Wir erfahren nur einen kleinen Teil der Wahrheit:

Tagebucheinträge aus Falludscha

Rahul Mahajan ist US Bürger. Er unterrichtet Physik an der Universität der texanischen Stadt Austin. Mahajan ist aber auch aktives Mitglied der Friedensbewegung und Herausgeber der Internet-Seite http://www.empirenotes.org. Seit einiger Zeit hält er sich im Irak auf. Sein Web-Tagebuch kann man im Internet nachlesen. Es ist nicht sensationsgeil, nicht reißerisch. Er beschreibt, was er sieht. Er befragt Zeugen. Er glaubt nicht alles, was man ihm erzählt. aber von vielem, was er nicht glauben wollte, mußte er sich überzeugen lassen. Mahajan' s Bericht steht derzeit leider nur auf Englisch zur Verfügung. Die nachfolgenden Auszüge entnehmen wir einer Übersetzung, die kürzlich in der Zeitung UZ* veröffentlicht wurde. Mahajan schreibt:

11. April, Falludscha - Diese Stadt erinnert mich an den Süden Kaliforniens. Sie liegt am Rande der westlichen Wüste Iraks und das Klima ist sehr trocken - durch Bewässerung wurde die Gegend jedoch landwirtschaftlich fruchtbar gemacht. Die Dörfer auf dem Wege dorthin machen einen armseligen und schmutzigen Eindruck. Falludscha selbst hebt sich nur leicht davon ab. Ein großer Teil der Bevölkerung besteht aus Bauern. Die Stadt selbst hat breite Straßen und niedrige, sandfarbene Gebäude. ...

Wir waren dort während des "Waffenstillstands". Wir hörten allerlei Schreckliches, was dort passiert war. Die aktuellen Meldungen gehen davon aus, dass in Falludscha 500 bis 600 Menschen getötet wurden, darunter schätzungsweise 200 Frauen und über 100 Kinder. Unter den Mudschaheddin gibt es keine Frauen - alle diese Personen sind also Zivilisten. Viele der verwundeten Männer, mit denen wir sprachen, sagten, dass sie lediglich ihren täglichen Beschäftigungen nachgingen, als sie getroffen wurden.

Hier kommt einiges von dem, was wir sahen und was uns berichtet wurde: Zu Beginn der Angriffe wurde als erstes das örtliche Kraftwerk bombardiert. Elektrizität wird von Generatoren erzeugt und normalerweise werden vorzugsweise besonders wichtige Einrichtungen versorgt. In Falludscha gibt es zur Zeit vier Krankenhäuser. Eines davon ist das, in dem wir waren. Im Grunde ist es nur eine kleinere Notfall-Klinik. Ein anderes Krankenhaus ist eigentlich eine Reparaturwerkstatt für Kraftfahrzeuge.

Es ging bei unserem Besuch sehr hektisch zu und es konnte nicht alles übersetzt werden. Um Informationen zu bekommen, waren wir auf Makka al-Nazzal angewiesen, einem Einheimischen, der für die humanitäre Nichtregierungsorganisation Intersos arbeitet. Ihm wurde kurzerhand die Funktion des Klinik-Geschäftsführers aufgedrückt, weil alle Ärzte rund um die Uhr mit einem Minimum an Schlaf im Einsatz sind. Al-Nazzal ist ein umgänglicher, urbaner Mensch, der fließend Englisch spricht. Er war außer sich vor Wut über die Angriffe der US-Amerikaner.

Als er uns den Horror beschrieb, den die Belagerung von Falludscha mit sich brachte, brach es aus ihm heraus: "47 Jahre lang bin ich ein Idiot gewesen. Ich hatte an europäische und amerikanische Zivilisation geglaubt."
Al-Nazzal berichtete uns, US-Scharfschützen hätten auch auf Krankenwagen, Frauen und Kinder geschossen. Ich hatte solche Berichte schon vor meiner Ankunft vom Hörensagen vernommen, war aber skeptisch. Es ist sehr schwierig, die wirklichen Tatsachen zu recherchieren. Aber ich habe mich mit eigenen Augen überzeugt: Ich sah einen Krankenwagen mit zwei Einschusslöchern in der Windschutzscheibe auf der Fahrerseite. Beide Schüsse waren so angesetzt, dass sie den Fahrer in die Brust treffen mussten. Die Scharfschützen verstecken sich auf Dächern und sind darauf trainiert, ihre Opfer in den Brustkorb zu schießen. Ein anderer Krankenwagen wies an der gleichen Stelle nur einen Einschuss auf. Die Treffer waren nicht zufällig - es waren wohlüberlegt angesetzte Schüsse um die Fahrer zu töten.

Die Krankenwagen fahren im Einsatz mit Sirene und roten, blauen oder grünen Warnlichtern - es ist also unmöglich, sie zu übersehen oder mit anderen Fahrzeugen zu verwechseln. Ein anderer Krankenwagen, in dem einige unserer Landsleute fuhren - in der Hoffnung, die Scharfschützen würden sie auf dem Weg zur Bergung Verwundeter verschonen - wurde ebenfalls beschossen.

