Die Ausweitung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan wird als "logische Konsequenz" verkauft. Tatsächlich ist es ein weiterer Sieg der Kräfte, die auf eine Militarisierung der Politik hinauslaufen. "Es sind doch nur 250 weitere Soldaten" heißt es beschwichtigend, aber es ist der vorläufige Sieg einer gefährlichen politischen Linie: Dazu gehört, die deutsche Bevölkerung an militärische Auslandseinsätze zu gewöhnen. Die andere Seite diese militarisierten Außenpolitik ist die nahezu vollständige Militarisierung der UNO. Wir dokumentieren den aktuellen Beitrag von Peter Strutynsk vom Friedensratschlag Kassel zu diesem Thema.

Afghanistan und das Dilemma der Bundesregierung

"Einzelheiten zur Durchführung der Einsätze unterliegen der strengsten Geheimhaltung"

Von Peter Strutynski

Wie sich die Zeiten ändern! Nach monatelangen deutsch-amerikanischen Irritationen wegen der (Irak-)kriegsabstinenten Haltung der Bundesregierung ließ sich US-Präsident George Bush am 8. August 2003 endlich erweichen und fand lobende Worte für das militärische Engagement Berlins. Damit meinte er (noch) nicht das deutsche Engagement im Irak, sondern "nur" die Präsenz der Bundeswehr in Afghanistan. Deutschlands Hilfe sei "weit umfangreicher" als noch "vor sechs Monaten erwartet" werden konnte. Und von seiner Ranch schickte er den Dank der westlichen Weltführungsmacht an den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder. [1] Der erwiderte umgehend diese Botschaft und dankte seinerseits Bush mit der Absichtserklärung, die Bundeswehrtruppen in Afghanistan um rund 1.000 Soldaten aufstocken und diese Kräfte außerhalb von Kabul stationieren zu wollen. Darauf hätten sich der Kanzler und sein Verteidigungsminister geeinigt (Süddeutsche Zeitung, 09.08.03). Dass es am Ende nicht 1.000, sondern lediglich 250 Soldaten werden sollten, ändert nichts an der grundlegenden Bedeutung der Entscheidung des "Sicherheitskabinetts" vom 27. August, der das gesamte Kabinett Anfang September und der Bundestag mit großer Wahrscheinlichkeit im Oktober folgen werden (nach Redaktionsschluss).

Sowohl die offenbar beliebige Zahlenjonglage (1.000 bzw. 250 Soldaten) als auch die sonstige Diskussion um die Vorbereitung des erweiterten Afghanistan-Einsatzes weisen darauf hin, dass es weniger um den konkreten militärischen Beitrag als vielmehr um ein politisches Signal gehen würde - ein Signal, das neben Washington auch die Öffentlichkeit im eigenen Land als Adressaten hat. Manchmal sind eben die öffentlich geführten Diskussionen wichtiger als deren unmittelbares Ergebnis. Mit der Weichenstellung für eine Ausweitung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan über die Hauptstadt Kabul hinaus betätigt sich die Bundesregierung als Türöffner für zwei Strategien: Die Militarisierung der Vereinten Nationen und die Gewöhnung der Bevölkerung an das Militär als Mittel der Politik.

Militarisierung der Vereinten Nationen

Berlin stärkt mit seiner Entscheidung jene Kräfte im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, die schon seit längerem an einer Verwischung der Grenzen zwischen dem sog. Antiterrorkrieg namens "Enduring Freedom" und dem UN-mandatierten Peacekeeping-Einsatz der Internationalen Sicherheitsbeistandstruppe (ISAF) interessiert sind. Zur Erinnerung: "Enduring Freedom" ist der selbsternannte Krieg der Vereinigten Staaten gegen Afghanistan als dem "Hort des internationalen Terrorismus" seit dem 7. Oktober 2001, dem die NATO mit der Feststellung des "Bündnisfalles" am 4. Oktober 2001 zumindest politisch-symbolisch [2], dem die Bundesrepublik Deutschland mit der erpressten Vertrauensabstimmung im Bundestag am 16. November 2001 auch praktisch beigetreten ist. Seither beteiligt sich die Bundeswehr mit bis zu 3.900 Soldaten aller Waffengattungen an diesem Krieg in einem Gebiet, welches laut Beschluss das NATO-Einsatzgebiet nach Art. 6 des Nordatlantikvertrags, die "arabische Halbinsel, Mittel- und Zentralasien und Nord-Ost-Afrika sowie die angrenzenden Seegebiete" umfasst, einem Gebiet also, das sich über den halben Globus erstreckt. Mit von der Partie sind ABC-Abwehrkräfte (ca. 800 Soldaten, sie wurden im Sommer 2003 wieder zurückgebracht), Sanitätskräfte (ca. 250), Spezialkräfte (KSK, ca. 100), Lufttransportkräfte (ca. 500), Seestreitkräfte einschließlich Seeluftstreitkräfte (ca. 1.800) und nicht weiter definierte "erforderliche Unterstützungskräfte" (ca. 450 Soldaten). [3]

