Sind das die Grundlagen unserer künftigen Außenpolitik?

Soraya und die guten alten Zeiten...

1.6.2004 Im Juni 1967 besuchte der "Schah von Persien" die Bundesrepublik Deutschland. Der Mann hieß Reza Pahlevi, war unumschränkter Diktator des Iran und Befehlshaber des seinerzeit brutalsten Polizeiapparates. Politik und Wirtschaft umschwärmten den Diktator, unter dessen Herrschaft sich mit dem Iran prächtige Geschäfte machen ließen. Die Presse bejubelte den Alleinherrscher und machte Soraya, die Frau des Schahs, zur Lady Di der 60er Jahre. Die gold- und juwelenstrotzende Pracht der Pahlevi-Dynastie füllte die Seiten der deutschen Illustrierten. Und dann kam alles doch ganz anders. Nur im Fensehspiel "Soraya", mit unseren Fernsehgeldern zusammengelogen und über Pfingsten aufs Publikum losgelassen, merkt man nichts davon.
Denn mit dem Schah-Besuch entwickelten sich in der Bundesrepublik große Protestaktionen, die von der deutschen Polizei, gemeinsam mit iranischen Geheimpolizisten ("Jubelperser"), niedergeknüppelt wurden. Dabei erschoss die Berliner Polizei am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg*), der für ein Ende der iranischen Diktatur eintrat. Dass fast auf den Tag genau 37 Jahre später die Soraya-Schmonzette an zwei Abenden zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird, ist vor diesem Hintergrund gewiß zynisch, aber keineswegs ein Zufall.

Denn in dieser Geschichtsklitterung erscheint das feudale Schah-Regime als Opfer. Der im Fernsehfilm so sympathische Schah "leidet" laut Drehbuch an den britischen und US-amerikanischen Einflüssen auf sein Land. Lediglich von Europa (im Film vertreten durch einen italienischen Ölmanager) wird der Schah "fair" behandelt. Spürt man nicht geradezu die ordnende Hand des Außenministers? Und während sich eine Tragödie über der kaiserlichen Familie zusammenbraut, wirkt dennoch der stets besänftigende Einfluß der Soraya (natürlich deutscher Abstammung), der es letztenendes aber verwehrt ist, "Persien" zu retten. Und irgendwo im Hintergrund eine iranische Bevölkerung, die uns freilich mehr anonym als allzeit begeisterte Statisterie begegnet, obwohl sie sich in Wirklichkeit sehr deutlich zu Wort und Tat gemeldet und schließlich diesen Schah zum letzten seiner Art gemacht hat.

Tele-Visionen?

Was erfahren wir wirklich über die Pahlevi-Diktatur, die sich 1925 an die Macht geputscht hatte? Die sich immer wieder durch Gewalt und Kollaboration mit ausländischen Mächten diese Macht sicherte: Ob Hitlerdeutschland oder Großbritannien, ob USA oder Bundesrepublik? Was erfahren wir über die äußerste Brutalität der iranischen Polizei, mit der im Iran die "weiße Revolution", also die gewaltsame "Modernisierung" des Landes nach westlichem Industriestaats-Muster, vorangestrieben werden sollte? Was erfahren wir über die Verfolgung der Opposition, die von den Kommunisten bis zu den religiösen Gruppen reichte? Über die zahllosen Unterdrückungsmaßnahmen, die schließlich zum Sturz des Regimes durch einen Volksaufstand 1979 führte? Nichts erfahren wir.

Ist dieser Zweiteiler also einfach nur Kitsch? Schlimmer: Vermutlich ist es ein westlich-nostalgischer Blick auf die arabische Welt. Von der Art: Das waren noch Zeiten! Gewiß, säuselt man uns zu, es waren Diktatoren. Aber dieser Stil. Dieser Charme. Diese Lebensart. So lassen wir uns das Morgenland gefallen, gel? Eine Bevölkerung, die jubelt und pariert. Ölkonzerne, die in die richtigen Pipelines abpumpen. Und jede Menge Aufträge für "unsere" Industrie. Und dahinter steckt zweifellos der Wunsch: So sollte es wieder sein. Starke Führer werden gewünscht, fest mit dem Westen verbunden, die uns die islamische Welt, notfalls gewaltsam, auf den Weg der "westlichen Modernisierung" bringen lassen. Und damit wären wir bereits bei Bush`s neuesten Plänen für die arabische Welt, tele-visionär ins Bild gesetzt. Nur, dass sich in der Wirklichkeit die Statisten eben nicht wie Statisten verhalten.

Zum Hintergrund

Das Soraya-Thema und seine Behandlung als aufwändiger Fernsehfilm ist keineswegs zufällig dem verkitschten Hirn eines einfallslosen Quotenjägers entsprungen. Ausführende Produzentin des Zweiteilers ist die DEGETO-Film GmbH in Frankfurt am Main, die sich aus dem öffentlich-rechtlichen Gebührenaufkommen finanziert. (Gegenwärtiger Jahresetat: Über 300 Millionen Euro!) Gelenkt wird die DEGETO durch "entsorgte" Ex-Politiker, denen man an der Meinungsmacherfront eine gemütliche Heimstatt eingerichtet hat und die sich schon etwas dabei denken, wenn sie solchen Polit-Schmonzetten ihren Segen geben. Für die Schah-Serie bezahlte die DEGETO italienische und französische Subunternehmen, die das kaiserliche Leidensdrama mit Niedrigst-Lohn-Statisten in Bulgarien und Marokko inszenierten. Das ist angewandte Globalisierung: Wahrhaftig billige Propaganda.

*) Der Täter, Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, Abteilung "Politische Polizei", ist für den Todesschuß von hinten ohne Strafe davongekommen.
01.06.2004