee ("Northern Coasts"), das am 12. Oktober begonnen hat und in dieser Woche zu Ende geht, entspricht nach Auskunft der Marine "den derzeit wahrscheinlichsten Rahmenbedingungen" der künftigen Kriegführung.[1] Trainiert wird ein Einsatz "in küstennahen Gewässern". Fiktiver Anlass der Übungsoperationen sind gewalttätige Auseinandersetzungen an Land. Die Marineübung bezieht deswegen die Luftwaffe sowie Spezialtruppen (Kommando Spezialkräfte, KSK) mit ein. Einheiten aus acht EU-Staaten nehmen teil.[2] Die Leitung liegt beim deutschen Flottenkommando in Glücksburg, das auch im Ernstfall für diese Funktion vorgesehen ist: Es steht für künftige EU-Militäreinsätze als Marinehauptquartier zur Verfügung. Aktueller Trainingsschwerpunkt sind maritime Operationen mit Luftunterstützung. "Northern Coasts" soll jährlich wiederholt werden und jeweils spezielle Kampftechniken einüben.

Basis See
Wie es bei der Bundeswehr heißt, sind die Rahmenbedingungen von "Northern Coast" für die Kampfeinsätze der Zukunft paradigmatisch. "Zwei Drittel der Weltbevölkerung leben innerhalb von 60 km von der Küste", schreibt die Marine: Deshalb werde es bei der "internationalen Krisenbewältigung und Konfliktverhütung" in vielen Fällen sinnvoll sein, von See aus mit militärischen Mitteln vorzugehen.[3] Dies gilt als vorteilhaft, da Operationsbasen auf See leichter gegen Angriffe zu schützen sind als Stützpunkte an Land; zudem können sie flexibler verlegt werden. Weil die Hohe See nicht hoheitlicher Kontrolle eines Staates unterliegt, ist dort schließlich auch ein fließender Übergang von Drohgebärden zu Kampfhandlungen möglich: "Bereits im Vorfeld von Operationen in einem Einsatzland können Marinen von See aus Entschlossenheit und Präsenz demonstrieren". Seegestützte Kriegführung (Konzepttitel: "Basis See") ermöglicht es schließlich, "dauerhaft" vor fremden Küsten zu operieren, erklärt der Inspekteur der Deutschen Marine, Vizeadmiral Wolfgang E. Nolting. Wie Nolting am 9. Oktober bei einer Expertenrunde der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) ausführte, verlangt das neue Konzept auch neue kriegerische Mittel (die Einheiten an Land werden von der Seebasis gesteuert), erweiterte Logistik (Nachschub muss über See besorgt werden) und zusätzliche Waffen ("Wirkung von See an Land").[4]

Praxistest

Konkrete Einsatzanlässe werden seit geraumer Zeit halböffentlich diskutiert. Dazu gehören Interventionen zum Schutz von küstennahen Ölförderanlagen und Pipelines in Gefolgschaftsstaaten; die NATO ist bereits in konkrete Verhandlungen mit mehreren Konzernen eingetreten (german-foreign-policy.com berichtete [5]). Auch Praxistests jenseits künstlicher Manöver, aber noch unterhalb der Schwelle zum Kampf mit scharfen Waffen hat die deutsche Marine bereits hinter sich. "Wertvolle Erfahrungen mit der logistischen und sanitätsdienstlichen Unterstützung haben wir während der humanitären Hilfe der Bundeswehr in Sumatra gewinnen können", teilt die Bundeswehr über den angeblichen Tsunami-Hilfseinsatz Anfang 2005 mit: "Diese streitkräftegemeinsame Hilfsoperation ist ein hervorragendes Beispiel für die Möglichkeiten, die die See als Basis bietet."[6]

Haupteinsatzfelder

Seegestützte bewaffnete Angriffe auf Ziele an Land gehören zu den zwei künftigen Haupteinsatzfeldern der Bundesmarine. Den Angriffen zur Seite gestellt ist die kriegerische Begleitung deutscher Transportschiffe auf den Weltmeeren. Beide Einsatzfelder ergänzen sich: Gelten die Angriffe der Erzwingung des Zugangs zu Ressourcengebieten, so gilt die bellizistische Begleitung von Transportschiffen dem sicheren Abtransport der geplünderten Reichtümer.

Vorsorge

Wie Vizeadmiral Nolting kürzlich vor der DGAP hervorhob, ist "die Sicherheit der Seeverbindungen (...) in weiten Teilen der Welt nicht selbstverständlich (z.B. Straße von Malakka)".[7] Bereits jetzt führe die Bedrohung von Schiffstransporten durch Piraten zu erhöhten Versicherungspreisen und zur Verteuerung der transportierten Waren, die damit ihre Konkurrenzfähigkeit zu verlieren drohen. Nolting zufolge ist "dringend Vorsorge zu treffen": Deutschland als "Handelsnation" müsse "besonderes Augenmerk auf maritime Aspekte legen".

