"Krieg ist der Vater aller Gewalt"

Politiker fordern "mehr Hilfe" -
Wir fordern den Abzug aller Truppen


10.4.2004 Die erzieherische Wirkung des Fernsehens ist ungeheuerlich. Wörtlich gemeint. Was wir in den letzten Wochen nicht alles lernen sollten. Zum Beispiel: Wer Bomben wird, ist ein Terrorist. Dazu Bilder aus Madrid. Schiitischer Fanatiker schänden Leichen. Dazu Bilder aus Fallutscha. Bewaffnete Menschen sind gewaltbereite Massen. Dazu Bilder von Irakern mit Gewehren. Der Terrorismus erklärt der westlichen Welt den Krieg. Dazu geheimnisvolle Videobänder mit einem halbdutzend Figuren drauf. Schiiten gehen mit orientalischer Grausamkeit vor. Dazu Bilder von japanischen Geiseln. Und immer mehr Bilder. Und immer mehr Experten. Dieselben Korrespondenten, die uns mit glänzenden Augen die "brilliante Kriegstechnik" bei der Bombardierung irakischer Städte kommentierten, schniefen nun vor Entsetzen über die Grausamkeit der Eroberten. Es sind spezielle Experten, deren einziger Beleg für ihr Expertentum ein Mikrofon in der Hand ist. Sie erklären uns die Welt in scharfen moralischen Kategorien: Böse Täter dort, unschuldige Opfer hier. Aber geht das so einfach?

Die Friedensbewegung hat vor all dem gewarnt, was jetzt im Irak entfesselt wird. Aber auch angesichts der großzügig in den Medien platzierten Schreckensbilder werden wir nicht Verstand und Vernunft verlieren. Was im Irak heute geschieht, ist nicht typisch "für die da", sondern direkte Folge des verbrecherischen Überfalls auf den Irak. Alle Opfer von gestern, heute und morgen sind Opfer desselben Krieges, den die USA und Großbritannien entfesselt und den alle westlichen Länder nachträglich legitimiert haben.

Mediale Flinkschwätzer

Wenn man den medialen Flinkschwätzern zuhört, hat man den Eindruck, dass sie ihre schnell gefällten moralischen Urteile aus demselben Katechismus holen. Ihr Trick ist, dass sie die ersten 200 Seiten des Katechismus einfach überspringen und ihre Sätze nur aus dem Kapitel "Du sollt kein Terrorist sein" abschreiben. Aber was ist mit den ersten 199 Seiten? Mit den Kapiteln nämlich, in denen steht: "Du sollst keine anderen Länder überfallen" oder "Du sollst nicht besetzen und plündern"? Den bewaffneten Irakern kann man immerhin zugute halten, dass sie sich im Irak befinden. Was aber kann man den bis an die Zähne bewaffneten US-Soldaten zugute halten? Oder den privaten Wachleuten, von amerikanischen Firmen überall in der Welt angeheuert, die das im Irak frisch okkupierte Eigentum für ihre westlichen Auftraggeber "nur" bewachen, aber leider auch das Motto der Eroberer: "Erst besetzen, dann besitzen!" symbolisieren?

Und wer mit den grausamen Bildern einer Leichenschändung Stimmung machen will, sollte sich doch auch eines anderen Grundsatzes erinnern, nämlich "Du sollst keine Streubomben und andere Bomben auf Menschen werfen". Wie haben wohl die Leichen der ungezählten irakischen Kinder ausgesehen, die durch Streubomben getötet wurden und deren Anblick man uns aus schlechtem Grund ersparte? Die Flinkschwätzer täten auch gut daran, sich eines anderen bewährten Grundsatzes zu erinnern: "Du sollst ein Volk nicht 10 Jahre lang durch Boykott demütigen und damit den stillen Tod von 2 Millionen Irakern verursachen, um Rache an einem durchgeknallten Ex-CIA-Agenten zu nehmen". Vor allem aber: "Du sollst Dich nicht wundern und unschuldig tun, wenn aus dem mit westlicher Gewalt und westlicher Arroganz gedüngten Boden immer wieder Gewalt und Haß auf die Eroberer erwächst."

Die einzige Chance für uns und die Iraker

Natürlich ist längst klar, daß nur ein sofortiger Abzug aller fremden Truppen dem Irak den Hauch einer Chance lassen würde, in den nächsten Jahren unter irakischer Souveränität so etwas wie Normalität in einem säkularen Irak zurückzugewinnen. Schwer genug würde das werden. Aber um die Chancen für den Irak und die Iraker ist es niemals in diesem Krieg gegangen. Auch jetzt nicht. Abzug der Truppen? Dann müßte man in Washington und London einen der größten Fehler eingestehen. Müßte womöglich nicht nur die politische, sondern auch die völkerrechtliche Verantwortung tragen; Wiedergutmachungen wären die logische Folge. Und: Das eigentliche Kriegsziel, die Aneignung des Öls und anderer Reichtümer und die militärische Kontrolle über die ganze Region, gingen verloren.

Welcher Imperialist schreibt eine solche Rieseninvestition einfach ab? Das will man in London und Washington nicht. Das will auch die EU und die NATO nicht. Sowohl in Berlin wie in Paris werden nur die irakischen Gewaltaktionen verurteilt, nicht die Besatzung. Viel lieber redet man in Brüssel, Berlin und Paris "von Hilfe". Vielleicht wird man versuchen, durch Austausch der Truppen und durch Mißbrauch der UNO die besonders verhaßte US-Armee in die Etappe zu holen. Aber auch mit nachträglich ergaunertem UN-Mandat würde diese Besatzung ihren Charakter nicht verändern. Es wäre weiterhin ein Besatzungsregime des habgierigen Westens und würde weiterhin lieber durch langwierige Besatzungskämpfe "gegen Terroristen" den Irak buchstäblich ausbluten, als die durch Krieg eroberten militärischen und ökonomischen Machtpositionen aufzugeben.

Das scheint die traurige Situation zu sein. Und es wird noch viel Arbeit und leider auch viele Opfer erfordern, um der Vernunft eine Chance zu öffnen.
10.04.2004