Medien als Weichensteller zum Krieg

Auszug aus einem Referat von Heinz Loquai, General a.D.

Am 6./7. Dezember 2003 fand in Kassel das bundesweite Treffen von Friedengruppen statt. Auf diesem "Friedenspolitischen Ratschlag" hielt Dr. Heinz Loquai, General a.D., ein Referat über die Rolle der Medien bei Vorbereitung, Durchführung und Rechtfertigung von Kriegen. Er nimmt den 1. Irakkrieg und den Krieg gegen Jugoslawien als Beispiel und geht in seiner Zusammenfassung auch auf den letzten Irak-Krieg ein. Wir dokumentieren hier den Abschluß seines Beitrags. Den vollständigen Text des Referats finden Sie auf der Website des Friedenspolitischen Ratschlags.

Das mediale Propagandamenü

Seit dem 1. Weltkrieg ist eine systematische, auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende Planung und Durchführung von Kriegspropaganda erkennbar. Im Laufe der Zeit wurde - auch begünstigt durch immer neue technische Möglichkeiten - die Kriegführung an der Medienfront weiterentwickelt und vervollkommnet. Medien werden dabei genutzt als unerläßliche Vermittler, sie entwickeln jedoch auch eine Eigendynamik aus sich selbst heraus. Im Gesamtüberlick lassen sich bestimmte Elemente einer Komposition identifizieren, die zur Einstimmung der Bevölkerung auf einen Krieg regelmäßig vorkommen. Im einzelnen kann man feststellen:

* Eine Dramatisierung der Gefahr bzw. der Bedrohung

* Die Verharmlosung des Ereignisses Krieg und der Kriegsschäden

* Hervorbringen eines Gefühls der Unvermeidbarkeit des Krieges

* Missachtung und Diffamierung des Widerstands gegen den Krieg

* Bestialisierung des Feindes

* Glorifizierung der eigenen Führungspersönlichkeiten

Ich möchte hier nur auf einige dieser Elemente der Kriegspropaganda eingehen.

Dramatisierung der Gefahr bzw. der Bedrohung

Bei der Vorbereitung des Krieges gegen Jugoslawien waren es die Schlagwörter Massaker, humanitäre Katastrophe und Völkermord, die das Signal zum Eingreifen gaben. Im Vorfeld der Ermächtigung durch den amerikanischen Kongress beschwor Bush, man müsse "einem jederzeit möglichen Angriff Iraks auf die USA und ihre Verbündeten zuvorkommen."(37) Der amerikanische Außenminister stellte im Februar 2003 in einer monumentalen Inszenierung vor dem Sicherheitsrat die Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen dar. In einem derartigen Ausmaß wurde wohl dieses Gremium noch nie hinters Licht geführt und zum Narren gehalten.

Doch auch die deutsche Presse beschwor die irakische Gefahr. Rühl warnt in der FAZ vor der Gefahr, dass "Massenvernichtungsmittel in unmittelbarer Nähe zum euro-atlantischen Sicherheitsraum aufgestellt" werden könnten und Europa "in Reichweite von Raketen aus dem Mittleren Osten" kommen könnte.(38) Noch bedrohlicher wird es, wenn berichtet wir, im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags sei mitgeteilt worden, "der Irak verfüge über das Potential von Raketen, die bis Wien und München reichen könnten."(39)

Bestialisierung des Feindes

Die Medien konnten hier auf eine gute Vorarbeit aufbauen. Schon 1990/91 haben sie Saddam Hussein mit Hitler und Stalin gleichgesetzt. Inzwischen kam jedoch ein anderer Belzebub hinzu, Slobodan Milosevic. Der jugoslawische Ex-Präsident war für die deutschen Medien ein "Schlächter". Nun meint B. Kohler, Saddam Hussein lasse den Serben wie "einen blutigen Amateur" aussehen.(40) "Saddam Hussein ist ein moderner totalitärer Herrscher. Verglichen mit ihm, ist Milosevic ein verhältnismäßig netter Kerl."(41) Joffe meint, Milosevic wirke "im Vergleich zu Saddam nur wie ein Schmierenschurke". Saddam ist für ihn ein "totaler Massenmörder" und "zweifacher Angriffskrieger".(42) Was muss wohl Saddam Hussein für ein Ungeheuer sein, wenn der "Schlächter" Milosevic in den Medien schon mit Hitler gleichgesetzt wurde und als der "boshafteste Despot in Europa" galt!(43)

Glorifizierung der eigenen Führungspersönlichkeiten.

