Rede von Arundhati Roy auf dem Weltsozialforum in Indien:

Freut sich die Mastgans auf Weihnachten?
3.2.2004 Die bekannte indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat auf dem Weltsozialforum in Indien (17.-21. Januar 2004) eine viel beachtete Rede gehalten. In den Medien Deutschlands wurde daraus die Behauptung abgeleitet, Arundhati Roy unterstütze den bewaffneten Widerstand im Irak. Aber natürlich ist die Welt etwas komplizierter als ein Kommentar in den Tagesthemen uns glauben läßt. Der Beitrag Roys wurde wurde in der indischen Zeitung The Hindu unter der Überschrift: Do turkeys enjoy thanksgiving? veröffentlicht, was auf deutsch etwa heißt: Freut sich die Mastgans auf Weihnachten?

Wer die Rede liest, wird eine Menge über andere Perspektiven lernen. Roy ist eine Stimme derjenigen, die meist als "dritte Welt" oder "Peripherie" abgetan. Sie zeigt uns, daß aus ihrer Perspektive der Zusammenhang von Globalisierung und Krieg viel schärfere Konturen hat, und daß der Widerstand dagegen nicht nur ein moralisches Problem, sondern eine Überlebensfrage für Milliarden Menschen ist.

Arundhati Roy beginnt ihre Rede mit den Worten: "In großen Städten Europas und Amerikas, wo solche Dinge noch vor ein paar Jahren nur geflüstert worden wären, sprechen Menschen nun offen von den guten Seiten des Imperialismus und von der Notwendigkeit eines starken Imperiums, um eine aufsässige Welt zu überwachen. Die neuen Missionare wollen Ordnung auf Kosten von Gerechtigkeit. Disziplin auf Kosten von Würde. Und Überlegenheit um jeden Preis. Gelegentlich werden einige von uns eingeladen, das Problem auf »neutralen Plattformen zu debattieren«, die von Medienkonzernen gestellt werden. Imperialismus debattieren ist ein bißchen wie das Für und Wider von Vergewaltigung abzuwägen. Was können wir dazu sagen? Daß wir so was wirklich vermissen?"

Wir empfehlen jedem, die Rede zu lesen. Man hat danach gewiß einiges zu verdauen. Das kann nur gut tun und unser europa-zentriertes Weltbild korrigieren. Vor allem besteht überhaupt kein Grund, sich wegen der Rede von Arundhati Roy zu distanzieren, wie das leider Attac und einige Friedensgruppen unter dem Druck einer tendenziösen Berichterstattung voreilig getan haben.

03.02.2004