Das "Kommando Spezialkräfte" KSK, das mit "ca. 100 Soldaten" in der Liste der zu entsendenden Truppen enthalten ist, wird übrigens auf der Homepage der Bundesregierung, auf der über den "Bundeswehreinsatz im Rahmen von `Enduring Freedom´" informiert wird (Stand: 10. Juni 2003), verschwiegen, obwohl die deutsche Elitetruppe aus Calw immer noch im Einsatz ist und - wie sich zumindest der frühere Verteidigungsminister Scharping hin und wieder brüstete - "gute Arbeit" leistet. Worin diese Arbeit besteht, wird unter dem Hinweis der "verdeckten Operationen" verschwiegen. Der zuständige Referent für Spezialkräfteeinsätze im Bundesministerium der Verteidigung schrieb in einer Antwort auf eine Anfrage eines Bürgers: "Die Operation hat zum Ziel, Führungs- und Ausbildungseinrichtungen von Terroristen auszuschalten, Terroristen zu bekämpfen, gefangen zu nehmen und vor Gericht zu stellen sowie Dritte dauerhaft von der Unterstützung terroristischer Aktivitäten abzuhalten." Da das KSK aber bei der Bekämpfung von Taliban und Al Kaida in und um Afghanistan den US-Kampftruppen assistiert, kann vermutet werden, dass hierbei Tötungen vorkommen und Gefangene gemacht werden. Letztere dürften den amerikanischen Streitkräften überstellt werden - Guantánamo könnte die letzte Station sein. Doch darüber herrscht beredtes Schweigen. Der Referent auf die entsprechenden Fragen: "Einzelheiten zur Durchführung der Einsätze unterliegen der strengsten Geheimhaltung. Damit werden die eingesetzten Soldaten sowie deren Familien im Heimatland geschützt. Deshalb bitte ich Sie um Verständnis, wenn ich dazu keine näheren Angaben machen kann." [4]

Anders als "Enduring Freedom" ist die Internationale Sicherheitsbeistandstruppe (ISAF) - in den Medien häufig entweder in unkritischer Anspielung an Kolonialzeiten als "Schutztruppe" oder in Orwellscher Tradition als "Friedenstruppe" tituliert - eine von den Vereinten Nationen mandatierte Truppe zur Sicherung der provisorischen Regierung des Präsidenten Hamid Karsai in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Die Resolution des UN-Sicherheitsrats vom 20. Dezember 2001 definiert die Aufgaben von ISAF eindeutig: Es gehe darum, "die Afghanische Interimsverwaltung bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit in Kabul und seiner Umgebung zu unterstützen, damit die Afghanische Interimsverwaltung wie auch das Personal der Vereinten Nationen in einem sicheren Umfeld tätig sein können". [5] Zur Zeit sind an ISAF 4.600 Soldaten aus 30 Staaten beteiligt. Das Gros stellt Deutschland mit rund 2.500 Bundeswehrangehörigen. Deutschland teilte sich seit Februar 2003 auch das Kommando mit den Niederlanden. Am 11. August übergaben sie das Kommando an die NATO. Für die NATO ist dies der erste Einsatz außerhalb Europas in ihrer Geschichte. Und genau hier liegt ein zweifaches Problem: Einmal sieht der Nordatlantikvertrag einen Einsatz der NATO nur in einem genau begrenzten Gebiet in Europa und Nordamerika einschließlich der Türkei, des Mittelmeers und des Atlantiks "nördlich des Wendekreises des Krebses" vor. [6]

