Hollywood ist überall

Falscher Truthahn, echter Krieg

8.12.2003 Der Präsident der USA hat schlaue Berater. Sie sorgen dafür, dass er sich von Beerdigungen amerikanischer Soldaten fern hält. "Schlecht für die Popularität", sagen sie. Überhaupt haben es die mächtigen Berater durchgesetzt, dass Aufnahmen mit Soldatensärgen im amerikanischen Fernsehen einfach nicht vorkommen. Darüber berichtet Spiegel online am 28.11.2003 unter der Überschrift "Die unsichtbaren Toten". Aber mit Zensur allein bleibt man nicht populär. Deshalb haben die Berater am Thanksgiving-Tag zum großen Schlag ausgeholt. Der Präsident überreicht seinen Soldaten in seinem Irak seinen Truthahn. Die Medien waren aus dem Häuschen. Sogar der Sprecher der Tagesschau war sichtlich ergriffen.
Wen stört es bei so viel Gerührtheit, dass der Truthahn aus Plastik und die Soldaten und Fernsehleute handverlesene Bush-Fans waren? Wen stört es bei so viel Frontstimmung, dass die Reklame-Aktion rund 20 Mio.Dollar gekostet hat? (Eine Summe, mit der man zwei Krankenhäuser in Bagdad vollständig hätte rekonstruieren können.) Das wirkliche Ziel wurde jedenfalls erreicht. Denn über Nacht stieg die Popularität des Präsidenten vom Tiefstwert um 6 Punkte nach oben. Jetzt hat er fast schon wieder eine Umfragemehrheit.

Natürlich kann er nicht jeden Tag Truthähne verteilen. Aber seine schlauen Berater lassen sich mit Sicherheit neue Gags einfallen. Man nennt das Wahlkampf. Und Bush tut sein bestes. Zwar sind ihm die politischen Ideen längst ausgegangen. Doch wie er lachend den Plastikvogel schwenkt: Das hat was! Da wird klar, warum immer mehr Schauspieler aus Hollywood ihren Altersruhesitz in der Politik suchen. War-Business is Showbusiness...

Aber Truthahn hin oder her. Was ist, wenn die Amerikaner im nächsten Herbst mehrheitlich abwinken? Der arme G.W.Bush wird dann viel Zeit haben... Unsere Hoffnung: Vielleicht ist er der erste Ex-Präsident, der den umgekehrten Weg geht? Als glühender Patriot wird er Hollywood sein überbordendes Talent nicht ersparen wollen. Und mal ehrlich: Wenn er auch als US-Präsident eine durchweg suboptimale Besetzung war, so gibt es da doch einen Film, der längst als Remake fällig ist. Und in die Hauptrolle kann Bush seine ganze Amtserfahrung einbringen... Welcher Film? Natürlich "Der Dieb von Bagdad".

PS: Weil G.W.Bush (bevor man ihn zum Präsidenten ernannte) in all seinen geschäftlichen Unternehmungen mit Konkurs endete, wäre es zudem äußerst spannend abzuwarten, ob wenigstens Hollywood diese Bewährungsprobe übersteht.
08.12.2003