Das ist unfair, George!

Brief des regierungstreuen Abgeordneten Gerhard Josef Hinterbanker
an den amerikanischen Präsidenten




Lieber George,

so geht das nicht! Das ist unfair. Wenn wir auch Deinen Unmut über die Friedensprediger und die anderen europäischen Weicheier nachvollziehen können, so müssen wir dennoch den Ausschluss deutscher Firmen vom Irak-Geschäft als ungerecht empfinden. Schon dein früherer Vorwurf, unser Kanzler handele "pazifistisch" war, mit Verlaub gesagt, ziemlich starker Tobak. Ich versichere Dir, er kann dieses Wort nicht einmal buchstabieren.

Dass die deutsche Regierung sich nicht an der Bombardierung irakischer Städte beteiligte, ist doch nur verständlich. Wer wie unser Kanzler seit Jahren einen strammen Feldzug gegen die Mehrheit der Bevölkerung führen muss, möchte wenigstens einmal mit der Mehrheit schwimmen. Gönnen wir ihm das erhebende Gefühl! Hat ohnehin nur kurz gedauert. Du kannst das vermutlich nicht nachvollziehen... aber wer besitzt schon Deine bewunderswerte Fähigkeit, auch ohne Mehrheit Wahlen zu gewinnen? (Wie Du das Ding in Florida gedreht hast... alle Achtung.)

Und mal ehrlich: Was hätte Dir die Bundeswehr im Irak schon nützen können? Deine EU-Agenten wissen doch besser als wir, dass Gerd und Joschka erst nach Deinem Amtsantritt damit begonnen haben, die Bundeswehr für die richtig heißen Einsätze außerhalb Europas fit zu machen. Das braucht etwas Zeit, glaub es mir. Du kennst unsere Probleme nicht, weil ihr in den Staaten mit diesem sozialen Klimbim nichts am Hut habt. Aber unser traditionelles Rentensystem könntest selbst Du nicht in ein paar Monaten erledigen; die Leute hängen dran. Doch wir sind auf dem Weg. Bald ist das Geld da, und schon ab 2006 ist die Bundeswehr für große Einsätze überall in der Welt gerüstet. Freund Struck hat es in die Hand versprochen. Wenn es dann dermaleinst gegen den Iran oder sonst einen Öllieferanten geht, sind wir an Deiner Seite, George. Wenn Du dann noch Präsident bist... Aber wir wollen optimistisch sein. Denn die gute Nachricht: Bald werden wir von der EU sogar ohne Euch marschieren können.

Zurück in die Gegenwart: Angesichts unserer prächtigen militärischen Perspektiven hat mich Deine Maßnahme ernsthaft verstimmt. Offenbar werden unsere Leistungen von Dir nicht anerkannt. Schon deshalb ist der Ausschluss deutscher Firmen vom Irak-Geschäft schlicht unerträglich. Haben wir nicht alles getan haben, um Dir den Rücken frei zu halten? Haben wir Dich in Afghanistan etwa nicht wunderbar entlastet, obwohl uns dafür eigentlich nicht nur die technischen Mittel, sondern sogar die gesetzlichen Grundlagen fehlen? Haben wir Euch nicht gewähren lassen und alles getan, damit die Bomben aus Deutschland rechtzeitig am Zielort ankamen, obwohl es einer wirklich fantasievollen Deutung unseres Grundgesetzes bedurfte? Haben wir nicht in der UNO dafür gesorgt dass Dein (mit Verlaub) etwas eigenmächtig-ruppiges Vorgehen nachträglich abgesegnet wurde? Und als Du mit Deinen clever erfundenen Kriegsbegründungen in der Zwickmühle stecktest: War es nicht unser Kanzler, der gesagt hat: Schwamm drüber? "Wir wollen nicht mehr rückwärts, nur nach vorne sehen"? Kein Wunder, dass der Ärmste jetzt völlig irritiert ist und sich die Protokolle Eurer letzten Gespräche täglich zum zweiten Frühstück vorlesen läßt.

Und auch ein anderer Gesichtspunkt liegt mir am Herzen, lieber George. Mir scheint, dass Deine, ich will nicht sagen: Erpressung!, eher vielleicht: Deine nachdrückliche Aufforderung zu mehr militärischer Unterstützung im Irak etwas zu krass ausgefallen ist. Sollen denn die armen Teufel überall in der Welt den Eindruck bekommen, dass wir uns wie die Straßenköter um die Milliarden balgen? Niemand macht Euch doch den Irak als Euer ureigenes militärisches Aufmarschgebiet streitig. Aber sollen denn noch mehr Leute merken, dass es auch bei diesem Krieg nur ums Geschäft geht? Bisher jedenfalls war es üblich, dergleichen intern zu regeln.

Natürlich hast Du deinen Freunden ein paar saftige Steaks zugeschoben. Wer hätte dafür mehr Verständnis als wir? Aber so öffentlich? Das gibt diesen Friedensschwätzern und Weicheiern doch nur Auftrieb. Bisher war es jedenfalls üblich, unseren gemeinsamen Feldzug für den freien Wettbewerb (eine wirklich gute Promotion Idee, alles was recht ist) nach außen durch entsprechendes Brimborium zu untermauern. Es ist wirklich nicht hilfreich, nun aller Welt zu zeigen, worum es wirklich geht. Nichts gegen Deine Spielregeln, aber es wäre besser, das dezent zu handhaben, sozusagen im inneren Kreis.

In der festen Überzeugung, dass Du Deine Haltung noch einmal überdenkst, verbleibe ich mit dem Ausdruck der allerhöchsten Hochachtung und Wertschätzung

Dein untertänigster

Gerhard Josef Hinterbanker




Anmerkung: Dank des Internets und der Fehladressierung einer völlig überlasteten Sekretärin sind wir auf verschlungenen Wegen in den Besitz dieses merkwürdigen Dokuments gelangt, das wir der Öffentlichkeit nicht vorenthalten wollen. Eine Reaktion aus Washington wurde bisher nicht bekannt. Möglicherweise wurde der Brief aber auch gar nicht abgeschickt. Vielleicht, weil die Übersetzer mit Wörtern wie "starker Tobak", "Straßenköter", "Klimbim" und "Brimborium" nichts anzufangen wußten. Oder weil man die ganze Geschichte möglichst schnell vergessen will. Getreu dem Regierungsmotto: Schwamm drüber! Niemals nach hinten sehen... vorn ist der Abgrund!
12.12.2003