Eskalation im Irak verhindern

"Opfer der eigenen falschen Informationen"

25.4.2004 Johan Galtung ist Träger des alternativen Friedensnobelpreises und norwegischer Friedensforscher. Er hält die Irak-Politik der USA für gescheitert. In einem Interview mit der Deutschen Welle fordert er ernsthafte Schritte, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Sogar die Aufnahme von Verhandlungen mit Bin Laden hält er für einen denkbaren Schritt. Das Interview, das am 20. April 2003 gesendet wurde, hier im Wortlauf:

  • Herr Galtung, Sie gelten als einer der schärfsten Gegner der amerikanischen Intervention im Irak. Trotz der angespannten Lage im Land ist die US-Regierung überzeugt, sie habe richtig gehandelt. Nach dem Sturz von Saddam Hussein und den Taliban in Afghanistan sei die Welt sicherer geworden. Wie ist Ihre Einschätzung?

    Johan Galtung: Die amerikanische Regierung hat sich eine virtuelle Realität aus Missverständnissen und falschen Einschätzungen geschaffen. Jetzt ist sie Opfer der eigenen falschen Informationen und Lügen.

  • Können Sie dem Sturz Saddam Husseins nichts Positives abgewinnen?

    Das war für die USA nicht so wichtig. Hauptziele waren die Ölkontrolle, die Sicherheit für Israel und die Sicherung geopolitisch wichtiger Militärbasen. Doch die grausamste Epoche von Saddam Hussein lag in den 1980er-Jahren. Damals war er Bündnispartner der USA, und da hätte es durchaus gute Gründe für eine Intervention gegeben. Er ging damals grausam gegen die von den USA inszenierten Aufstände der Kurden und Schiiten vor.

  • Die aktuelle Lage im Irak ist von heftiger Gewalt gekennzeichnet. Fürchten Sie, dass die Situation weiter eskalieren könnte?

    Selbstverständlich. Wenn die USA Nadschaf angreifen und El Sadr töten, dann werden sie bestimmt die überwiegende Mehrheit der Schiiten gegen sich haben. Ich glaube, es gibt keine Dummheit, die die Amerikanische Regierung auslassen wird. Sie hört auf niemanden und glaubt, sie habe ein Mandat von Gott. Die größte Dummheit war der Krieg selber. Mein Gegenvorschlag: Man sollte eine Konferenz veranstalten ähnlich der Helsinki-Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) von 1973 bis 1975. Da könnte man die Möglichkeit diskutieren, den Irak als Bundesstaat mit drei Teilen, für die Kurden, Schiiten und Sunniten zu etablieren. Das ist aber nicht kompatibel mit der erwähnten Zielsetzung der Amerikaner im Irak.

  • Ist ein Vergleich des Irak-Krieges mit dem Vietnam-Krieg zulässig?

    Ja, in gewisser Weise schon. Die USA machen dieselben Fehler wie damals. Sie verstehen die dortige Lage nicht. Der Irak-Einsatz wird wohl auf ähnliche Weise enden wie der in Vietnam, nämlich mit Rückzug. Die so genannten alliierten Bündnispartner werden wohl dafür sorgen, dass dieser ohne allzu großen Gesichtsverlust für die USA möglich wird.

  • Der Sturz Saddam Husseins hat den Internationalen Terrorismus nicht eindämmen können, im Gegenteil: Auch Europa sieht sich im Visier des Terrors. Was ist jetzt nötig?

    Es ist eine Versöhnung zwischen dem Westen und dem Islam nötig. Es gibt 1,3 Milliarden Muslime und auf denen hat man herumgetrampelt. Doch niemand hat sich dieser Sache wirklich angenommen. Es wird immer nur über Gegenschläge geredet. Man muss bereit sein, muslimische Stimmen deutlich zu hören und zu verstehen, dann hätte man nicht nur für den Frieden einen Beitrag geleistet, sondern auch für die Sicherheit Deutschlands.

  • Wie könnte man den Dialog zwischen den Religionen in der Praxis verbessern?

    Ein Vorschlag: Jeden Freitag könnte ein Spitzenmuslim im deutschen Fernsehen auftreten als Einleitung eines Dialogs über die guten Seiten des Islams und des Christentums. Besonders gemäßigte Muslime sollten ihre Position darstellen, nicht die Fundamentalisten. Es gibt so viele wunderbare Sachen im Koran, die im Westen gänzlich unbekannt sind: zum Beispiel die Sure 8,61. 'Wenn dein Gegner eine Neigung zum Frieden hat, dann tu dasselbe.' Also Frieden schafft Frieden. Ich finde das schön. Mein Aufruf lautet: Moderate aller Länder vereinigt Euch, ihr habt nur die Fundamentalisten beider Seiten zu verlieren.

  • Wie weit sollte der Dialog denn gehen? Sollte man auch mit Bin Laden verhandeln und dessen jüngstes Angebot an den Westen auf einen Gewaltverzicht aufgreifen? Bin Laden hatte in einem Tonband erklärt, eine Waffenruhe werde beginnen, wenn die europäischen Soldaten die islamischen Länder verlassen habe.

    Wir brauchen geheime Verhandlungen mit Bin Laden. Das habe ich bereits vor Monaten angeregt. Das Angebot, das jetzt Bin Laden unterbreitet hat, erinnert in frappierender Weise an die Lösung der Kuba-Krise 1962. Damals sagte die Sowjetunion den USA: Ihr zieht eure Raketen aus der Türkei ab - die Stationierung der Raketen in der Türkei war damals vielen übrigens nicht bekannt - und ich ziehe meine aus Kuba ab. Jetzt hat Bin Laden in gewisser Weise dasselbe gesagt.

  • Trauen sie einem Mann wie Bin Laden ernsthafte Verhandlungsbereitschaft zu?

    Es ist natürlich nicht einfach, mit diesen Leuten zu reden. Sie fühlen sich vom Westen gedemütigt. Das Problem ist, dass sich beide Seiten gegenseitig satanisieren. Dabei spielen auch die Medien eine Rolle. Die Medien sind meistens grausam und leisten einen ekelhaften Beitrag zur Gewaltspirale. Wer nur über die Gewalt berichtet, erntet Gewalt. Bei den Gewalttätigen, wie beispielsweise dem Selbstmörder und seiner Familie, führt das zu Triumphgefühlen, wenn soviel auf den Titelseiten darüber geschrieben wird. Friedensjournalismus dagegen bedeutet, noch zusätzlich Fragen zu stellen. Erstens: Welcher Konflikt liegt zugrunde und welche Zielsetzungen verfolgen die Konfliktparteien? Und zweitens: Gibt es eine Möglichkeit zur Lösung? Nur zu berichten, dass gewalttätige Leute gewalttätig sind, das ist keine Analyse.
25.04.2004