Kampfziel Friedhofsruhe?

Geschmolzene Leichen für die westlichen Werte

18.11.2004 Der damalige US-Statthalter im Irak, Paul Bremer, forderte im November 2003 die Iraker zu mehr Dankbarkeit auf. Andernfalls drohte er die inzwischen bekannte Lösung an: "Wir werden sie (den irakischen Widerstand) bekämpfen und ihnen unseren Willen aufzwingen und wir werden sie fassen oder töten, bis wir unser Gesetz und Ordnung im Land durchgesetzt haben. Wir dominieren das Geschehen und werden dem Land unseren Willen aufzwingen." Rechtswidrige Massenverhaftungen und der Einsatz von Folter sind die eine Seite. Die faktische Zerstörung Falludschas ist ein weiteres Resultat dieser hemmungslosen, rechtswidrigen und überheblichen Politik. Ein Beitrag der Washington Post vom 3. November zeigt die zunehmende Brutalisierung der Besatzungspolitik.

Nicht nur Luftwaffe und schwere Artillerie, auch die eigentlich verbotenen Phosphorbomben wurden von der US-Armee bei der Eroberung Falludschas eingesetzt. Augenzeugen berichteten, dass mehrere Artilleriegeschütze Salven von weißen Phosphor-Granaten abgefeuert haben (natürlich nicht auf Zivilisten), die eine Feuerwand erzeugten, die nicht mit Wasser gelöscht werden konnte. Ein Arzt im örtlichen Krankenhaus, Kamal Hadeethi, berichtete, dass die Leichen der Opfer, die ins Krankenhaus gebracht wurden, verbrannt gewesen seien, manche Leichen seien sogar geschmolzen gewesen.

Parallel zu mehrstündigem Artileriebeschuß haben amerikanische Kampfflugzeuge allein in einer Nacht acht 2.000-Pfund-Bomben über der Stadt abgeworfen (natürlich nicht auf Zivilisten). "Normalerweise lassen wir die Handschuhe an", wird Captain Erik Krivda vom Kommandozentrum für taktische Operationen der ersten Infanterie-Division in der Washington Post zitiert. "Für diese Operation haben wir die Handschuhe ausgezogen". Das ist die Sprache der Militärs, für die die Besetzung eines fremden Landes ein alltägliches Geschäft ist, bei dem zehntausend Tote nicht ins Gewicht fallen, solange man sie ungestraft als "Terroristen" beschimpfen kann.

Und was passiert, wenn das US-Militär "die Handschuhe auszieht"? Die Washington Post: Besonders schwer wurden die Bezirke Jolan und Askali getroffen worden, wo mehr als die Hälfte der Häuser zerstört wurden. Tote lagen auf den engen Straßen von Jolan verstreut. Blut und Fleischfetzen klebten an den Wänden. Die Washington Post verzichtet auf eine politische Wertung und bleibt alles in allem immer noch auf "Treu zur Heimat"-Kurs. Aber die Brutalisierung ist so unvorstellbar, dass sogar die linientreuen Korrespondenten erschrecken.

Was will die US-Regierung erreichen? Wollen Sie den Irak in einen langjährigen Bürgerkrieg verstricken, den sie dann der Welt als "Säuberungskrieg der demokratischen Regierung gegen den islamistischen Terror" verkaufen? Auch diese Rechnung wird wohl nicht aufgehen. Denn selbst wenn es ihnen gelingt, den Widerstand mit überlegener Feuerkraft und brutalsten Waffen buchstäblich zu verbrennen. Das Ergebnis wird nur eine Friedhofsruhe sein. Und auch nur von kurzer Zeit. Denn Haß und Verzweiflung, die auch in der Region Falludsche durch den Angriffskrieg der USA erst erzeugt wurden, lassen sich nicht durch Phosphorbomben aus der Welt schaffen. Im Gegenteil: Haß und Verzweiflung werden weiter wachsen. "Militäraktionen für den Frieden?" "Phosphorbomben für die Demokratie?" "Geschmolzene Leichen für die westlichen Werte?" - Glaubt man wirklich, irgendjemanden damit überzeugen zu können?
18.11.2004