Wir zitieren einen Beitrag von von German-Foreign-Policy.com vom 05.07.2006

Europäische Kommunikationspolitik

5.7.2006: Die EU-Kommission überträgt die Ausarbeitung ihrer neuen Medienstrategie einer deutschen Firma mit engen Verbindungen zum Auswärtigen Amt und zur Bundeswehr. Ziel des Vorhabens, das die Berliner PR-Agentur Media Consulta (MC) umsetzen soll, ist es, Widerstände in der Bevölkerung gegen die Politik der Europäischen Union zu schwächen. Media Consulta ist nach eigenen Angaben in allen 25 EU-Mitgliedsstaaten aktiv und verfügt im Unterschied zur britischen und französischen Konkurrenz über ein "paneuropäisches" Agentur-Netzwerk. Für die EU war MC bereits bei der subversiven Medienpropaganda gegen Belarus aktiv und hat mehrere Image-Kampagnen lanciert; aktuell wirbt die Agentur für die gemeinsame europäische Militärpolitik ("European Security and Defence Policy"). Die von Berlin forcierte Verabschiedung einer "EU-Verfassung" gegen den Willen der Bevölkerung Frankreichs und der Niederlande lässt eine weitere Zunahme der Propagandatätigkeit erwarten.

Der Auftrag, den die EU-Kommissarin für Presse und Kommunikation und stellvertretende Präsidentin der EU-Kommission, Margot Wallström, an die Berliner Media Consulta vergeben hat, gilt in Fachkreisen als einer der "strategisch bedeutendsten Kommunikations-Etats"; er dient dazu, heißt es mehrdeutig, die Politik der EU "besser in der breiten europäischen Öffentlichkeit zu verankern".[1] Insgesamt stehen der europäischen "Generaldirektion Kommunikation" mehr als 80 Millionen Euro jährlich für PR-Maßnahmen zur Verfügung.[2] Diese sollen im Rahmen einer einheitlichen europäischen "Kommunikationspolitik" eingesetzt werden und helfen, "die Kluft zwischen der Europäischen Union und den Bürgern" zu schließen [3] - eine Umschreibung für die Aushebelung der Widerstände, die etwa bei der Durchsetzung der von Berlin geforderten EU-Verfassung erwartet werden.

Plan D

Um die Widerstände zu neutralisieren, hat die EU-Kommission Ende 2005 einen "Plan D für Demokratie, Dialog und Diskussion" verabschiedet, bei dem, so das "Weißbuch über eine europäische Kommunikationspolitik", den Medien eine "Schlüsselrolle" zukomme. Da Zeitungen, Radio- und Fernsehsender über "europäische Themen" jedoch "nur wenig und bruchstückhaft" berichten würden, müssten jetzt "bessere Kommunikationsinstrumente" zum Einsatz kommen, heißt es.[4] Gedacht war zunächst an die Einrichtung einer eigenen Nachrichtenagentur ("interinstitutioneller Dienst"), mit der, wie Kritiker erklärten, die EU-Kommission "die Interpretationshoheit über ihre eigene Politik erhalten" hätte.[5] Nachdem dieses Vorhaben aufgrund massiver Proteste vorerst vom Tisch ist, setzt man nun auf den Ausbau des Projekts "Europe by Satellite". Es handelt sich um eine zentrale Nachrichtengebung für TV-Stationen, denen vorproduzierte Beiträge angeboten werden ("hochwertige audiovisuelle Inhalte").[6] Dabei spekulieren die EU-Strategen auf eine erhebliche Kostenersparnis der Sender, für die hohe Personalausgaben entfallen, wenn sie ihre Europa-Berichterstattung reduzieren oder gänzlich abgeben können. Entsprechend attraktiv ist "Europe by Satellite" in den TV-Stationen, die die mediale Selbstdarstellung der EU-Apparate als Berichterstattung ausgeben.

