Aufbruch mit unbekanntem Ziel?

"Wir sind auch Deutschland"
4.12.2005 Über 30 Mio. Euro stellen 25 führende Medienunternehmen mit dem Bertelsmann-Konzern an der Spitze zur Verfügung, damit die größte Social Marketing-Kampagne, der Gute-Laune-Reisser "Du bist Deutschland" rollt und nach eigenen Aussagen gegen Nörgler, Schlechtredner und Selbstzweifler angeht. Was ist passiert? Liegt den Medienunternehmen plötzlich die Laune der ganzen Bevölkerung am Herzen, nachdem sie bei den letzten Tarifverhandlungen nicht einmal auf die Stimmung der eigenen Mitarbeiter Wert gelegt haben? Klingt irgendwie unwahrscheinlich.

Die Kampagne will für eine neue Aufbruchsstimmung in Deutschland sorgen. Motto: "In diesem Land kannst Du alles werden, du musst es nur wirklich wollen." Das heisst dann allerdings auch: "Wenn es nicht klappt, dann liegt das an Dir, an niemandem sonst und am allerwenigsten an der Regierung oder gar an den Unternehmen". War es Zufall, dass die Kampagne anlief, als die Sparmaßnahmen im Koalitionsvertrag erstmals bekannt wurden? Als ebenso klar wurde, dass der "Verteidigungsetat" vom Rotstift völlig verschont wurde? Und die erste Aufgabe der Bundeswehr eben nicht mehr die Landesverteidigung, sondern Kriegseinsätze weit draußen sein sollen, die man als "internationale Konfliktverhütung" oder "Krisenbewältigung" keinem mehr so recht verkaufen kann? Wohin soll dieser Aufbruch diejenigen in Zukunft bringen, die jetzt davon träumen sollen, Beckenbauer oder Boris Becker oder der Papst zu sein?

Das Rezept solcher nationalistischen Kampagnen, die sich als "patriotisch" tarnen, ist nicht neu. Schon Heine kannte das Rezept und seine Ziele gut. Er schrieb 1831 zu diesem Thema:

"Wer das Nationalgefühl besitzt und begreift,
übt den unwiderstehlichsten Zauber auf die Masse
und kann sie nach Belieben lenken und treiben,
ihnen das Geld oder das Blut abzapfen
und sie in alle möglichen Uniformen stecken."
Und natürlich kannte auch Hitler das nationalistische Rezept. Die Nazis wollten gleich nach ihrem Machtantritt die heute wieder so gefragte "Aufbruchstimmung" erzeugen. Das Foto*) aus dem Jahr 1935 zeigt, dass dabei sogar dieselbe Losung verwendet wurde, die heute erneut von hoch bezahlten Promotion-Agenturen in Fernsehspots und Anzeigen verbreitet wird. Nur ein peinlicher Zufall? Wohl kaum. Heine hat die Angelpunkte solcher Kampagnen klar erkannt: Geld, Blut und Uniformen. Oder modern: Sozialabbau, Militarisierung und Großmachtpläne.

Was lernen wir daraus? Wir sollten mehr auf unsere Dichter und Denker hören, statt damit nur zu protzen. Deshalb machen wir uns auch Heines Festellung zu eigen, wenn er sagt:

"Deutschland, das sind wir alle!"

Denn tatsächlich kommt es auf uns an, auf jeden einzelnen. Meckern und Nörgeln helfen nämlich tatsächlich nicht. An uns allein liegt es, wohin der neue "Aufbruch" führt. An dem, was wir tun. Lassen wir uns durch Träume von Reichtum, Ruhm und Ehre einlullen? Glauben wir wirklich, unsere eigene Situation ließe sich durch "nationale Größe" bessern? Lassen wir uns einreden, dass wir selbst an unserer Arbeitslosigkeit, an fehlenden Lehrstellen schuld sind? Dass Aufrüstung und Sozialabbau nötig sind, damit Deutschland wieder mitreden kann? (Wobei eigentlich und mit wem und worüber?)

Der Kern des Problems sind eben nicht Nörgler und Schlechtredner. Der Kern sind habgierige Manager, willfährige Politiker und abenteuerlustige Militärs, selbsternannte Gernegroße, die es endlich mal wieder knallen lassen wollen: Zu jeder Bilanz die Sektkorken, und wenn es sich lohnt auch mal die Kanonen. Dagegen eine Aufbruchstimmung? Unbedingt.

*) Quelle des Fotos: Stadtarchiv Ludwigshafen (Hrsg.): "Ludwigshafen - ein Jahrhundert in Bildern"

04.12.2005