Putsch in Chile 1973

Terroristischer Anschlag auf die gewählte Regierung

<11.9.2003> Der 11. September ist in den Medien zu einem Gedenktag für den Terroranschlag auf das World Trade Center vor zwei Jahren geworden. Er lieferte der heutigen US-Regierung die offiziellle Begründung für ihren weltweiten "Kampf gegen den Terrorismus". Wir möchten daran erinnern, dass es auch einen anderen 11. September gibt, an dem bereits 1973 ein Terroranschlag verübt wurde. Das Ziel war damals die demokratisch gewählte Regierung in Chile. Die Opfer: Der gewählte Präsident Allende und einige Tausend Chilenen. Die Täter: Das chilenische Militär um den Verbrecher General Pinochet. Die Finanziers und Ratgeber: Der damalige US-Außenministers Kissinger zusammen mit der CIA.
Vorausgegangen war 1970 die Wahl des Sozialisten Salvador Allendes zum Präsidenten. Während seiner Regierungszeit wurden wichtige Schlüsselindustrien verstaatlicht. Dies betraf vor allem die Kupferminen, die den größten Teil der chilenischen Exporteinnahmen erzielten, aber auch Ländereien und Banken. Diese Verstaatlichungen sollten weitgehende soziale Reformen und eine bessere medizinische Versorgung ermöglichen, jedoch die Marktwirtschaft nicht abschaffen. Auf diese Weise sollte mit legalen Mitteln eine friedliche Umgestaltung hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit erfolgen. Allende und die in stützende Unidad Popular wurde weltweit zum Hoffnungsträger.

Aber im Verlaufe seiner Präsidentschaft wurden diese Pläne zunehmend behindert. Zu den Gegnern der Verstaatlichungen zählten Minenkonzerne wie Kennecott, Anaconda oder die Telefongesellschaft ITT. Insbesondere der ITT-Konzern, der die chilenische Telefongesellschaft kontrollierte, finanzierte Umsturzpläne und drängte die US-Regierung in einem Schreiben vom 1. Oktober 1971, "dafür zu sorgen, dass Allende die entscheidenden nächsten sechs Monate nicht übersteht". In einem 18-Punkte-Programm verlangte ITT u.a. Kreditbeschränkungen zu veranlassen, Hilfen aus dem Erdbeben-Fonds zu verweigern, für eine Verknappung des Dollars in Chile zu sorgen, der konservativen chilenische Presse jedoch reichlich Geld zuzustecken, und nicht zuletzt: über "Möglichkeiten zu diskutieren", wie die CIA den "Druck unterstützen kann".

Beim damaligen Chef des Weißen Hauses, Präsident Nixon, fanden diese Forderungen volle Unterstützung. Nixon beschließt: "Chile hat bei internationalen Institutionen, wo wir über Stimmrechte verfügen, Darlehen beantragt. Ich habe Anweisungen erteilt, dass wir gegen alle Anträge aus Chile stimmen." Schon im Juni 1970 hatte Nixons Sicherheitsberater Henry Kissinger angesichts des erwarteten Wahlsieges von Allende den bemerkenswerten Grundsatz formuliert: "Ich sehe nicht ein, weshalb es nötig sein sollte, stillzuhalten und zuzusehen, wie ein Land durch die Verantwortungslosigkeit seines Volkes kommunistisch wird."

Im September 1972 mußte der chilenische Präsident der Zentralbank, Alfonso Inostroza, feststellen, dass die Weltbank seit 22 Monaten keinen einzigen Kredit mehr an Chile genehmigt hatte. Daran sollte sich bis zum Putsch nichts ändern. Die USA reduzierten ihre Wirtschafts- und Lebensmittelhilfe in den drei Amtsjahren Allendes auf einen Bruchteil dessen, was sie zuvor in einem Jahr gewährt hatten. Andere Staaten, darunter die zu der Zeit von Willy Brandt regierte Bundesrepublik Deutschland, zögerten ihre schon zugesagten Hilfsleistungen auf Anordnung der USA gehorsam hinaus. An der Londoner Metallbörse fuhren die Preise für Kupfer, aus dem Chile 75% seiner Devisen bezog, ins Bodenlose. Chiles Wirtschaft wurde systematisch destabilisiert.

Intervention nach bekanntem Muster

In seiner Rede vor der UNO stellte Präsident Allende 1972 fest: "Sie wollen uns ökonomisch strangulieren, diplomatische Sabotage betreiben, Panik in der Bevölkerung verursachen und soziale Unruhen herbeiführen, damit, wenn die Regierung die Kontrolle verliert, die bewaffneten Kräfte das demokratische Regime eliminieren und eine Diktatur errichten könnten. Ds ist, was wir eine imperialistische Intervention nennen."

