Lehren der Vergangenheit:

"Unser Gesetz... unsere Ordnung... unser Wille..."

14.12.2003 In den letzten Monaten sind in den USA die Warnungen vor einem "zweiten Vietnam" im Irak immer lauter geworden. Natürlich sind solche Vergleiche nur bedingt gültig. Zwar haben die US-Strategen auch im Irak die Abneigung der Bevölkerung gegen die Besatzer völlig unterschätzt. Und auch hier ist die plumpe Verleumdung des irakischen Widerstands als "Hussein-Anhänger" (was sie mehrheitlich nicht sind) eher den Überbleibseln des alten Regimes nützlich. Aber vieles ist natürlich unvergleichbar. Und dennoch: Wenn die Besatzungsmacht jetzt überall von den "befreundeten Staaten" Söldnertruppen anfordert und zu unverhüllten, lange nicht mehr gehörten Drohungen gegen die irakische Bevölkerung greift, werden zwangsläufig auch Erinnerungen an Vietnam wach. Und Bush's bezeichnender Satz "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" (den schon andere vor ihm entdeckt haben) gewinnt eine gefährliche Bedeutung.
Der US-Statthalter im Irak, Paul Bremer, forderte im November die Iraker zu mehr Dankbarkeit auf. Andernfalls bietet er die bekannte Lösung an: "Wir werden sie (den irakischen Widerstand) bekämpfen und ihnen unseren Willen aufzwingen und wir werden sie fassen oder töten, bis wir unser Gesetz und Ordnung im Land durchgesetzt haben. Wir dominieren das Geschehen und werden dem Land unseren Willen aufzwingen." Das sind deutliche Worte: Unser Gesetz... unsere Ordnung... Willen aufzwingen... töten. Was aber, wenn die Iraker die US-Ordnung nicht wollen?
Angesichts der Bush-Dominanz auch in den deutschen Medien tendiert man leider dazu, den massiven Protest in den USA gegen die Bush-Herrrschaft zu übersehen. Dieser Protest geht nicht nur von der US-Friedensbwegung aus. Durchaus als Mahnung an die Washingtoner Politik hat zum Beispiel Ende November die weniger bekannte Zeitung The Blade aus Toledo/Ohio eine Serie über Begrabene Geheimnisse, brutale Wahrheiten des Vietnam-Kriegs veröffentlicht, die in den letzten zwei Wochen überall in den USA für Aufsehen sorgten. Die Zeitung informiert über Ereignisse in den Jahren 1966 und 1967, als unter dem Namen "Tiger-Force" ausgewählte US-Einheiten in Südvietnam unterwegs waren, um den Widerstand der Bevölkerung zu brechen. Es ging nicht gegen militärische Ziele, sondern gegen die zivile Bevölkerung in den als "Widerstandsnestern" bezeichneten Regionen.

Die US-Zeitung spürte 35 Jahre später einige Mitglieder der Killerkommandos auf, die erschütternde Berichte über die zahlreichen Massenerschießungen gaben, die bis zu diesem Zeitpunkt der Öffentlichkeit verschwiegen worden waren. Auch damals wollte man einem scheinbar unterlegenen Land mit Gewalt "den Willen aufzwingen".

Dennis Stout war einer der "eingebetteten Journalisten" in Vietnam im Jahre 1967. Er war selbst Zeuge einer solchen Aktion, als 35 Frauen und Kinder von einem US Kommando erschossen wurden. Einer der Täter, von den Blade Journalisten aufgespürt und befragt: "Wir wußten, dass es falsch war. Aber es war üblich." Stout's Bericht über diese Aktion fiel 1967 der Zensur zum Opfer und führte zu seinem Ausschluß als Berichterstatter. Zur Erinnerung: Eine der ersten Maßnahmen der US-Besatzung im Irak war eine Zensurverordnung für alle Medien.
Die Zahl der Aktionen, die immer mit der gezielten Erschießung von Zivilisten abschloß, ist bis heute nicht genau ermittelt. Zu dem Foto rechts heißt es in The Blade: "Tiger Force Soldaten schwärmen während einer Patrouille im Song Ve Tal aus. Das Foto wurde 1967 von einem früheren Mitglied der Truppe aufgenommen. Die Einheit beging in diesem Tal eine ungenannte Zahl an Greueln als Teil eines 7 Monate dauernden Feldzugs des Terrors."

Eine spätere angebliche Untersuchung der "Tiger Force" Aktivitäten führte niemals zu irgendeinem Ergebnis. The Blade zu diesen "Ermittlungen": "Ein Rechtssystem, das versprach, Kriegsverbrechen zu verfolgen, endete damit, sie zu decken." Es ist den mutigen Journalisten der Zeitung The Blade zu verdanken, dass die Öffentlichkeit in den USA 35 Jahre später über die Greuel im fernen Vientam informiert wird. Vielleicht rechtzeitig, um sich daran zu erinnern, dass man einem anderen Land seinen Willen weder aufzwingen darf noch kann. Hoffentlich sind in 35 Jahren ähnliche Berichte über den Irak nicht nötig.

14.12.2003