Hauptsache gewonnen?
Viele kleine Verbrechen folgen dem großen Verbrechen

McGuire Gibson, Orientalist von der Universität Chicago, übergab bereits im Dezember 2002 dem State Department Listen mit 4000 schützenswerten Stätten. Darunter das Nationalmuseum Bagdad mit 1 500 000 Inventarnummern. Es gibt zudem eine Haager Konvention über den Schutz von Kulturgütern bei bewaffneten Auseinandersetzungen. Und was geschah wirklich? Aus den verfügbaren Meldungen läßt sich für das Nationalmuseum folgendes rekonstruieren.
  • Mittwoch, 9. April. US-Truppen stürmen das Zentrum von Bagdad. Vor dem Nationalmuseum Panzerschlacht. Vier Panzer bleiben vor dem Museum.


  • Donnerstag, 10. April. Mittags verlassen die Panzer den Platz. Das Museum ist bis auf einen einzelnen Wächter, dessen Name mit Mohsen Khadim angegeben wird, verwaist. Eine Horde mit Brechstangen und Schubkarren, Pistolen und Kalaschnikows stürmt die Hallen. Durch Scherben von bemalter Keramik werden Edelmetallharfen und Bergkristallbecher, Thorarollen und der Bronzekopf eines akkadischen Herrschers weggeschleppt. Statuen, Siegel, Elfenbeinringe und vieles andere. Ein Bild der Verwüstung.


  • Freitag, 11. April. Für kurze Zeit erscheinen wieder Panzer. Die Bitte des Chefarchäologen, zu bleiben, wird abgelehnt. Stattdessen fahren Autos und Lkw′s vor, die Statuen, Tontafeln und Reliefs abtransportieren. Wächter Khadim: »Ich habe Leute gesehen, die unsere Gipsrepliken zerschlugen, aber wertvolle Artefakte wie mit Samthandschuhen aus den Vitrinen hoben ... Ich habe Ägypter gesehen, die zielgerichtet durch die Flure liefen.« Alles deutet darauf hin, daß diese Plünderungen sachkundig und von langer Hand vorbereitet waren.


  • Sonntag, 13. April. Eine Bewachung des inzwischen leergeräumten Museums wird eingerichtet.


  • Mittwoch, 23. April. Der US-Zoll hat bei einem amerikanischen Fernsehtechniker und bei einem Reporter bei der Rückkehr aus dem Irak mehrere Bilder sicher gestellt. Kulturgeschichtlich bedeutsam war die Beute allerdings nicht. Von den etwa 170.000 Kunstgegenständen, die aus dem Nationalmuseum in Bagdad geraubt wurden – einige davon von unschätzbarem Wert – fehlt bislang jede Spur.


  • Sonntag, 27. April. Einige der andernorts im Irak geplünderten Kunstwerke sind auf dem europäischen Kunstmarkt aufgetaucht und sofort in privaten Sammlungen reicher Kulturbanausen verschwunden. Eine gezielte Fahndung findet nicht statt.
Was aus dem Wächter geworden ist, wurde nicht weiter berichtet. Vielleicht ging es ihm wie anderen Wächtern, deren Tod in Statistiken der Kriegsopfer nicht auftaucht.

Ach ja: Weder Großbritannien noch die USA haben die oben erwähnte Haager Konvention über den Schutz von Kulturgütern im Fall eines bewaffneten Konflikts unterzeichnet.

PS: Die Armeeführungen können sich keineswegs damit herausreden, von der Entwicklung überrascht worden zu sein. Denn wie im Zuge der internationalen Proteste gegen die Plünderungen ans Licht kam, fanden auch im 1. Golfkrieg bereits eine Reihe von Plünderungen statt - allerdings in bescheidenem Rahmen. Rund 4000 Kunstwerke verschwanden damals außer Landes. 58 Kunstwerke wurden großzügig dem irakischen Volk zurückgegeben. Der Rest verschwand in den privaten Museen der Superreichen.
28.04.2003