Hintergründe der Bürgerkriege:

Lumumba, Weltbank und das Weihnachtsfest

18.12.2004 In der Weihnachtszeit klingeln die Kassen. Dazu scheint es da zu sein. Aber woran erkennt man, dass der Kern der Weihnachtsbotschaft eine Friedensbotschaft ist? Auf dem Castroper Weihnachtsmarkt jedenfalls wird man vergeblich nach irgendetwas Ausschau halten, was auch nur in die Nähe dieser Botschaft käme. Dafür schenkt man unverdrossen ein Getränk namens "Lumumba" aus (berechtigt zur Teilnahme an einem Gewinnspiel), nagelt Tannengrün an die Allzweckbuden und verkauft das übliche Kirmessortiment. Weihnachten eben. Die rührigen Hilfsorganisationen versenden ihre Spendenaufrufe und die professionellen Kriegs-Beforscher erfreuen uns mit neuesten Statistiken. Demnach hat es in 2004 mal wieder ((je nach Zählung) 22 oder 28 größere und kleinere Kriege gegeben, die meisten davon in Afrika. Und damit sind wir beim Thema.

Warum finden die meisten Kriege derzeit in Afrika statt? Für die Mehrheit der deutschen Bürger ist das scheinbar kein Geheimnis: Die Argumente, die man so hört, reichen von "Die sind in Afrika eben so emotional" über "Das sind eben immer noch Wilde" bis zum offen rassistischen "Neger sind so". Und die Forderung "Da müssen wir mal Ordnung schaffen" darf natürlich auch nicht fehlen. Hintergründe der afrikanischen Dramen? Vorgeschichte? Oder gar: Westliche Beteiligung? Wird alles ausgeblendet und findet auch in den Medien praktisch nicht statt.
Womit wir wieder bei Lumumba wären. Das ist eben kein Getränk. Patrice Lumumba war eines der ersten Opfer jener Politik, die heute etwas verharmlosend als "Globalisierung" bezeichent wird. Als gewählter Premierminister des Kongo versuchte Lumumba, die reichen Bodenschätze des Landes, die bis dahin in den Händen westlicher Konzerne waren, für die Entwicklung des Kongo zu nutzen. Dafür haben ihnen belgische (weiße) Söldner 1961 bestialisch ermordet. Man sieht: Wer auch nur etwas über Afrika wüßte und ein Mindestmaß an Anstand besäße, würde wohl kaum ein alkoholisches Getränk nach einem Mann benennen, der in einer Reihe mit Menschen wie Rosa Luxemburg und Martin Luther King steht.

Ein Bericht der Weltbank

Bleiben wir bei Afrika und den Urachen der grausamen Kriege. Die Weltbank hat vor einem Jahr einen Bericht veröffentlicht, der die vielen Bürgerkriege der letzten Jahrzehnte weltweit untersuchte. Die Ergebnisse sind für uns nicht überraschend. Aber vielleicht werden sie eher beachet, wenn sie von der Weltbank kommen.

In dem Bericht wird das Lieblingsargument der Medien, Bürgerkriege seien die Folge ethnischer Konflikte, zurückgewiesen. Tatsächlich erweist sich ethnische Vielfalt sogar als Stabilisierungsfaktor, der das Risiko von Bürgerkriegen reduziert: "Substantial ethnic and religious diversity significantly reduces the risk of civil war." (S.57) Ethnische Unterschiede werden erst dann relevant, wenn extreme Armut die ethnischen Sozialstrukturen vernichtet hat und von politischer Seite die Not der Menschen instrumentalisiert wird. (Weiß Gott kein afrikanisches Phänomen!) Und auch das ist keineswegs überall der Fall. Denn solche "ethnischen Konflikte" werden nur dort geschürt, wo man damit etwas bezwecken will, meist die Abtrennung von Gebieten mit reichen Bodenschätzen. Die Weltbank: Ethnische Differenzen erscheinen als Ursache eines Konflikts, wenn in Teilen eines Landes Bodenschätze entdeckt werden. Die Bewohner dieses plötzlich "reichen Landesteils" werden zum politischen Objekt derjenigen, die sich die Bodenschätze aneignen wollen. Das Risiko eines Bürgerkriegs steigt enorm an, wenn in einem Land reiche Bodenschätze, bevorzugt Öl, gefunden werden (S.60). Das findet derzeit exemplarisch im Sudan statt, mkit vielfältiger Unterstützung von auswärts.
Das Risiko eines Bürgerkriegs nimmt deutlich zu, je niedriger das Einkommen in diesen Ländern ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein "demokratisches" oder um ein "diktatorisches" Land handelt. Bittere Armut vernichtet alle sozialen Strukturen und gibt selbsternannten oder von außen eingesetzten "Rebellengruppen" alle Möglichkeiten zur Rekrutierung (S.64f). Man wird "Soldat", um nicht zu verhungern.

Es ist auch interessant, dass das Risiko eines Bürgerkriegs in solchen Ländern extrem hoch ist, die ein niedriges Durchschnittseinkommen haben und deren Wirtschaft zudem vom Export weniger Bodenschätze abhängig ist (S.75f). Dasselbe trifft für Länder mit hohen Militärausgaben zu (S.71f). Hohe Militärausgaben fördern das Bürgerkriegsrisiko statt es einzudämmen.

Schlußfolgerungen

Soziale oder auch ethnische Konflikte gibt es heute in praktisch allen Ländern. Auch das ist keine afrikanische Spezifik. Aber der entscheidende Schritt vom normalen Konflikt zum Krieg oder Bürgerkrieg liegt in den genannten Faktoren: Tiefe Armut der Bevölkerung, Reichtum an Bodenschätzen, einseitige Abhängigkeit der Wirtschaft und dadurch bedingt leichte Steuerbarkeit von außen und hohe Militarisierung der Politik. Das waren die Triebkräfte für die Zerschlagung des Demokratischen Kongo und die Ermordung Lumumbas im Jahre 1961. Das sind auch heute die entscheidenden Triebkräfte der aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen: vom Irak-Krieg der USA und Großbritanniens bis zum Bürgerkrieg im Sudan. Und mit diesen Faktoren: Armut, Abhängigkeit, Bodenschätze und Militär ist Afrika reich versehen. (Ein großer Teil der sogenannten Entwicklungshilfe wird von den reichen Staaten zweckgebunden für Militärausgaben vergeben; sind also eigentlich nichts anderes als Subventionen für die Waffenfabriken in USA und Europa.) Demgegenüber sind die positiven Ansätze der sechziger und siebziger Jahre in Afrika längst vorbei. Tatsächlich sind die meisten afrikanischen Länder infolge der "Globalisierung" heute wesentlich ärmer als vor zwanzig Jahren. Die Risiken für neue bewaffnete Konflikte nehmen also weiter zu.

Und hier erkennen wir auch die Grenzen des Weltbankberichts. Denn trotz seiner Akribie blendet er wichtige Zusammenhänge aus, etwa die Beteiligung westlicher transnationaler Konzerne und westlicher Regierungen an der "Lenkung" der Konflikte in Afrika mit dem Ziel, sie für eigene ökonomische und politische Interessen auszubeuten.

18.12.2004