Rückzug mit garantiertem Gewinn

Wie-der-Aufbau im Irak (sabotiert wurde)

17.11.2006: Am 2.11. wurde der erste US-amerikanische Rückzug aus dem Irak bekannt gegeben: Bechtel, das größte US-Bauunternehmen ließ verlauten, dass es dort keine weiteren Aufträge mehr übernehmen werde. Zunichte gemacht war die ursprüngliche Hoffnung, in der neuen Regierung auch nach dem Wiederaufbau noch lange einen stabilen Kunden für lukrative Aufträge zu finden. Immerhin haben die Regierungsaufträge dem Unternehmen aber in den letzten drei Jahren zu Spitzenerträgen verholfen. Die Spitzenleistungen, die es nach eigenem Bekunden beim Wiederaufbau vollbracht hat, halten allerdings einer genaueren Überprüfung nicht stand.

Gewinne garantiert

Und so hatte alles angefangen. George Shultz, acht Jahre Präsident und Direktor bei Bechtel, dann US-Außenminister, später Vorsitzender des Komitees für die Befreiung Iraks und wieder Mitglied im Aufsichtsrat der Bechtel-Gruppe, sagte in Bezug auf Wiederaufbaupläne: "Ich weiß nicht, ob Bechtel daraus besonderen Nutzen ziehen würde. Aber wenn dort Arbeit verrichtet werden muß, dann ist Bechtel der Firmentyp, der das machen könnte. Aber niemand betrachtet das als etwas, von dem man profitiert."

Derartig günstige Konstellationen verhalfen Bechtel nach dem Krieg zu mehreren Regierungsaufträgen für den Wiederaufbau im Irak. Sie hatten zunächst ein Gesamtvolumen von fast 2,8 Milliarden Dollar, wurden aber im November 2004 auf 2,3 Milliarden zusammengestrichen, weil statt weiterem Aufbau der Infrastruktur mehr irakische Soldaten trainiert werden sollten. Alle Verträge mit Bechtel beinhalteten die Übernahme aller Kosten plus einem vereinbarten Gewinnzuschlag (cost plus), der Bechtels Einnahmen außerhalb der USA im Jahre 2003 um 158 % steigen ließ. 2004 realisierte das Unternehmen Spitzenerträge von 17,4 Milliarden Dollar, im Jahre 2005 sogar 18,1 Milliarden Dollar.

Alter Anspruch, aktueller Ausspruch ...

Dafür ist Bechtel angetreten mit dem Anspruch, die Iraker in drei Jahren mit sauberem Wasser, funktionierenden Abwassersystemen, zuverlässiger Stromversorgung, Schulen und Krankenstationen, Brücken und Strassen zu versorgen. Nach Ablauf dieser drei jahre, am 30.9.2006 wanderten alle Gelder für den Wiederaufbau im Irak , die nicht bereits projektgebunden waren, wieder in die US-amerikanischen Staatskasse zurück. Auch der letzte Regierungsauftrag für Bechtel lief Ende Oktober aus. Bechtel-Chef Cliff Mumm äußerte sich in einem Interview mit der "San Francisco Chronicle" enttäuscht über die Entwicklung im Irak: "Hat sich der Irak so entwickelt, wie wir das gehofft hatten? Ich würde mit Nachdruck sagen: nein. Es ist herzzerreißend." 52 Mitarbeiter seien getötet worden, 49 verletzt. Trotzdem seien 97 der 99 Projekte unter hohem Sicherheitsaufwand und persönlichem Einsatz (die Opfer waren überwiegend Iraker) abgeschlossen worden. Die meisten seiner Projekte würden aber nun sabotiert.

... und die Wirklichkeit

Also sind die Iraker selbst schuld, wenn die Infrastruktur weit hinter den angekündigten Verbesserungen zurückhingt? Seit 2004 hat der US-Kongress SIGIR (special inspector general for Iraq reconstruction), eine Untersuchungskommission zur Kontrolle der Ausgaben für den Wiederaufbau im Irak eingerichtet. Sie beschäftigte sich auch mit dem Neubau eines Kinderkrankenhauses in Basra. Bechtel behauptet, das Krankenhaus wegen Sicherheitsproblemen nicht beendet zu haben. In Wirklichkeit wurde Bechtel der Auftrag entzogen, nachdem eine gründliche Revision durch SIGIR im August 2006 ein erhebliches Mißmanagment zutage gefördert hatte:

