Friedensbewegung lebt weltweit:

Wir pfeifen auf das Drehbuch
Überall auf der Welt: Proteste gegen den Irak-Krieg, die Besatzung und die Politik der US-Regierung. An vielen tausend Orten auf allen Kontinenten haben Menschen gezeigt, dass sie nicht bereit sind zu vergessen. Und schon gar nicht zu vergeben. Die Friedensbewegung, die sich aus so vielfältigen Kräften zusammensetzt, demonstriert damit ein neues Moment der Beständigkeit, das es vorher so nicht gegeben hat. Ob es unsere kleine Kundgebung in Castrop-Rauxel ist oder eine Riesendemo in Rom: Der Erfolg liegt in der Beständigkeit. Denn wenn auch der Irak-Krieg vor einem Jahr nicht verhindert werden konnte, so ist doch vieles seitdem nicht so gelaufen, wie es das in Washington und London geschriebene Drehbuch vorgesehen hatte.

Wir sollten uns jedes Jahr daran erinnern, daraus eine gute Tradition machen: Am 20. März 2003 überfiel die US Armee im Bündnis mit Großbitannien, Spanien, Italien und einigen anderen Mitverschwörern den Irak. Die vorgeschobenen Gründe: Saddams Massenvernichtungswaffen! Obwohl damals längst klar war, dass es diese Massenvernichtungswaffen nicht mehr gab. Obwohl fast alle irakischen Oppositionsgruppen gegen einen Krieg votierten. Obwohl jede formale Legitimität, etwa ein Beschluß des Sicherheitsrats, fehlte. Zwar war der Krieg schnell zu Ende, denn das Saddam-Regime stand längst vor dem Zusammenbruch. Aber der Blitzsieg-Jubel konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass kaum jemand sich an das Drehbuch halten wollte.

Immer weniger Statisten und Überläufer
Die irakische Gesellschaft begrüßte die Angreifer nicht als Befreier und lehnte die zugiewesene Statistenrolle ab. Vielleicht zum ersten Mal wollte eine größere Weltöffentlichkeit nicht nur Publikum sein, sondern Einfluß nehmen. Es behielt die angeblichen "Kriegsgründe" und die Bombenwerfer scharf im Auge; die sonst übliche Rolle, nämlich "zum Sieger überlaufen und anerkennenden Beifall spenden", wurde mehrheitlich abgelehnt, wenn auch leider die Regierungen in Berlin und Paris Gefallen daran fanden. So ist es der Kriegskoalition bis heute trotz aller Winkelzüge nicht gelungen, eine Mehrheit von der Legitimität und Selbstlosigkeit des Irak-Kriegs zu überzeugen. So oft auch die angeblichen Kriegsgründe wechselten: Erst die Massenvernichtungswaffen, dann die Menschenrechte, dann die Demokratie - Millionen Menschen weltweit wissen genau, worum es wirklich ging. Um den Zugriff auf das Öl und den Ausbau der militärischen Macht.

Jedes Wort gelogen

US-Präsident Bush verteidigte am Jahrestag in seiner wöchentlichen Radioansprache natürlich erneut den Irak-Krieg, jede Woche mit anderen Worten und denselben Lügen. Diesmal: "Die Befreiung des Irak war gut für die irakische Bevölkerung, gut für Amerika und gut für die ganze Welt." Gut für die Iraki? Vielleicht für einige, die am großen Reibach beteiligt werden. Ganz gewiß nicht für die 10.000 toten Zivilisten, über die niemand mehr reden möchte. Und auch nicht für die Mehrheit, die mit 70% Arbeitslosigkeit, den schlimmen Kriegsfolgen und kulturellen Diktaten fertig werden müssen.

Gut für Amerika? Gewiß für die Rüstungs- und Ölkonzerne, deren Aktienkurse und Profite steil angestiegen sind. Aber ganz sicher nicht für die getöteten US-Soldaten, die in Bush`s Propaganda niemals vorkommen. Und auch nicht für das Zwei-Drittel-Amerika, dem die Lasten für die militärische Weltbeherrschung aufgebürdet werden und die sich zum Jahrestag gewaltig zu Wort meldeten.
Und gut für die ganze Welt? Da hat die Welt wirklich eine andere Meinung. (Einige dieser Meinungen werden deutlich, wenn Sie am Ende dieses Artikels auf "Galerie" klicken.) Wenn es auch leider stimmt, wie Bush ebenfalls stolz verkündet hat, dass "die Differenzen zwischen den USA und befreundeten Staaten (da meint er die Regierungen) über den Krieg der Vergangenheit" angehören. Aber was sind schon Regierungen? Die kommen und gehen.

Weltweit wachsam bleiben

Dass die weltweite Friedensbewegung sich heute anders, nämlich beständiger darstellt, belegen die weltweiten Aktionen zum Jahrestag der Aggression. Und da zählen nicht nur die großen Aktionen: Mehr als hunderttausend Menschen demonstrierten durch Manhattan. Insgesamt waren Millionen Amerikaner unter der Losung "Bring the troops home" auf der Straße. In Rom waren es so viele, dass sogar die Berlusconi-Polizei von einer Viertelmillion sprechen mußte. Aber die Aufnahmen des Fernsehens zeigen, dass es viel viel mehr waren. Ob dreißig Teilnehmer in Castrop-Rauxel oder Millionen in Rom. Wichtig ist, dass nichts vergessen wird. Jede Aktion bildet das heraus, was man als kollektives Gedächtnis bezeichnen könnte. Der Irak-Krieg hat viele Menschen aufgeweckt. Jetzt kommt es darauf an, wachsam und aktionsbereit zu bleiben.

Weitere Fotos und berichte übder Friedensaktionen hier im Internet
23.03.2004