Fortgesetzter Kollateralschaden:

Gesundheits- und Umweltfolgen des Krieges gegen den Irak

Die internationale Ärztevereinigung IPPNW hat ausführlich im November 2003 die direkten und späteren Folgen des Kriegs gegen den Irak dokumentiert. Wichtige Teile daraus bringen wir in eigener Übersetzung. Wer das Dokument im englischen Original lesen will, findet es >hier.

Der Bericht beschreibt zunächst einige der verwendeten Waffen, denn in Mißachtung der Genfer Konventionen wurde im Irak Munition strittiger Legalität eingesetzt, die nicht nur im Verlaufe der Kampfhandlungen, sondern auch auf Jahre hinaus zu Opfern in der Zivilbevöklerung führen.

Streubomben

Die britischen Streitkräfte setzten auch in bewohnten Gebieten 66 Streubomben vom Typ BL-755 ein, die jeweils 147 Bomblets enthalten. Außerdem wurden 2098 Granaten mit jeweils 49 Sprengsätzen verschossen. Damit sind ca. 2000 - 3000 Sprengsätze allein durch britische Streubomben noch im Land verblieben.

1500 Streubomben wurden von US-Streitkräften abgeworfen, 26 weniger als 500 m von Wohnbereichen in Basra und Al-Hillah entfernt.

Insgesamt wurden durch Streubomben 340.000 kleine Sprengsätze auf den Irak abgeworfen.

Im Mai 2003 wurden an 1100 Orten nicht detonierte Reste dieser Munition gefunden. Über 1000 Kinder wurden nach Abschluß der Kampfhandlungen bisher zu ihren Opfern.

Uranmunition

Nach einer Explosion durch angereichertes Uran bleibt schwach radioaktiver Staub zurück, der zu Lungenkrebs führt, wenn man ihn einatmet.

Während im ersten Irak-Krieg 350 Tonnen dieser Munition zum Einsatz kamen, schätzen Experten die Menge der jetzt verwendeten Uranmunition auf 1100 bis 2200 Tonnen.

Mit uranhaltiger Munition wurde in Bagdad z.B. ein Kommunikationszentrum und ein Regierungsgebäude zerstört. Wie BBC-News vom 14.4.2003 mitteilt, verweigert die US-Verwaltung jegliche Aufräumarbeiten.

Landminen

Eine unbekannte Anzahl an Anti-Personen-Minen und Anti-Fahrzeug-Minen wurde von den irakischen Streitkräften zur Verteidigung in Zivilbauten, Wassertanks, auf Strassen, Brücken und in Ölfeldern zurückgelassen.

Napalm-Bomben

Die US-Regierung leugnet den Einsatz von Napalm. (Sie sind durch UN-Konvention im Jahre 1980 verboten). Das in den MK 77 Feuerbomben verwendete Kerosin hat aber dieselben Auswirkungen wie Napalm. Etwa 30 Kanister führten in den 30 Kriegstagen zu Feuerstürmen, u.a.an Brücken über den Saddam Kanal und den Tigris. (vgl. dazu unseren >Standpunkt vom 18.8.2003).

Direkte Kriegsfolgen

Die Auswirkungen eines Krieges werden üblicherweise durch seine direktesten und sichtbarsten Folgen bemessen- Tod und Verwundungen durch den Konflikt: 21.700 bis 55.000 Personen bezahlten den Krieg mit ihrem Leben.

Zivile Opfer

Die genaue Anzahl der zivilen Todesopfer ist nicht festzustellen, weil die US-Regierung sich weigert, zivile Opfer zu zählen, weil Opfer von Explosionen nicht zu identifizieren sind und in Übereinstimmung mit den islamischen Gebräuchen schnell beerdigt werden.

Geschätzt wird die Zahl der zivilen Todesopfer zwischen dem Beginn der Kriegshandlungen und dem 20. Oktober 2003 auf 7750 - 9500.

Die Zahl der Verletzten ist noch schwieriger zu erfassen und wird bis Ende Juli auf mindestens 20.000 geschätzt.

Militäropfer

Die Zahl der getöteten irakischen Soldaten ist schwer zu ermitteln und wird mit 13.500 - 45.000 angegeben.

Da nur wenige verletzte irakische Soldaten Zugang zu medizinischer Versorgung haben, kann ihre Zahl nicht angegeben werden und wird auf 40.000 bis 135.000 geschätzt.

Während der Kriegshandlungen wurden 172 englische und amerikanische Armee-Angehörige getötet. Bis Oktober führten Angriffe zum Tod von weiteren 222 Personen; Unfälle, Krankheit und Selbstmord erhöhen die Zahl der Toten noch zusätzlich.