Die NATO operiert also entgegen ihrer eigenen Satzung "out of area". Zum anderen scheint dieser Rechtsbruch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nicht sonderlich zu stören. Im Gegenteil: In seinem jüngsten Bericht über die Lage in Afghanistan begrüßt der UN-Generalsekretär die Entscheidung der NATO vom 16. April d.J. die Leitung von ISAF übernehmen zu wollen. Mehrere Staaten, die an ISAF beteiligt sind, hätten zuvor diesen Wunsch an die NATO herangetragen, heißt es in dem Report. Der Vorteil aus Sicht des UN-Generalsekretärs: Die NATO könnte den Streitkräften "mehr Stabilität" verleihen, "insbesondere weil dadurch die Notwendigkeit beseitigt" würde, "alle sechs Monate eine neue Führungsnation zu finden". [7] Bei so viel "Pragmatismus" können allerdings die Prinzipien der Vereinten Nationen und ihrer lediglich zur Selbstverteidigung ausgerüsteten "Blauhelme" bleibenden Schaden nehmen. Die NATO, als "Verteidigungsbündnis" im Kalten Krieg gegründet (mit, wie wir wissen, durchaus offensiven Ambitionen gegen den Warschauer Vertrag im "Kalten Krieg") hat sich gerade in den letzten Jahren in kriegerischer Hinsicht nachdrücklich als Aggressor empfohlen: Der Krieg gegen Jugoslawien 1999 war ein schlagendes Beispiel hierfür. Mit der Unterordnung von ISAF unter das Kommando der NATO läuft jedenfalls die UNO Gefahr, nicht nur militärisch, sondern auch politisch zu einem puren Anhängsel der NATO und ihrer unangefochtenen Führungsmacht USA zu werden.

Der Gewöhnungseffekt: Militär als Mittel der Politik

Die Bedeutung des Beschlusses der Bundesregierung, ihr militärisches Engagement in Afghanistan auszuweiten, hat auch noch einen nach Innen gerichteten Aspekt. Sukzessive, so hat es den Anschein, versucht Rot-Grün die Scharte Irak auszuwetzen. Aus Sicht der Bundesregierung beruhten die transatlantischen Störungen, die wegen der Ablehnung des Irakkriegs durch das "alte Europa" das politische Klima bestimmten, auf einem doppelten Missverständnis. Washington hat das überwiegend wahltaktisch begründete verbale "Nein" von Schröder und Fischer überbewertet und die reale Kriegsunterstützung durch Gewährung von Überflugrechten, Nutzungserlaubnis der US-Stützpunkte und anderer "Beihilfen" nicht gebührend gewürdigt. Und viele Menschen hier zu Lande haben wohl das Nein der Regierung für bare Münze genommen und mit der eigenen Antikriegs-Haltung gleichgesetzt. Es ist auch heute noch schwer zu beurteilen, welchen Einfluss die von Anfang an kritische Distanz der Friedensbewegung zum Regierungs-Nein auf das Denken und Fühlen der kriegsgegnerischen Bevölkerungsmehrheit gehabt hat. Skepsis dürfte aber weit verbreitet gewesen sein, zumal selbst in grünen und sozialdemokratischen Milieus stets begeisterte Zustimmung erntete, wer von der "eigenen" Regierung auch praktische Konsequenzen ihres "Neins" verlangte.

Der Afghanistankrieg hatte längst nicht so viel Kritik und Widerstand ausgelöst wie der Irakkrieg, auch wenn die Umfragen eine klare Mehrheit gegen den Krieg zeigten. So blieben die Proteste gegen eine deutsche Beteiligung an dem Krieg vergleichsweise bescheiden. Dies lag auch daran, dass die parlamentarische Weichenstellung für "Enduring Freedom" erst im November 2001 fiel, zu einem Zeitpunkt also, da sich der Krieg bereits seinem Ende zuzuneigen schien. So konnte man sich der beruhigenden Vorstellung hingeben, mit den Einsatzbeschlüssen (erst am 16. November: Enduring Freedom, dann am 22. Dezember: ISAF) weniger einen Beitrag zu einem Krieg denn einen Beitrag zur Absicherung eines bereits ereichten Endes des Krieges zu leisten.

Dies gilt heute in noch stärkerem Maß. Die Bilder von den befreiten Frauen ohne Ganzkörperverhüllung (Burka), die Berichte von optimistischen Mädchen, die zum ersten Mal seit dem Ende der sowjetischen Präsenz wieder zur Schule gehen durften, und die zeitweise tatsächlich abflauenden Kämpfe im Land haben ihre beruhigende Wirkung nicht verfehlt. Afghanistan erschien großen Teilen der Bevölkerung - sofern sie von diesem Land überhaupt noch Notiz nahm - als im wesentlichen befriedet. Aus Afghanistan wurde in den Medien höchstens noch in Drei-Zeilen-Meldungen berichtet. [8] Erst in den letzten Monaten, genauer: mit dem vermeintlichen Ende des Irakkriegs Ende April/Anfang Mai richtete sich das Augenmerk wieder stärker auf Afghanistan. Dabei sprachen die offiziellen Quellen schon seit langem eine sehr besorgte Sprache. So fand am 2. Dezember 2002 auf dem Bonner Petersberg eine Folgekonferenz zu Afghanistan statt. Doch im Gegensatz zur ersten Konferenz im Dezember 2001, auf der bekanntlich eine Interimsregierung sowie der Fahrplan für die Stabilisierung Kabuls verabredet worden war, [9] herrschte diesmal eine düstere Stimmung bei den Delegierten aus über 30 Staaten.

