Bush-Rhetorik zum 1. Mai:
Einer redet und keiner darf was fragen... Wir tun das aber doch!

Am 1. Mai vor Soldaten des Irak-Kriegs auf dem Flugzeugträger "Abraham Lincoln" gab Präsident Bush eine aktuelle Probe seiner politischen Rhetorik. Mit dem Kampfjet eingeflogen (statt, wie es üblich ist, mit dem Helikopter), mit Kampfanzug verkleidet, fühlten sich zahlreiche amerikanische Kommentatoren veranlaßt, den Auftritt mit Szenen aus den Hollywood-Schinken "Independence Day" und "Top Gun" zu vergleichen. Wir zitieren aus der "Rede an die Nation" und erlauben uns einige Zwischenfragen:
"Die Operation Irakische Freiheit wurde mit einer Kombination aus Präzision, Tempo und Kühnheit durchgeführt, die der Feind nicht erwartet und die Welt vordem noch nie gesehen hat...Sie haben der Welt die Fähigkeiten und Macht der amerikanischen Streitkräfte demonstriert... Wir haben heute größere Fähigkeiten, eine Nation zu befreien..."

Tatsächlich war die von Saddam in den Untergrund oder ins Exil getriebene irakische Opposition überwiegend gegen diese "Operation". Warum war es so wichtig, das irakische Volk gegen seinen Willen zu befreien? Vielleicht, weil Völker, die sich selbst befreien, schwieriger zu lenken sind?

"Mit neuen Taktiken und Präzisionswaffen können wir militärische Ziele erreichen, ohne die Gewalt gegen Zivilisten zu richten. Kein Instrument der Menschheit kann die Tragödie, die ein Krieg mit sich bringt, auslöschen. Aber es ist ein großer Fortschritt, wenn die Schuldigen weitaus mehr zu fürchten haben als die Unschuldigen..."
Vielleicht sollte man dazu die toten Zivilisten befragen? Und was das fehlende "Instrument" betrifft, um die Kriegstragödie auszulöschen... Wäre es dann nicht besser, Kriege wie diesen gar nicht erst zu beginnen und stattdessen mehr Mühe und Phantasie auf die nicht-kriegerischen Instrumente verwenden? Freilich ist das nicht so heroisch und (seien wir ehrlich) auch nicht so einträglich.

"Unser Krieg gegen den Terrorismus wird nach den Prinzipien geführt, die ich allen klar gemacht habe... Jede Person, die an Terrorattacken gegen das amerikanische Volk oder an der Planung beteiligt ist, wird zum Feind unseres Landes und ein Ziel der amerikanischen Justiz. Jede Person, Organisation oder Regierung, die Terroristen unterstützen, schützen oder ihnen Unterschlupf gewähren, sind Komplizen bei der Ermordung von Unschuldigen und gleichermaßen der Terror-Verbrechen schuldig..."

Wer will da schon für den "Terrorismus" das Wort erheben? Aber in aller Ängstlichkeit sei angemerkt: Ist nicht, wie alles im Leben, auch "Terrorismus" eine Frage der Perspektive? Peter Ustinov brachte es auf den Punkt: "Terrorismus ist der Krieg der Armen. Krieg ist der Terrorismus der Reichen." Und wie kommt es überhaupt, dass trotz der verbalen Entschlossenheit der Vorwurf des Terrorismus immer nur sehr selektiv angewendet wird? Warum wurden und werden so viele terroristische Regime von den USA sogar direkt unterstützt? Weil sich deren Terrorismus gegen die eigenen Leute nach innen oder gegen Staaten wendet, die nicht zum USA-Fanklub gehören?

"Jedes Regime, das Verbindungen zu Terroristen-Gruppen hat und den Besitz von Massenvernichtungswaffen sucht, ist eine ernste Gefahr für die zivilisierte Welt, und wir werden ihm entgegentreten..."

Pikant und schwer zu glauben. Stimmt es nicht, dass viele Terroristengruppen bereits im Pentagon oder in den Büros der CIA ein- und ausgegangen sind? Kolumbianische Mörderschwadrone, nicaraguanische Contras, exil-kubanische Bombenleger...? Standen nicht auch Taliban und Saddam viele Jahre in höchster Gunst, so lange sich deren Terror mit den amerikanischen Interessen im Einklang befand? Und was den Besitz und die Entwicklung und den Einsatz von Massenvernichtungswaffen angeht... wer könnte darin den USA etwas vormachen?

"Unsere Nation hat eine Mission. Wir werden auf Bedrohungen unserer Sicherheit reagieren und wir werden den Frieden verteidigen. Unsere Mission dauert an... Die Feinde der Freiheit sind nicht untätig, und das gilt auch für uns..."

Letztlich stehen also alle Handlungen aller Staaten und Gruppen unter Terrorismus-Verdacht, die auf irgendeine Weise die amerikanische Sicherheit gefährden. Was das ist? Das entscheidet die amerikanische Regierung nach Bedarf. Und dann gibt es eine Mission und dafür braucht man viele Missionare. 250.000 waren es im Irak.

Präsident Bush gibt nicht gerne Interviews, sagen seine Berater. Er hält aber sehr gerne Reden, sagen die Journalisten. Und warum auch nicht? Bei Interviews braucht man jemanden, der fragt. Und wer weiß schon, ob der sich an die vereinbarten Fragen hält? Und es macht einen schlechten Eindruck, wenn man die Antworten erst suchen und dann ablesen muß. Bei Reden ist das ganz anders. Reden kommen im Fernsehen. Für Reden gíbt es Manuskripte und andere, die sie schreiben. Wenn eine Rede geredet wird, kann der gelernte Charme-Bolzen zeigen, was in ihm steckt. Dann kann er feuchten Auges, im Kampfanzug, Hand aufs Herz, die Fahne anhimmeln. Kann mit überzeugender Pose all die schwierigen Wörter wie Gott, Freiheit, Demokratie, Nation und Krieg, Gute und Böse, Terrorismus und Mission in solcher Dichte und mit solcher Leichtigkeit um sich streuen, wie kein anderer, ohne durch den Hauch eines Zweifels behelligt zu werden.

Die Bush-Show ist in der deutschen Presse freundlich aufgenommen worden. Unverständlich, denn nirgends verläßt sie das Niveau einer mäßigen Wahlkampfrede. Dort, wo die aktuelle Situation angesprochen wird (unsere Zitate), werden nur die bekannten Doktrin der Rumsfeld & Co. variiert. Soll vielleicht diese Pax Americana das Fundament der neuen Weltordnung werden? Es ist zu befürchten, dass die gegenwärtigen Machthaber in den USA wirklich daran glauben. Durch den leichten Sieg im Irak werden sie noch bestärkt. Und es ist die Selbstüberschätzung und Anmaßung dieser Gruppe um Bush, die inzwischen zur vielleicht ernstesten Bedrohung des Friedens geworden ist.

PS: Übrigens hat Bush wohlweislich darauf verzichtet, mit dieser Rede den Irak-Krieg für beendet zu erklären. Dann kämen nämlich weitere völkerrechtliche Verpflichtungen (auch finanzieller Art) auf die USA zu, die man aber offenbar in dieser Form gar nicht übernehmen möchte.
02.05.2003