Die Zahl der verwundeten Amerikaner wird bis zum 20.10.2003 offiziell mit 1927 angegeben. Allerdings liegt die Zahl vermutlich höher. Nach Angaben der Washington Post sind wahrscheinlich über 6000 US-Armee-Angehörige wegen physischer oder psychischer Probleme evakuiert worden.

Auswirkungen auf die Infrastruktur

Die gesamten Auswirkungen des Krieges zeigen sich jedoch auf weniger direkte, aber potenziell gleichermaßen tödliche Art. Würden sie berücksichtigt, müssten die Todesfälle und die Krankheiten in Zehntausenden gezählt werden. Jedoch werden diese Fälle aufgrund fehlender akkurater Daten, fehlender funktionierender Gesundheitsinformationssysteme, fehlender Verbindlichkeit beim Sammeln und Aufbereiten der Daten und in Abwesenheit allgemein anerkannter Modelle der Berechnung von Gesundheitsfolgen in Konflikten nie als sicher gelten.

Der Krieg traf im Jahr 2003 auf ein Land, das durch die Auswirkungen des vorhergehenden Irak-Krieges und die folgenden Sanktionen bereits stark geschädigt war.

Landwirtschaft

Landwirtschaftlich genutzte Flächen wurden geschädigt durch direkte Truppenbewegungen und Bombardierungen sowie Luft- und Bodenverschmutzung infolge brennender Ölfelder. Auf bewässerten Feldern führen Mangel an Energie und Wasser zu Versumpfung und Versalzung.

Durch die Zerstörung und Plünderung staatlicher Verteilerstellen fehlen den Bauern Saatgut, Dünger und Unkrautvernichtungsmittel. Landwirtschaftliche Maschinen können bei Benzinmangel nicht eingesetzt werden. In der Viehzucht fehlen ebenfalls Futtermittel, notwendige Impfungen und veterinärmedizinische Überwachungen finden nicht mehr statt und führen zur Verbreitung von Erkrankungen unter den Tieren.

Radioaktivität

Reste von angereichertem Uran aus amerikanischer Munition und radioaktives Material, das bei Plünderungen von Atomkraftwerken aus Unkenntnis freigesetzt wurde, führen bereits jetzt zu Strahlenschäden. (vgl. >Standpunkt v. 8.5.2003)

In der Umgebung des ehemaligen Atomreaktors Tuwaitha liegt die Radioaktivität teilweise über dem 10.000fachen des Normalen und die Bevölkerung klagt über Nasenbluten, Übelkeit, Atembeschwerden und Hautprobleme. Obwohl nach vorsichtigen Schätzungen ca 10 Kg radioaktives Uran verstreut wurde, verweigert die amerikanische Besatzungsmacht der internationalen Atomenergiebehörde IAEA den Zugang zu allen Atomkraftwerken im Land, so dass weder das tatsächliche Ausmaß der Kontamination festgestellt werden kann noch Dekontaminierungsmaßnahmen eingeleitet werden.

Wasser

Die Wasserwirtschaft im Irak war bereits durch den ersten Krieg schwer beschädigt und durch Reparaturen in den folgenden Jahren konnte der Vorkriegsstand nicht wieder erreicht werden.

Infolge der erneuten Kriegshandlungen wurden 40% der Wassersysteme in Bagdad zerstört, von denen bis Oktober 2003 80% wiederhergestellt werden konnten.

40% der Bevölkerung in Basra hatte nach den Kampfhandlungen keinen Zugang zu Wasser und muß teilweise bis heute mit Wassertanks versorgt werden.

Da auch die Abwasserysteme zerstört wurden, kam es zu einem Rückstau der Abwässer mit Verunreinigung der Flüsse.

Um überhaupt an Wasser zu kommen, holten viele Iraker ihr Wasser direkt aus kontaminierten Flüssen oder beschädigten Rohrleitungen. Infektionen und Durchfallerkrankungen nahmen dramatisch zu und führten zu einer unbekannten Anzahl an Opfern, besonders unter den Kleinkindern und Geschwächten.

Ernährung

Vor 1990 lag Irak hinsichtlich der Ernährungssituation an der Spitze der arabischen Länder im mittleren Osten. Vor dem zweiten Krieg waren drei Fünftel der Bevölkerung abhängig von Nahrungslieferungen der UNO im Rahmen des Food-for-Oil Programmes. Aber auch damit konnte keine ausgewogene Ernährung erzielt werden. Es fehlten wichtige Vitamine und Eisen, so dass ein großer Teil der Bevölkerung mangel- oder fehlernährt war.

