Warum denn eigentlich nun...
Die (nachträglichen) Begründungen für den Irak-Krieg wechseln - nicht die Ziele
Wir haben das nicht vergessen: Der offizielle Grund für den Krieg gegen Irak war dessen Besitz von Massenvernichtungswaffen. Dadurch fühlten sich die USA und Großbritannien in ihrer Sicherheit bedroht und sie erklärten deshalb die UNO-Charta für Nonsens. Natürlich war das eine vorgeschobene Begründung, aber es war die offizielle Begründung im Vorfeld des Krieges, mit der man eine Koalition der Kriegswilligen um sich scharte. Als unerwartet die Gefahr bestand, dass die UN-Inspektion im Irak in bisher nicht bekannter Gründlichkeit und Kooperation erfolgreich abgeschlossen werden könnte, ohne das gewünschte Resultat zu erzielen, brachen USA und Großbritannien das Inspektionsverfahren kurzerhand ab und eröffneten den Krieg.

Mit der Eroberung des Irak nahm man die Sache selbst in die Hand. Solange man noch hoffte, mit eigenen Leuten die gewünschten Funde wenigstens an B- und C-Waffen "nachzuliefern", blieb man bei dieser Linie. Aber die UN-Inspektoren sind keine Dummköpfe. Und eine Giftgasfabrik ist weder einfach zu verstecken noch kurzerhand aus dem Ärmel zu zaubern. Als die Hoffnungen auf den entscheidenen Fund sanken, versuchte man, den Krieg nachträglich in einen Krieg "gegen die Diktatur" umzumünzen. So zitiert der Spiegel führende US-Militärs und Regierungsbeamte, es sei primär darum gegangen, Saddam zu beseitigen. Die Warnung vor Massenvernichtungswaffen habe nur dazu gedient, das amerikanische Volk und die internationale Gemeinschaft für den Krieg zu gewinnen. Aber auch diese neue Linie kommt nicht gut an.

  • Erstens: Wenn die kriegswilligen Staaten (die sogenannte Koalition) auch genau wußten, dass sie an der Nase herumgeführt wurden, so haben sie es doch nicht gern, wenn es der Nasenführer hinterher überall herumposaunt.
  • Und zweitens hat es sich längst herumgesprochen, daß die USA andernorts mit Diktatoren durchaus freundschaftlich verkehren (und bis 1990 galt das auch für einen gewissen Saddam Hussein).
Deshalb jetzt eine neuerliche Kehrtwendung. In seiner Rede am 1.Mai vor Soldaten auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln sagte Bush, mit dem militärischen Erfolg im Irak sei ein wichtiger Schritt im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus geschafft. Plötzlich stellt Bush eine direkte Verbindung des gestürzten irakischen Präsidenten mit dem Terrornetzwerk El Kaida her. Wörtlich: "Die Befreiung des Irak ist ein entscheidender Fortschritt im Kampf gegen den Terror. Wir haben einen Verbündeten des El Kaida-Netzwerks beseitigt, und eine Quelle der Terrorfinanzierung abgeschnitten".

Das kann man siegestrunkenen Soldaten erzählen. Aber wir haben die früheren Erklärungen aus Washington und London noch in Erinnerung, die immer nur um den einen Punkt kreisten: Saddam bedroht mit seinen Massenvernichtungswaffen die freie Welt! Und FBI und CIA haben noch nach Kriegsbeginn definitiv jede Beziehung zwischen Irak und El Kaida ausgeschlossen. Sogar von tiefer Feindschaft zwischen Bin Laden und Saddam war die Rede. (Bis ist beiden vor allem gemeinsam, dass sie merkwürdigerweise unauffindbar sind.)

Es gab also gute Gründe, die im Afghanistan-Krieg bewährte El Kaida-Karte für den Irak im Ärmel zu lassen. Aber was soll man machen? Offenbar muß man die Begründungen nachträglich nehmen, wie man sie erfindet. Ganz ohne edle Ziele lassen sich auch gut trainierte Soldaten nicht in der richtigen Stimmung halten, um andere totzuschießen oder sich selber totschießen zu lassen. Gut also, dass es immer noch Bin Laden gibt. Denn ein As behält jeder erfahrene texanische Pokerspieler stets im Ärmel... Was heißt hier, falsches Spiel? Sieg ist Sieg. "Wir haben nicht gelogen", so ein Regierungsbeamter gegenüber ABC's Nightline, "es war eher eine Frage der richtigen Betonung."

Inzwischen ist man noch ein Stück weiter. Jetzt glaubt man, einen halbwegs glaubwürdigen Kriegsgrund nicht mehr nötig zu haben. Die Financial Times zitiert einen führenden Beamten der Bush-Regierung, der nicht genannt werden wollte, mit den Worten: "Ich wäre überrascht, wenn wir waffenfähiges Plutonium oder Uranium finden würden." Er bezeichnete es außerdem als äußerst unwahrscheinlich, dass große Mengen an biologischen oder chemischen Stoffen gefunden werden. Der Beamte ging sogar so weit zu sagen, dass es seiner Regierung nie darum gegangen sei, riesige Waffenarsenale im Irak zu finden. Auch der britische Premier Tony Blair scheint die hektische Sucherei nach angeblich vorhandenen ABC-Waffen satt zu haben. Schon auf einer Pressekonferenz am 28.April erklärte er überraschend, das Aufspüren dieser Waffen sei von geringerer Priorität als den Irak zu stabilisieren.

Merke: Heroische Kriegsgründe werden von den Kriegsherren nur gebraucht, bevor man Bomben auf Menschen wirft. Danach kassiert man die Beute und geht zur Geschäftsordnung über - mit der Betonung auf Geschäft.
03.05.2003