Im Oktober 2004 hatte Bechtel den Auftrag erhalten, bis Dezember 2005 in Basra ein Kinderkrankenhaus für 50 Millionen Dollar zu errichten. SIGIR stellte im März 2006 fest, dass der Bau frühestens im Juli 2007 fertig sein wird und die Kosten mindestens 170 Millionen Dollar betragen werden. Allerdings konzentrierte sich der Bericht auf die Unfähigkeit von USAID, Bechtel zu kontrollieren und nicht auf die Unfähigkeit von Bechtel, das Krankenhaus zu bauen. Bechtel nahm dazu eine Jordanische Firma unter Vertrag, die wiederum zwei irakische Firmen als Subkontraktor verpflichtete. Die Folge waren überflüssigeLeitungsebenen, die sich nach Schätzungen von SIGIR mit ca. 90 Millionen Dollar bezahlen liessen, aber einen Überblick über die Gesamtplanung vermissen liessen.Irakische Kräfte wurden dagegen nur kurzfristig und wahrscheinlich schlecht bezahlt eingestellt. Obwaohl das Projekt im September 2005 bereits 10 Monate in Verzug und damit verteuert war, meldete Bechtel aber Planerfüllung an USAID und USAID gab dieses weiter an den Kongress.Infolgedessen empfahl SIGIR, Bechtel den Vertrag zu entziehen.
Bechtels Aktivitäten beim Wiederaufbau von Elektrizität, Wasser und Abwasser sahen nicht viel anders aus. Manche Beobachter schätzen, dass die Unfähigkeit von Bechtel, die Infrastruktur in den heissen Sommermonaten 2003 schnell wieder in Gang zu setzen, mehr zu den Protesten gegen die Besatzungsmacht beigetragen haben, als die Aktivitäten der US-Armee. Statt die elektrischen Anlagen so schnell wie möglich wieder instandzusetzen, wurde beschlossen, das gesamte irakische Infrastruktursystem zunächst gründlich zu analysieren, was mehr als 5 Monate dauerte. Dies waren die besonders heißen Sommermonate. Der Mangel an Wasser, Elekrizität und die Abwasserprobleme erhöhten die Seuchengefahr und provozierten erste Sabotageakte gegen die fremden Unternehmen, die profitierten, aber untätig blieben. Nach 5 Monaten stellten Bechtels Ingenieure dann fest, dass zwei Kriege und die Jahre der Wirtschaftssanktionen mehr Schäden in der Infrastruktur hinterlassen hatten, als angenommen. Diese Informationen hätten irakische Ingenieure sofort liefern können, wenn sie nicht von Paul Bremer zum großen Teil entlassen worden wären.

Im Gegensatz zu den Angaben von Bechtel sind nach einem SIGIR-Report von Oktober 2006 nur die Hälfte der Projekte im Elektrizitätsbereich bendet, ein Drittel wurde noch nicht einmal begonnen. Kein Wunder, dass es in Bagdad immer noch nur für 8 Stunden am Tag Strom gibt. Während Bechtel den Sicherheitsproblemen und damit den Irakis die Schuld dafür zuschiebt, ist nach Angaben von SIGIR das Hauptproblem, dass von Bechtel nicht in ausreichendem Maße Verteilersysteme gebaut wurden. Der Gesundheitssektor ist eine Tragödie für sich: Nur 36% der Projekte wurden fertiggestellt, dazu gehören 12 von 20 geplanten Krankenhäusern und nur 6 von 150 geplanten öffentlichen Gesundheitszentren (public health centers).

Im Wasser und Abwasserbereich wurden zwar ca. 80 % der Aufträge beendet, was aber nichts nützt, wenn die Elektrizität fehlt. Nach Angaben von Bechtel wird nicht eins der 40 Wasserwerke, die von Bechtel gebaut wurden, von den Irakis nun vorschriftsmäßig weiter betrieben. Sieht man genauer hin, hat Paul Bremer die leitenden Ingenieure entlassen, dann hochmoderne und teure Systeme bauen lassen, die den irakischen Arbeitern bis dahin unbekannt waren, und sie dann ohne Gelder für den weiteren teuren Betrieb übergeben.

3 Jahre Bechtel im Irak: 3 Jahre gesicherter Profit - 3 Jahre Mißmanagment bei einem Wiederaufbau, der an den Bedürfnissen der irakischen Bevölkerung vorbei geht.



17.11.2006