Durch die relativ kurze Unterbrechung der Lieferungen im Verlaufe des Krieges konnte eine Hungersnot vermieden werden. Aber Arbeitslosigkeit und Armut nach dem Krieg haben dazu geführt, dass nur wenige Familien selbst für ihre Nahrungsmittel aufkommen können. Einige verkaufen auch ihre Rationen aus dem Food-for-Oil Programm, um dringend benötigte Kleidung oder Medikamente zu erstehen.

Energie

Bereits vor dem Krieg war die Versorgung mit Elektrizität unregelmäßig, so daß Industrie und öffentliche Gebäude häufig lange auf eigene Generatoren zurückgreifen mussten. Während des Krieges verschlechterte sich die Situation, so dass speziell in Krankenhäusern ausgefallene Pumpsysteme zu Wassermangel führten und fehlende Kühlung Impfstoffe und Medikamente verderben ließ.

Zur Zeit ist die Lage unterschiedlich. Während in den Slums von Bagdad noch immer keine Elektrizität zur Verfügung steht, ist im Norden von Bagdad die Versorgung fast gesichert.

In Basra wurden 500 Hochspannungsmasten durch Saboteure umgestürzt, anderswo wurde notwendiges Kupfer gestohlen. Die Reparaturen erfordern ca. 10 Milliarden Dollar und 3 Jahre Zeit.

Durch Energiemangel und Zerstörung in den Raffinerien ist trotz der Ölproduktion Benzin für den privaten und kommerziellen Autoverkehr knapp und teuer. Im Norden fehlt auch das notwendige Öl zum Heizen im Winter.

Unterkunft

Es gibt keine Angaben darüber, wieviele Menschen durch Zerstörung von Wohnhäusern obdachlos wurden und in überfüllten Notunterkünften wohnen, wo in Zusammenhang mit Wassermangel erhöhte Seuchengefahr besteht.

Gesundheitssystem

Vor 1990 war das irakische Gesundheitssystem eines der besten im mittleren Osten. Es wurde durch die Regierung finanziert und stellte für die Iraker kostenlose Behandlung unabhängig vom Einkommen zur Verfügung.

Durch die 10-jährigen Sanktionen konnten wichtige Präventivprogramme nicht aufrechterhalten werden. Die medizinische Ausbildung undd Ausrüstung wurde zunehmend mangelhaft.

Während des Krieges wurden drei Krankenhäuser direkt beschossen, 7% durch Kampfhandlungen beschädigt und 12% geplündert. Impfprogramme für Säuglinge brachen dadurch zusammen. Es besteht erhebliche Knappheit an Personal und Medikamenten. Viele Einrichtungen des früher öffentlichen Gesundheitswesens sind funktionsunfähig geworden.

Die Rolle der UN und die Hilfe von unabhängigen Hilfsorganisationen ist marginal und nimmt aufgrund der Sicherheitslage weiter ab. Es gibt einige Anstrengungen der Besatzungsmächte zu humanitärer Hilfe, aber sie sind vereinzelt und unkoordiniert. Meist wird der Schwerpunkt auf Wiederherstellung der Infrastruktur oder Bereitstellung von Medikamenten gelegt.

Zur Zeit wird die Hälfte der früher öffentlichen Kliniken durch private politische oder religiöse Gruppen geführt, häufig mithilfe bewaffneter Wächter. Auch im Gesundheitswesen haben profitorientierte amerikanische Privatunternehmen Aufträge erhalten. So soll die große Gesellschaft Abt Associates sich für 40 Millionen Dollar am Ausbau des irakischen Gesundheitssystems beteiligen.

Psychologische und soziale Auswirkungen

Weniger sichtbare Kriegsfolgen wie die Unterbrechung individueller Lebensläufe sind schlecht zu erfassen.

Ebenso können die psychischen Auswirkungen des Shock-and-Awe Bombardements und der sozialen Unsicherheit besonders auf Kinder und Jugendliche schlecht ermittelt werden.

Das einzige psychiatrische Krankenhaus in Bagdad wurde geplündert, so dass alle 1200 Patienten entlassen werden mussten, von denen 600 mit ungewissem Schiksal nicht zurückkamen.

Über die psychologischen Auswirkungen des Krieges auf irakische Soldaten ist nichts bekannt. Die Besatzungssoldaten erfahren eine psychologische Betreuung, die allerdings kontrovers diskutiert wird. Die anhaltende Gefährdung nach dem Krieg bedeutet eine erhebliche Stress-Situation.

Soziale Lage

Seit dem Krieg nehmen Plünderungen, Raubüberfälle und Gewalt zu. Die US-Armee ist nicht in der Lage, für Sicherheit zu sorgen. Nur ein Dritttel der Justizgebäude ist funktionsfähig.