Während der vier Stunden, die wir in der Klinik verbrachten, wurde etwa ein Dutzend Verwundeter eingeliefert. Unter ihnen eine junge Frau, 18 Jahre alt, mit Kopfschuss. Sie lag zuckend auf der Trage, Schaum quoll aus ihrem Mund. Die Ärzte rechneten nicht damit, dass sie die Nacht übersteht. Auch ein kleiner Junge dürfte die nächsten Stunden nicht überlebt haben, er hatte enorme innere Blutungen. Ein Mann hatte schwere Verbrennungen am Oberkörper und Wunden in den Oberschenkeln, die möglicherweise von einer Cluster-Bombe herrührten. Das zu verifizieren war aber unmöglich in diesem Tollhaus. Es wimmelte von laut jammernden Angehörigen und immer wieder hörte ich den Ruf "Allahu Akbar" (Gott ist groß) und Wutausbrüche gegen die US-Amerikaner.

Zu den eher lächerlichen Erklärungen der Bush-Regierung gehört die Aussage, die Mudschaheddin seien eine kleine Gruppe isolierter "Extremisten", die von der Mehrheit der Bevölkerung verabscheut werden. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt als das.

Natürlich, die Mudschaheddin nehmen keine Frauen, alte Männer oder sehr junge Kinder auf. Wir sahen allerdings einen Elfjährigen mit einer Kalaschnikow. Sie haben auch nicht die Mehrheit der Männer im kampffähigen Alter rekrutiert. Aber sie stammen aus der örtlichen Bevölkerung und werden von ihr auch voll unterstützt. Viele Verwundete wurden von Mudschaheddin ins Krankenhaus gebracht - die Kämpfer redeten dort unbefangen mit Ärzten und Besuchern. Ein Mudschaheddin trug eine irakische Polizeijacke. Leute, die ihn kannten, bestätigten uns, dass er in der Tat Polizist war.

Einer unserer Übersetzer, Rana al-Aiouby sagte mir: "Das sind ganz einfache Leute." Es sind bäuerliche Stammesangehörige, tiefreligiös. Sie unterscheiden sich nicht sehr von den Paschtunen oder Afghanen. Sie leben isoliert und schenken Fremden nicht sofort Vertrauen. Wir aber waren unter ihnen sicher, weil unsere Freunde bei uns waren und weil wir gekommen waren, um ihnen zu helfen.

Al-Nazzal erzählte mir, die Bevölkerung von Falludscha habe vor einem Jahr den Widerstand gegen die US-Amerikaner verweigert - und das aus dem Grunde, weil Saddam ihnen den Widerstand befohlen hatte. Und in der Tat, die Kämpfe um Falludscha im vergangenen Jahr waren nicht allzu heftig. "Wenn Saddam sagte, geht arbeiten, haben wir erst einmal drei Tage frei genommen. Die US-Amerikaner haben uns aber als Unterstützer Saddams behandelt."

Als Saddam gefangen wurde, sagten sie, der Widerstand werde nachlassen. Er ist aber gewachsen und die US-Amerikaner nennen uns immer noch Unterstützer Saddams. Nichts wäre einfacher gewesen, als die Sympathie und Unterstützung der Bevölkerung von Falludscha zu gewinnen. Das brutale Vorgehen der US-Amerikaner hat das aber jetzt unmöglich gemacht. Jetzt ist der Punkt überschritten - Falludscha kann nicht mehr von den Mudschaheddin befreit werden, ohne es zu zerstören.

12. April, Bagdad - Es gibt Leute, die das Töten in Falludscha "Genozid" nennen. Das ist ein zu starker Ausdruck, man sollte vorsichtig damit umgehen. Immerhin wird Frauen und Kindern das Verlassen der Stadt erlaubt, es ist auch nicht die ganze Stadt in Trümmer gelegt.

Nennen wir es anders: Es ist eine unglaublich brutale kollektive Bestrafung durch ein Besatzungsregime, das zwar weniger brutal ist als das Regime Saddams, das aber durch seine Unfähigkeit und Nachlässigkeit Schlimmeres anrichtet. Es werden zwar weniger Menschen in Massengräbern verscharrt - aber es sterben mehr Kinder aus Mangel an Medikamenten und es werden viel mehr Menschen auf offener Straße ermordet oder entführt. Es ist schwierig, sich ein ausgewogenes Urteil zu bilden - aber ich habe schon von vielen Leuten, darunter auch Schiiten, gehört, dass das Leben heute viel schlechter ist als früher.

