Von guten und schlechten Bomben:

Die Stunde der Krokodile

13.3.2004 In Spanien hat ein Bombenanschlag vielen Menschen das Leben genommen. Tausende wurden verletzt. Millionen haben das Gefühl von Sicherheit verloren. Während die Angehörigen trauern und wir alle den Schock verarbeiten, drängeln sich die agilen Polit-Krokodile vor die Fernsehkameras. Sie heucheln ihre Tränen in alle Welt und zögern keine Sekunde, um mit der millionenfachen Trauer das eigene Geschäft zu fördern. Die einen wollen, das es die ETA gewesen ist, um damit eine Wahl zu gewinnen. Die anderen möchten, das es Al-Kaida war, um den weltweiten "Anti-Terror-Krieg" am laufen zu halten. Trauer? Verantwortung? Analyse? Was denn: Sie haben die Medien und das muß genügen.

Die Welt ist nicht so schlicht gestrickt wie ein Bruce-Willis-Film: Hier die guten Bomben, da die bösen Bomben. Wer den "Terror" immer nur in dem sieht, was die anderen machen, sieht gar nichts. Keine Frage: Es sind kranke Hirne, die Bomben in Personenzügen legen. Aber woher kommt die Krankheit? Und was trägt zu ihrer Verbreitung bei? Und welche Medizin ist wirksam?

Politische Abkocher

Derselbe spanische Ministerpräsident, der sich vor elf Monaten für den tausendfachen Abwurf von Streubomben auf irakische Wohngebiete in Heldenpose feiern ließ, will uns mit Betroffenheit kommen. Der deutsche Außenminister, der es völlig in Ordnung fand, der US-Army zu gestatten, die tödlichen Bomben von Deutschland aus unter dem Schutz der Bundeswehr in den Irak zu fliegen, will uns etwas von moralischer Verantwortung erzählen. Die Partei mit dem großen C, deren Vordenker heute schon über den Einsatz von Atomwaffen nachdenken, wollen uns überreden, mit noch mehr Militär einem Problem beizukommen, das ja durch die Militarisierung der Politik überhaupt erst weltpolitische Bedeutung gewonnen hat.

All die fixen Durchblicker und Welterklärer, von CDU bis Rot-Grün, kommen uns nun mit neuen Anti-Terror-Gesetzen. "Bundeswehr für den inneren Einsatz!" wird gefordert. Na bitte: An jeder Ecke ein schwerbewaffneter Soldat? Video-Kameras an jeder Laterne? Vielleicht alle hundert Meter eine Mautstelle für Fußgänger mit Personen-Scan? Transport von Plastiktüten und Aktentaschen nur mit amtlichen Transportpapieren? Wer auch nur 10 Sekunden darüber nachdenkt, weiß, daß man damit gegen individuellen Bombenterror nichts ausrichtet. Im Gegenteil: Das Resultat solcher Phantasien mag man verschämt als wehrhafte Demokratie bezeichnen. Der klassische Begriff dafür wäre Militärdiktatur.

Die Wurzeln des Übels

Nach dem Attentat auf das World-Trade-Center in New York gab es viele nachdenkliche Stimmen. Für wenige Tage wurde auch über die perversen ökonomischen Strukturen unserer Welt als Brutstätte des Terrorismus diskutiert. Besonnene Politiker forderten damals, nicht nur den Terroristen, sondern vor allem diesen Strukturen den Kampf anzusagen: Durch faire Kooperation zwischen reichen und armen Ländern, ohne demütigende Bedingungen, ohne hochnäsige Besserwisserei, ohne zwangsweisen Export von politischen Modellen, die nicht einmal in ihren Ursprungsländern wirklich gut funktionieren.

Passiert ist in dieser Richtung nichts. Die Terrorismus-Debatte wurde eingeebnet. Die neoliberalen Markt- und Machtdogmatiker nutzten die Situation. Vom "Kampf gegen den Terrorismus auf allen Ebenen" blieb nur der Krieg und die neoliberale Variante der Globalisierung übrig. Folge: Seit dem 11.9.2001 verzeichnen wir einen dramatischen Rückgang der Wirtschaftshilfen für die ärmsten Länder. Die Schuldenlast für die armen Länder hat sich fast verdoppelt. Die Kluft zwischen arm und reich ist heute zwischenstaatlich wie auch innerhalb der Staaten so groß wie nie zuvor.

In der Berichterstattung über das Attentat von Madrid war denn auch im Chor der selbstgefälligen Terrorismus-Theoretiker für die Stimme der Vernunft kein Platz mehr. Welcher westliche Politiker spricht den Angehörigen der 10.000 zivilen Opfern des Irak-Kriegs sein Beileid aus? Wer trauert bei uns über die vielen tausend Opfer der Kriegszerstörungen? Welcher Politiker bei uns verurteilt den Ausverkauf der irakischen Wirtschaft an westliche Konzerne? Und der Irak ist nur ein Beispiel von vielen: Wer zählt die Opfer der zwangsweise verordneten "Wirtschaftsreformen" in den armen Ländern? Als Folge sterben nicht weniger, sondern mehr Menschen am ordninären Hunger. Nicht, weil es nichts zu essen gibt, sondern weil es ihnen am Geld(!) fehlt, um das Essen zu bezahlen. So sieht das doktrinäre Marktmodell der Weltbank in der Praxis aus: Kein Geld? Kein Leben!

"Filialen der Hölle"

Ein Kommentator hat das Attentat in Spanien als "Gruß aus der Hölle" bezeichnet. Kein schlechtes Bild. Wenn man damit nicht nur die Hölle des Terrorismus meint, mag er sich islamisch oder baskisch, religiös oder national kleiden. Die Hölle hat ein weit verzweigtes Filialnetz auf Erden: Da gibt es die staatlich finanzierten Höllen im militärischen Outfit, bestens ausgestattet mit allen Höllenmaschinen dieser Welt und global einsatzbereit. Und es gibt die weniger bekannten Höllen, von der Weltbank für jene eingerichtet, die das Pech haben, am falschen Ort zur falschen Zeit zu leben. Alle Höllen haben eines gemeinsam. Sie wurzeln in derselben zutiefst ungerechten Wirtschaftsordnung. Die ökonomischen und militärischen Eroberungen der einen und die fanatische Gewaltpolitik der anderen sind die beiden Seiten desselben Terror-Systems. Wem das zu dramatisch klingt, kann es mit Pestalozzi halten: Es gibt keine Unterdrückung ohne Gegenwehr!

Wahrscheinlich wird es weitere Anschläge geben. Vielleicht auch in Deutschland. Und mit jedem Anschlag wird die Stunde der Krokodile schlagen. Sie werden wie bisher versuchen, die Verbrechen der Terroristen für eigene Zwecke zu nutzen. Zum Ausbau ihres eigenen Machtapparats und für die Kaschierung der von ihnen selbst erzeugten Schrecknisse. Solange wir zulassen, daß in unserem Namen den ärmeren Staaten eine durch und durch ungerechte Wirtschaftsordnung ökonomisch und militärisch aufgezwungen wird, solange wir dulden, daß der Grundsatz "erst besetzen, dann besitzen" zur herrschenden Variante der Globalisierung wird, solange werden wir auch die Kehrseite dieser Politik ertragen müssen: Den gegen die reichen Länder gerichteten Terrorismus. Eine andere Welt ist möglich. aber nur, wenn wir es wollen.
13.03.2004