Penetration

Spezialisiert auf ein derartiges Vorgehen ist die von der EU-Kommission unter Vertrag genommene PR-Agentur Media Consulta (MC) mit Sitz in Berlin und Köln. Das Unternehmen bietet sogenannte integrierte Kommunikationskampagnen an, die darauf abzielen, die vom Kunden gewünschten Inhalte mit dem redaktionellen Programm der Medien zu verschmelzen: Mit Hilfe von "verbündeten" Journalisten werden vorgefertigte Interviews und redaktionelle Themenbeiträge so "platziert", dass sie als Meinungsäußerung des Auftraggebers oft nicht mehr kenntlich sind. Daneben kommen klassische Werbemittel wie Zeitungsanzeigen, Radio- und TV-Spots sowie Großflächenplakate ebenso zur Anwendung wie die Inszenierung von Pseudo-Ereignissen ("Event PR"); "zweifelnde, suchende Menschen" sollen durch Informationsveranstaltungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen und Unterrichtseinheiten an Schulen "überzeugt" werden ("Dialog PR"). Wie Geschäftsführer Harald Zulauf erklärt, ist es letztlich Ziel der von MC organisierten Kampagnen, für eine "optimale Penetrierung der Kernbotschaften in den Zielgruppen" zu sorgen.[7]

Paneuropäisch

Media Consulta rühmt sich, mit fast 600 Mitarbeitern "in allen 25 EU-Staaten sowie in den beiden Beitrittsländern Rumänien und Bulgarien" aktiv zu sein und inzwischen über ein "paneuropäisches Agentur-Network" zu verfügen. Damit sei das Unternehmen als Einziges seiner Branche in der Lage, "große integrierte PR- und Werbekampagnen europaweit umzusetzen". Das ermöglicht die Ausschaltung der französischen, britischen und US-amerikanischen Konkurrenz: Diese sei klar im Nachteil, da sie sich "in der Regel nur einer Kommunikationsdisziplin" bediene, heißt es.[8]

Public Relations

Die PR-Firma mit einem Jahresumsatz von 134 Millionen Euro zeichnet sich durch eine ausgesprochene Nähe zu den Berliner Staatsorganen aus. Zu ihren Kunden zählen das Auswärtige Amt und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) ebenso wie die Bundeswehr. Vor seinem Einstieg bei Media Consulta 1993 hatte Geschäftsführer Zulauf zunächst als Fernsehjournalist beim Westdeutschen Rundfunk (Köln) gearbeitet und danach, von 1987 bis 1989, als PR-Berater des damaligen Verteidigungsministers Manfred Wörner (CDU). Ab 1990 war er innerhalb der Berliner "Treuhandanstalt" für die Privatisierung der DDR-Medien zuständig.[9] Zulauf sah im Jahr 2004 seine PR-Agentur für die voranschreitende Osterweiterung der EU "optimal aufgestellt"; insbesondere "für große Unternehmen" habe ihre Arbeit eine hohe "Attraktivität".[10]

Politisch-militärisch

Zulaufs Expertise scheint bei der EU-Kommission hoch willkommen zu sein. So wurde Media Consulta nicht nur mit der Durchführung von Image-Kampagnen beauftragt, sondern auch mit der von Berlin forcierten subversiven Medienpropaganda gegen Belarus.[11] Aktuell widmet sich die PR-Agentur insbesondere der Werbung für eine gemeinsame europäische Militärpolitik (European Security and Defence Policy/ESDP), wie sie die Bundesregierung ebenfalls befürwortet: Im Auftrag des Generalsekretärs des Europäischen Rates, Javier Solana, gibt sie einen "ESDP-Newsletter" mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren heraus, der sich vornehmlich an Journalisten ("Multiplikatoren"), Diplomaten, Beamte und Wissenschaftler richtet.[12] Für die Durchsetzung eines weiteren Ziels der deutschen Außenpolitik, der so genannten EU-Verfassung, kann der Medienstrategie, die Media Consulta derzeit ausarbeitet, strategische Bedeutung zukommen.

[1] Media Consulta unterstützt EU-Medienstrategie; PR-Journal 16.02.2005
[2] Generaldirektion Kommunikation: Jährliches Arbeitsprogramm betreffend Finanzhilfen und Aufträge im Bereich Kommunikation für das Jahr 2006
[3], [4] Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Weißbuch über eine europäische Kommunikationspolitik, Brüssel 2006
[5] Daniela Weingärtner: Margot Wallström - Sprachrohr des europäischen Turms zu Babel, in: Das Parlament 27.03.2006
[6] s. auch Klassenverweis
[7] Harald Zulauf: Mehr als Werbung - Politik-PR in der Praxis, in: Forum.Medien.Politik. (Hg.), Trends der politischen Kommunikation. Beiträge aus Theorie und Praxis, Münster 2004, S. 142-154
[8] Pressemitteilung der Media Consulta 09.07.2004
[9] www.media-consulta.com
[10] Pressemitteilung der Media Consulta 09.07.2004
[11] s. dazu Über Minsk hinaus
[12] Pressemitteilung der Media Consulta 06.01.2006
http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/56429

05.07.2006