Ein Kollege schrieb: "Internationale Hilfsorganisationen schätzen, dass 470 Menschen getötet wurden. Ärzte in lokalen Krankenhäusern geben mindestens 600 Tote an, in einer Stadt mit 200 000 Einwohnern. Wenn wir von 500 Toten ausgehen, wäre das jeweils ein Toter auf 400 Einwohner. Auf die USA umgerechnet wären das 725 000 Tote. Ich vermute, das ist die größte Gruppe von Zivilisten, die vom US-Militär seit dem Golfkrieg I getötet wurde."

Was dort geschieht, kann nicht einmal durch die Propagandamaschine der USA schön geredet werden, da helfen nur noch direkte Lügen. Ich hatte es früher schon einmal erwähnt und möchte es mit anderen Worten wiederholen: Die Menschen werden irgendwann erkennen, dass diese Woche die Welt ebenso verändert hat wie die Woche des 11. September 2001. Diese Einsicht erschließt sich nicht sofort, wir werden auch durch viele andere Themen abgelenkt.

Es ist jetzt überhaupt keine einigermaßen akzeptable Besatzungspolitik mehr möglich. Die USA bestehen darauf, im Lande zu bleiben und müssen deshalb entschlossen sein, den Irak zu "befrieden". Jetzt kann aber kein irakischer Politiker mehr auftreten und auch nur den Schein von Halblegitimität bewahren.

18. April, Bagdad - Am Samstag, bei der Pressekonferenz im Gesundheitsministerium war kein einziges westliches Medium anwesend. Lediglich der US-Fernsehsender al-Iraquia nahm noch das Statement des Ministers Khudair Abbas auf. Die Kollegen gingen aber, bevor der interessantere Teil, nämlich die Befragung des Ministers, begann. Pratap Chatterjee und mein Übersetzer, von dem ich diesen Bericht habe, nahmen an der Pressekonferenz teil.

Der Minister war bemüht, die Zahlen über Falludscha in Frage zu stellen - mein letzter Stand war über 700 Tote. Er sagte, die "offizielle" Zählung seines Ministeriums ergebe 155 Tote und 350 Verletzte. Niemand glaubt, dass diese Zahlen stimmen, auch Kommandeure der Marines nicht.

Interessant ist aber, dass im selben Zeitraum, zwischen dem 5. und dem 17. April, in Bagdad, Najaf, Kerbala, Hilla und Nasiriyah (aus diesen Städten lagen Angaben vor) 290 Irakis getötet und 1 196 verwundet wurden. In diesen Zahlen sind die Opfer von Kämpfen in Basra, Kut, Amara, Baqubah und Falludscha nicht enthalten. Elf Prozent der Toten sind Kinder.

Auf entsprechende Fragen bestätigte der Minister, dass US-Streitkräfte auf Krankenwagen geschossen haben. Und das nicht nur in Falludscha, sondern auch in Sadr City. Er stimmte zu, dass das kriminell sei und versicherte, er habe die amtierende Regierung und Bremer selbst um eine Erklärung gebeten. Dies ist eine sensationelle Bestätigung - ihr werdet darüber aber nichts in den Zeitungen zu Hause lesen. Denkt daran, das irakische Gesundheitsministerium gehört zu der von den USA eingesetzten Regierung.

Aber die wichtigste Geschichte geht noch weit darüber hinaus. Es geht um die Schließung von Krankenhäusern. Auch darüber ist nichts in englischsprachigen Medien zu erfahren: Falludscha liegt zum größten Teil auf dem Ostufer des Euphrat. Das Zentralkrankenhaus befindet sich auf der Westseite. Von Beginn des Angriffs an hatten die US-Amerikaner die Brücke gesperrt. Einheimische berichteten uns, alles was die Brücke betreten habe, sei vernichtet worden. Da niemand mehr das Krankenhaus erreichen konnte, habe das Personal freiwillig das Gebäude verlassen, wobei es soviel medizinische Ausrüstung wie möglich mitgenommen habe. Die Ärzte hätten die Verwundeten dann in einer Außenstelle des Krankenhauses auf dem Ostufer behandelt, in drei Räumen. Zwei Wochen lang mussten sie auf dem nackten Fußboden operieren, weil es nicht genügend Betten gab.

Man könnte einwenden, dass die US-Amerikaner zwar die Brücke, nicht aber das Krankenhaus schließen wollten - aber welcher Arzt, der noch an seinen hippokratischen Eid glaubt, wird in einem nicht erreichbaren Krankenhaus warten, während auf der anderen Seite des Flusses Menschen massenweise sterben?

* Die UZ ist die Zeitung der DKP. Bevor man uns an dieser Stelle "eine gewisse Richtung" unterstellt, möchten wir auf die traurige Tatsache hinweisen, dass es bisher kaum eine andere Zeitung in Deutschland für nötig befunden hat, Berichte wie die von Rahul Mahajan, also Berichte von "nicht eingebetteten" Zeitzeugen, zur Kenntnis zu nehmen. So ist das, was wir ansonsten über die Vorgänge im Irak erfahren, weitgehend durch die US-Militärzensur gefiltert.

26.04.2004