Die Arbeitslosenrate liegt über 60% und verstärkt den Teufelskreis von Armut und Krankheit. Der Ausweg wird zunehmend in Schmuggel oder Prostitution gesucht.

Viele Kinder ohne Verwandte leben auf der Strasse. Nur noch 65% der Kinder, bei Mädchen eher weniger, gehen wegen fehlender Sicherheit zur Schule.

Vor 1990 nahm der Irak hinsichtlich der Ausbildung und Beschäftigung von Frauen eine Spitzenposition unter den arabischen Ländern ein. Das ist heute nicht mehr der Fall. Zunehmende Unterschiede in der Ausbildung, Arbeitslosigkeit, Verlust der Ehemänner durch den Krieg verschlechtern die gesundheitliche Situation und die Sterblichkeit der Frauen und Kinder.

Bereits vor dem Krieg war die gesundheitliche Lage infolge des ersten Irak-Krieges, der Sanktionen und dem Regime unter Saddam schlecht. Aus dem WHO-Bericht von 2001:

- 1 von 8 Kindern starb mit weniger als 5 Jahren
- Die Müttersterblichkeit lag bei 294 von 100.000 Geburten
- Jedes vierte Kind unter 5 Jahren war chronisch unterernährt, auch kam bereits ein Viertel der Kinder mit Untergewicht zur Welt.

Ein großer Teil der irakischen Bevölkerung hatte kaum Reserven, um die neuerlichen Einschränkungen in der Wasserversorgung oder Nahrungszufuhr zu überstehen. Es ist anzunehmen, dass die Kindersterblichkeit seither zugenommen hat, aber durch den Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung und die Weigerung der Besatzungsmächte, derartige Daten zu sammeln, können keine präzisen Aussagen dazu gemacht werden.

Einschätzung von Kriegsfolgen

Die Auswirkungen von Kriegen auf die gesundheitliche Lage wird zunächst meist an sichtbaren Folgen der Kriegshandlungen gemessen, d.h. zunächst an der Zahl der Toten und Verletzten. Bereits in diesen Bereichen ist die Erhebung der Daten unsicher. Die indirekten Auswirkungen der zerstörten Infrastruktur und Umwelt sowie des sozialen Zusammenhalts auf körperliche und psychische Gesuindheit der Bevölkerung sind weit schwerer zu erfassen. Die Annahme einer weiteren Verschlechterung konnte durch neuere begrenzte Umfragen bestätigt werden. Durchfallerkrankungen, Typhus und Cholera haben zugenommen.

Nach einem Bereicht des Guardian vom 15.10.2003 besteht die Absicht, das irakische Gesundheitssystem nach amerikanischem Modell zu privatisieren und marktorientiert zu führen, statt es den Iraki zu überlassen, wie sie ihr früher gut funktionierendes Gesundheitssystem wiederaufbauen.

Stattdessen fordert die IPPNW eine transparente und partizipatorische Debatte über die Organisation und Finanzierung des Gesundheitssystems, die folgende Prinzipien berücksichtigen sollte:

  • Gesundheitsvorsorge ist ein soziales Recht und muß durch ein öffentliches Gesundheitsystem gewährleistet werden.

  • Krankheitsdaten müssen erfasst werden, um effektive Interventionen planen zu können.

  • Das Ausmaß der chemischen und radioaktiven Umweltbelastung muß eingeschätzt werden.

  • Erfassung und rasche Entfernung jeglicher nicht explodierter Restmunition.

  • Erfassung langfristiger Kriegsauswirkungen auf die psychische Gesundheit und die Entwicklung effektiver Interventionsmöglichkeiten.

  • Unterstützung durch UNO oder unabhängige Organisationen bei der Erfassung von Kriegsauswirkungen auf die Gesundheit.

  • Soziale und politische Rekonstruktion muß dieselbe Bedeutung erhalten wie der ökonomische Wiederaufbau.

  • Dabei muß der Demokratisierungsprozess beschleunigt werden und die Autorität an eine legitime Irakische Interimsregierung unter der Schirmherrschaft der UNO übergehen.

  • Die Besatzungsmächte müssen der UNO die zentrale Rolle in der Friedenssicherung und dem Wiederaufbau zugestehen.

  • Der ökonomische Aufbau darf nicht an die ökonomischen Interessen der Besatzungsmächte gebunden sein.

  • Die erforderlichen Reformen sollten breit debattiert werden. Ökonomische Liberalisierung sollte nicht in Monopolbildung enden.

  • Aufhebung oder Reduzierung von Iraks Auslandsschulden zur Finanzierung sozialer Einrichtungen.
23.11.2003