In den Diskussionen und Erklärungen wurde deutlich, dass nach einem Jahr Krieg außerhalb der Hauptstadt Kabul, jenes "UNOtops", das sich die Internationale Gemeinschaft einiges kosten lässt, kein Problem gelöst war. Die ernüchternde Bilanz fasste der Leitartikel in der Süddeutschen Zeitung folgendermaßen zusammen: "Die Sicherheitslage ist desolat, die Zentralregierung aufgespalten in sich bekämpfende ethnische Fraktionen. Der Wiederaufbau kommt nicht in Gang. Allein die Drogenproduktion boomt. Fundamentalisten haben wieder begonnen, die gerade erst geöffneten Mädchenschulen zu schließen." (SZ, 03.12.2002) Die Situation hat sich seither weiter verschärft. Der bereits erwähnte Bericht des UN-Generalsekretärs vom Juli d.J. stellt fest: "Die allgemeine Sicherheitslage in ganz Afghanistan bleicht zerbrechlich und zeigt in vielen Regionen Zeichen der Verschlechterung ("deterioration"; Übers.: P.S.). Genannt werden u.a. lokale Spannungen zwischen rivalisierenden Fraktionen im Norden, die sich "dramatisch verschlechtert" hätten, die oppositionelle Haltung des Gouverneurs der Provinz Herat und die verstärkten Aktivitäten in den südlichen und östlichen Grenzregionen, wo sich offenbar Kräfte der Taliban, von Al Kaida und des Kriegsherrn Gulbuddin Hekmatyar verbündet hätten. Die jüngsten großangelegten Militäraktionen der US-Streitkräfte und der afghanischen Armee gegen Taliban- und Al-Kaida-Formationen erinnern eher an die heiße Phase des Afghanistan-Krieges im Oktober/November 2001 als an erfolgversprechende Stabilisierungsversuche.

"Deutsche Soldaten sind die falsche Botschaft"

Die Bundesregierung, die all ihr politisches Gewicht in den Befriedungsprozess Afghanistans nach dem vermeintlichen Ende des Krieges gelegt und mit der Bonn-Petersberger Konferenz 2001 fast den Eindruck erweckte, eine "Garantiemacht" für den afghanischen Friedensprozess zu sein, steht also heute unter einem enormen Rechtfertigungsdruck. Der mit dem Afghanistan-Krieg begonnene "Feldzug gegen den Terror", dem sich die rot-grüne Bundesregierung von Anfang an "uneingeschränkt" verschrieben hat, muss Erfolge vorweisen, Erfolge, die auch über das "UNOtop" Kabul hinaus sichtbar sind. Also schickte das Verteidigungsministerium im Sommer einen Erkundungstrupp nach Afghanistan, der mögliche Einsatzoptionen außerhalb der Hauptstadt eruieren sollte. Zunächst war offenbar Charikar in der Provinz Parwan, rund 50 Kilometer nördlich von Kabul, im Gespräch. Einem Bericht des "Handelsblatt" zufolge wollte das Verteidigungsministerium am liebsten dorthin, weil der Ort als sicher gilt und somit kaum Gefahren für die Soldaten auftauchen würden (HB, 07.08.2003). Im Kanzleramt wurde indessen argumentiert, dass die Gefährlichkeit nicht das ausschlaggebende Kriterium sein dürfe. Außerdem kam lautstarke Kritik auch aus den Reihen von Hilfsorganisationen. Sie wiesen darauf hin, dass sie in Charikar bereits ungestört arbeiten könnten. Eine Entwicklungshelferin von der französischen Organisation Acted, Rebecca Heuberger, sagte: "Wir brauchen hier keine deutschen Soldaten", dies sei die "falsche Botschaft" (FR, 06.08.2003). Selbst die örtlichen Behörden sind ausschließlich an Wiederaufbauarbeit und weniger an Militär interessiert. "Für die Sicherheit können wir selbst sorgen", wird der Vizegouverneur Khawja Atta Mohammad in der Frankfurter Rundschau zitiert.