Dies ist das funktionale Äquivalent zur Entmenschlichung des Gegners. In der SZ eine Hommage für Condoleezza Rice, Bushs Sicherheitsberaterin. "Immer war sie die Erste, die Beste, die Schnellste und die Klügste bei allem, was sie anpackte..." Wie "mit einem Zauberstab" steuere sie die Debatte. "Condi" -so nennt sie der Verfasser liebevoll - sei eine "Kriegerprinzessin".(44)

Der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld ist für Thomas Kleine-Brockhoff ein "Visionär des Krieges". Er wolle die Militärstrategie revolutionieren. Der Irak-Feldzug soll sein Meisterstück werden.... Viele Amerikaner finden Rumsfelds Schlagfertigkeit und seine funkelnde Intelligenz erfrischend. Seit dem Afghanistan-Krieg gilt er als eine Art Sex-Symbol."(45)

Vom Washingtoner Korrespondenten der FAZ erfahren wir u. a., Bush studiere die Bibel jeden Tag, er bete regelmäßig und richte sein Handeln nach der Frage aus "Was würde Jesus tun?" Der Präsident sei ein "Ausbund an Bescheidenheit und Volksverbundenheit", es gebe zwar eine "arrogante Faser[!] im Wesen Bushs" doch er sei "ein Mensch der Liebe." Seine "Portion missionarischen Eifers" werde durch "staatsmännische Besonnenheit abgefedert", im "geduldigen Warten" sei die "Entscheidung des politischen Naturtalents zum Ausdruck" gekommen. Zwar wisse Bush, dass er kein Intellektueller ist, sich aber auf "seinen politischen Instinkt, seine Klugheit und seinen Mutterwitz" verlassen könne.(46) Hinter dieser messianischen Verklärung des amerikanischen Präsidenten in der FAZ möchte natürlich auch "Die Zeit" nicht zurückstehen. "Nach dem Frühgebet geht Bush die Treppe hinunter ins Oval Office ...Nichts prägt den Menschen George Bush stärker als die Begegnung mit dem Erlöser bei der eigenen Wiedergeburt... Mit der Frage des Krieges lebt Bush, so sagt er selbst, in völligem Frieden'"(47).

Doch damit reichte es offenbar immer noch nicht: "Womöglich ist diese religiös grundierte Frugalität einer der Hintergründe für das persönliche Zerwürfnis mit Gerhard Schröder. Denn der deutsche Kanzler, mehrfach geschieden und Freund des Rotweins verkörpert alles, was Bush hinter sich gelassen hat."(48) So über die Hintergründe des Verhältnisses zwischen " reinem Wiedergeborenen" und "sündigem Lotterbuben" belehrt, können wir uns auch weiterhin auf die Objektivität und das Urteilsvermögen von Amerika-Korrespondenten führender deutscher Tages- und Wochenzeitungen verlassen! Eingebettet bei den alliierten Truppen, eingebettet in das politik-mediale Netzwerk in Washington - wo liegt da der Unterschied?

Quellen zu den Zitaten:

38. Lothar Rühl, Bevor es zu spät ist, in: FAZ vom 10. 1. 2003, S. 12.
39. P.s.a./ban, Regierung verschweigt Wissen über Irak, In: FA>Z, 31. 1. 03, S. 2.
40. Berthold Kohler, Die Demokratien und der Krieg, in: FAZ, 30.08.2002, S. 1.
41. Ronald D. Asmus, Die neue deutsche Unverantwortlichkeit, in: FAZ, 17.09.02, S. 12.
42. Josef Joffe, Große deutsche Koalition, in: Die Zeit, 23. 1. 03, S. 29.
43. So der spätere Staatsminister im Auswärtigen Amt Ludger Volmer am 16. 10. 1998 im Deutschen Bundestag (BT-Protokoll, S. 23151).
44. Wolfgang Koydl, Platziert im vordersten Hintergrund, in: SZ, 11./ 12. 1. 03, S. 3.
45. Thomas Kleine-Brockhoff, Der Visionär des Krieges, in: Die Zeit, 27. 3. 03, S. 3.
46. Matthias Rüb, Der fromme Mann im weißen Haus, in: FAZ, 29. 1. 03, S. 3.
47. Thomas Kleine-Brockdorf, Der Wiedergeborene, in: Die Zeit, 13. 3. 03, S. 2.
48. Ebenda.


22.12.2003