Seehandel

Nolting trägt damit den Bedürfnissen der boomenden deutschen Exportindustrie Rechnung, die ihre Produkte ausführen will und für deren Herstellung nach Rohstoffen verlangt. Im vergangenen Jahr erreichten die Importe und die Ausfuhren des Exportweltmeisters mit einem Volumen von 976,9 Millionen Tonnen und einem Gesamtwert von 1.634,6 Millarden Euro einen neuen Rekord. Rund ein Fünftel des gesamten Außenhandels (190,6 Millionen Tonnen) wurde über deutsche Seehäfen abgewickelt; hinzu kommt ein schwer bestimmbarer, aber hoher Prozentsatz, der in ausländischen Seehäfen umgeschlagen und erst von dort per Binnenschiff, Straße, Schiene oder Pipeline weitertransportiert wurde.[8] So erfolgt rund die Hälfte der deutschen Rohölanlandungen über Marseille, Genua, Triest, Antwerpen, Rotterdam und die Rheinhäfen. Allein via Rotterdam werden 30 Prozent mehr Waren des deutschen Außenhandels abgewickelt als über den Hamburger Hafen, obwohl dieser bereits mehr als zwei Drittel des gesamten deutschen Seegüterumschlags hält. Geraten die Seetransporte in Gefahr, stehen hohe Anteile des gesamten deutschen Handelsvolumens auf dem Spiel.

Europa - Asien

Dabei gewann besonders der Handel mit den Boomstaaten Ost- und Südostasiens in den vergangenen Jahren an Bedeutung. Wie es im aktuellen Jahresbericht des Flottenkommandos der Bundesmarine heißt, profitiert "die deutsche Handelsschifffahrt ganz besonders, weil sie nicht nur am direkten Seehandel Deutschlands mit anderen Staaten, sondern auch am sogenannten Cross-Trade zwischen Drittstaaten beteiligt ist".[9] Insgesamt bilden die Handelsbeziehungen zwischen Europa und Asien, die über die beiden großen deutschen Seehäfen verlaufen, "eine der größten Handelsachsen überhaupt". Dies wird dem Flottenkommando zufolge "in der Zunahme der Transportleistung" zwischen den deutschen Seehäfen und Asien "besonders deutlich": Sie stieg von rund 4,5 Milliarden Euro 1995 auf mehr als 15 Milliarden Euro 2005.

Nummer eins

Ins Gewicht fällt nicht zuletzt, dass die Bundesrepublik der drittgrößte Schifffahrtsstandort weltweit ist. "Die deutsche Handelsflotte steht mit 3.105 Schiffen nach der Nationalität der Eigner weltweit an dritter, bei den Containerschiffen mit 1.408 Einheiten weltweit an erster Stelle", teilt das militärisch interessierte Flottenkommando mit. Deutsche Reeder und Schifffahrtsgesellschaften besitzen mit 1.408 Containerschiffen "mehr als ein Drittel (36,2%) der weltweiten Containertransportkapazitäten (3.881) und bereedern darin einen weltweiten Tonnageanteil von 36,1% (46,3 Mio. dwt)."[10]

Überdurchschnittlich

Die große Bedeutung des Seehandels für die deutsche Wirtschaft kann erklären, warum die Bundesregierung seit 2002 vor allem weltweite Einsätze der Bundesmarine durchgesetzt hat. Deutsche Kriegsschiffe überwachen ein Seegebiet von der zehnfachen Größe der Bundesrepublik zwischen der Einfahrt zum Persischen Golf ("Straße von Hormuz") und der Einfahrt ins Rote Meer ("Bab el Mandab" bei Dijbuti) - eine für den Ost- und Südostasienhandel wichtige Strecke. Zudem sind deutsche Marineeinheiten vor der Küste des Libanon stationiert und befahren zeitweise im Rahmen der NATO-Operation Active Endeavour auch weitere Teile des Mittelmeers. Wie Marineinspekteur Nolting erklärt, haben die Seestreitkräfte damit bei "ca. 10% der Gesamtzahl der Soldaten der Bundeswehr (...) ca. 17% der Einsätze zu bewerkstelligen".[11] Künftige Operationen nach dem Konzept "Basis See" sind dabei noch gar nicht eingerechnet.

[1] Über NORTHERN COASTS; www.marine.de
[2] An Northern Coasts nehmen Einheiten aus Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Lettland, Polen und Schweden teil.
[3] Basis See; www.marine.de
[4] Maritime Abhängigkeit Deutschlands in Handel und Sicherheit steigt an; www.dgap.org
[5] s. dazu Rund um Afrika
[6] Basis See; www.marine.de. S. auch Langfristiger Einsatz und Aufklärung
[7] Maritime Abhängigkeit Deutschlands in Handel und Sicherheit steigt an; www.dgap.org
[8], [9], [10] Flottenkommando: Jahresbericht 2007. Fakten und Zahlen zur maritimen Abhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland
[11] Maritime Abhängigkeit Deutschlands in Handel und Sicherheit steigt an; www.dgap.org
02.11.2007