Dollars flossen dagegen reichlich an die größte und aggressiv gegen die Regierung hetzende chilenische Tageszeitung "Mercurio" und an die Fuhrunternehmer, die ihren Fahrern bei den "Streiks gegen die Regierung" im Sommer 1973 »Streikgelder« bis zum Vierfachen des normalen Lohns zahlten. Und die Dollars flossen noch reichlicher an die chilenische Armee: Während man der Regierung alle Kredite strich, erhöhten die USA ihre offene und verdeckte Militärhilfe erheblich. Und hunderte von chilenischen Offizieren wurden verdeckt von der US Army in der Panama-Kanalzone ausgebildet und auf Kurs gebracht.

Die US-Botschaft in Santiago und der CIA koordinierten die Aktionen der Allende-Gegner und beteiligten sich an ihrer Finanzierung: Durch Unternehmerstreiks, andere Boykottmaßnahmen und Terrorakte wurde die Situation im Lande weiter destabilisiert. Trozdem wurde Salvador Allende bei den Parlamentswahlen im März 1973 in seinem Amt bestätigt.
Daraufhin plante eine rechtsgerichtete Militärjunta unter Anleitung des damaligen US-Außenministers Kissinger einen Putsch gegen den wiedergewählten Präsidenten. Am 11. September 1973 wurde er ausgeführt. Nachdem Allende die Aufforderung zur Kapitulation zurückgewiesen hatte, wurde der Präsidentenpalast Moneda unter Beschuss genommen. Allende starb unter den Kugeln der Putschisten mit einem Bergarbeiterhelm auf dem Kopf und in Hemdsärmeln, ohne Krawatte. Die Putschisten kolportierten hingegen die Geschichte vom "Selbstmord" des Präsidenten, die sich heute noch großer Beliebtheit in den Massenmedien erfreut.

Nach der Erstürmung des Palastes trieb die Militärjunta Tausende der Anhänger Allendes in das Santiagoer Stadion und wandelte es in eine Todesarena um. Dem bekannten chilenischen Sänger Victor Jara, der seinen Mitgefangenen im Stadion Mut machte, wurden erst die Hände zertrümmert. Dann wurde er, wie Tausende andere, ermordet. So begann das Terrorregime unter General Augusto Pinochet, das die Dominanz der großen Konzerne wieder herstellte und die demokratische Opposition grausam verfolgte.

In den 16 Jahren der Militärdiktatur unter Pinochet kamen nach einem Bericht der chilenischen Regierung mindestens 3.200 Menschen ums Leben, darunter 1.200 Personen, deren Schicksal nie geklärt werden konnte. Die Zahl der unrechtmäßig Inhaftierten und die Zahl der Gefolterten geht in die Zehntausende. Viele Chilenen mußten das Heimatland verlassen.

US-Außenminister Colin S. Powell bezeichnete das Schicksal Allendes in einer Fernsehdiskussion im Februar 2003 als einen "Teil amerikanischer Geschichte, auf den wir nicht stolz sind" - und man hatte zu diesem Zeitpunkt schon den Überfall auf den Irak beschlossen, natürlich wieder im Namen von Freiheit und Demokratie.

"Das Ende, das sie verdiente..."

Angesichts des Pinochet-Terrors zeigten sich deutsche Zeitungen und Politiker zufrieden über den Erfolg des Miltärputsches:

  • "Jetzt hat die Armee nicht mehr länger stillgehalten. Drei Jahre Marxismus sind ihr genug." (Bild am 12.9.1973).

  • "Im Augenblick der höchsten Gefahr konnten sich die Streitkräfte ihrer Verantwortung nicht mehr entziehen. Sie können nur obsiegen, wenn sie sofort und mit aller Schärfe reinen Tisch machen." (Franfurter Allgemeine, 12.9.1973)

  • "Die Militärregierung bemüht sich in optimalem Umfang um die Gefangenen. Die Verhafteten haben sich nicht beklagt. Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm." (CDU-Generalsekretär Bruno Heck nach einem Besuch in Chile am 18.10.1973)

  • "Wir sind der Ansicht, dass das Vorgehen der Polizei und des Militärs nicht intelligenter geplant und koordiniert werden konnte... Die Regierung Allende hat das Ende gefunden, das sie verdiente... Chile wird in Zukunft ein für Hoechster Produkte zunehmend interessanter Markt sein." (Lagebericht der Niederlassung des Hoechst-Konzerns in Chile an die Frankfurter Zentrale, 6.12.1973)
11.09.2003