Mit einem großen Verbrechen fing es an

Diego Garcia: "Ins Mittelalter zurückversetzt"

28.10.2003 Diego Garcia ist eine Insel im Indischen Ozean. Nicht besonders groß, aber groß genug für den größten Militärstützpunkt der US-Army außerhalb der USA. Besondere Merkmale der Insel: Strategisch günstig gelegen und leicht abzuschotten gegen die übrige Welt und neugierige Journalisten. Aber einer der wichtigsten Vorteile der Insel ist: Es gibt keine lästige Bevölkerung, auf die man womöglich Rücksicht nehmen müßte. Glücklicher Umstand? Keineswegs.
Die Insel Diego Garcia ist die größte Insel im Tschagos Archipel. Großbritannien hat frühzeitig diese Inselgruppe seinem Kolonialreich einverleibt. Als die US-Army einen zentralen Stützpunkt für ihre militärischen Pläne suchte, haben die Pentagon-Strategen schon in den 60er Jahren mit dem Finger auf Diego Garcia getippt. Großbritannien war gerne bereit, die Insel an die USA zu vermieten. Der Mietpreis ist niemals bekannt geworden. Nur hatten die USA eine Bedingung: Keine Mitbewohner. Und damit begann eines der vielen Verbrechen, die im Namen von Freedom & Democracy begangen wurden.

Die Vertreibung

Der englische Historiker Mark Curtis dokumentiert in seinem Buch The Web of Deceit: Britain's Real Role in the World (Minerva 2003), wie die englische Regierung anordnete, die auf der Inselgruppe beheimateten Ilois "zu entfernen" - so der offizielle Ausdruck. Man trieb die Einwohner zusammen; einige kamen dabei ums Leben. Die Zahl der Exilierten betrug einige tausend; genaues hat die britische Armee nie bekannt gegeben. Man verfrachtete sie auf das hunderte Meilen entfernte Mauritius oder auf die Seychellen. Seit mehr als 30 Jahren leben die eigentlichen Herren der Insel Diego Garcia weit entfernt von der Heimat als Fremde am Rande der Exil-Gesellschaft. Die Versuche der heute etwa 8.000 Tschagos-Insulaner, vor Londoner Gerichten das Recht auf Rückkehr einzuklagen, war bisher vergeblich. Zwar erhielten sie bei einem ersten Prozess im Jahre 2000 "im Prinzip" Recht, doch hat die Regierung Blair diesen Richterspruch einfach ignoriert.

Im Folgeprozess wurde vor einer Woche die Klage der Bewohner des Tschagos-Archipels auf Rückkehr und Entschädigung erneut abgewiesen. Richter Duncan Ouseley meinte, man sollte die weitere Verschwendung von öffentlichen Mitteln und Gerichtsressourcen für einen derart hoffnungslosen Fall vermeiden. Er mußte allerdings zugeben, dass die Tschagos-Bewohner den Preis für die Etablierung der Militärbasis mit dem Verlust ihrer Heimat bezahlen mußten. Und sogar dieses Eingeständnis ist schon ein gewisser Erfolg. Denn sieben britische Regierungen haben seit Jahrzehnten den Tatbestand der Vertreibung schlicht geleugnet. Das britische Kriegsministerium hat sich sogar zu der Behauptung verstiegen, das Tschagos Archipel sei niemals bewohnt gewesen.

Neue Verbrechen

Heute ist Diego Garcia der wichtigste Stützpunkt des Pentagon. Von dort starteten die Bomber gegen Afghanistan und Irak. Und auf dieser Insel befindet sich das größte Gefangenenlager, über das freilich nur spärliche Informationen nach außen dringen. Was man erfährt, bezeichnet sogar Der Spiegel unter der Überschrift "Ins Mittelalter zurückversetzt" als "Gulag Netzwerk". Afghanische (jetzt auch irakische) Kriegsgefangene und einige Hundert Angehörige verschiedener Nationalitäten werden unter dem "Terrorismusverdacht" zum Teil schon jahrelang ohne Anklage oder Beweisführung unter schwierigsten Bedingungen, zum Teil ohne Benachrichtigung der Angehörigen, auf der Insel festgehalten.

Aber das ist nicht alles: Amnesty International hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass viele der Gefangenen regelrecht an Folterdienste anderer Geheimdienste (genannt werden Marokko, Jordanien und Ägypten) ausgeliehen werden. Als Reporter der Washington Post diesen "Gerüchten" nachgingen, bekamen sie von US-Geheimdienstleuten zu hören: "Wir treten nicht die Scheiße aus ihnen heraus. Wir schicken sie in andere Länder, damit sie die Scheiße aus ihnen heraustreten." Ein anderer sagte: "Wenn wir nicht zeitweise Menschenrechte verletzten, machen wir nicht unsere Arbeit."

So findet die traurige Geschichte der Insel Diago Garcia, die mit der Vertreibung der Bewohner durch die britische Regierung begann, in weiteren Verbrechen ihre Fortsetzung. Bemühungen des Internationalen Roten Kreuzes, zugang zum Gefangenenlager und zu den Gefangenen auf Diego Garcia zu bekommen, wurden bisher brüsk abgewiesen.

28.10.2003