Damit wird ein grundlegendes Problem für Regierende und Militärs sichtbar: Sowohl Kampfeinsätze als auch sog. "Blauhelmeinsätze" unter UN-Mandat sollen seit dem Ende der Blockkonfrontation wieder zum selbstverständlichen Arsenal deutscher Außenpolitik gemacht werden. Damit die Bundesrepublik Deutschland wieder zu einer "normalen" Großmacht mit weltweiten Ambitionen wird, muss sie den Gebrauchswert ihrer militärischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Mit anderen Worten: Am Ende eines Kriegs- oder Militäreinsatzes muss auch etwas Positives herauskommen: ein nachhaltiger Friede, ein sichtbarer sozialer oder zivilisatorischer Fortschritt für die betroffenen Menschen zum Beispiel. (Im Irak wird das auf absehbare Zeit nicht möglich sein, woraus sich wohl auch die - immer noch populäre - Weigerung der Bundesregierung erklärt Soldaten dorthin zu schicken.) Andererseits darf ein Kriegs-/Militäreinsatz keine oder nur wenige eigene Opfer kosten. Darauf beruht die moderne Kriegführung, wie wir sie beim Jugoslawienkrieg, in der ersten Phase des Afghanistankrieg und zu Beginn des Irakkriegs kennen gelernt haben: Gezielte Raketenangriffe in Verbindung mit Flächenbombardements aus "sicherer Höhe", Brechung des Widerstandswillens der angegriffenen Bevölkerung durch Zerstörung der Infrastruktur. Erst die zunehmende Anzahl getöteter US-Soldaten hat die Zustimmungsraten zum Irakkrieg in der amerikanischen Gesellschaft absinken lassen. Daher fürchten gerade die Militärs, die um die Akzeptanz und Legitimierung ihres Berufsstands bemüht sind, sowohl eigene Verluste als auch ergebnislose Einsätze (wie schnell wurde Somalia dem Vergessen anheim gestellt!).

Kundus kein Kompromiss, sondern eine schlechte Wahl

Die nun erfolgte Entscheidung der Bundesregierung für einen Bundeswehreinsatz im nordafghanischen Kundus stellt den Versuch dar, dem Dilemma durch einen Kompromiss zu entkommen. Kundus gilt als relativ sicher, wenngleich nicht so sicher wie Charikar. Die Region selbst steht unter dem Einfluss des amtierenden afghanischen Verteidigungsministers Mohammed Fahim, der aber nicht unbedingt zu den treuesten Gefolgsleuten seines Präsidenten zählt. Die Region ist ein "vermintes Gelände", wie Dirk Schneider im gleichnamigen Artikel in der Wochenzeitung "Freitag" schreibt. (Freitag 36, 29.08.2003) Fahim hat sich dort eine "Hausmacht" aufgebaut, "die in der Region Kundus auf 30.000 Mudschahedin geschätzt wird", eine "Formation, deren operatives Potenzial weit über vergleichbare Ressourcen der afghanischen Zentralarmee hinausgeht." In einem Brief an Verteidigungsminister Peter Struck fragte der in Kriegsfragen immer wieder aufmüpfige CDU-Abgeordnete Willi Wimmer am 25. August d.J.: "Ist es etwa nicht so, dass es bis heute durch Fahim den internationalen Verbänden untersagt ist, das Pandschir-Tal in Augenschein zu nehmen, und trifft es nicht zu, dass in diesem strategisch wichtigen Tal auf Veranlassung von Herrn Fahim streng geheime Übungen mit russischen Spezialkräften stattfinden?" Im "Freitag" werden Wimmers Fragen aufgelöst: "Eine Erklärung für die bisherige Abschottung dieses Landesteils", schreibt Dirk Schneider, "liefert der Drogentransfer, der über Kundus via Sankt Petersburg bis nach Hamburg und Rotterdam führt. Durch den Rauschgifthandel bestreiten die lokalen Warlords Apanage und Kriegskosten. In die Region dislozierte ISAF-Verbände könnten diesen `way of war´ nur tolerieren, wollten sie nicht in Kollisionen geraten, bei denen es nicht nur um Pfründe, sondern die innere Kräftebalance Afghanistans geht. Mohammed Fahim pflegt nicht zuletzt deshalb enge Verbindungen zum Paschtunen-Führer Gulbuddin Hekmatyar, der vor der Machtübernahme durch die Taleban 1996 als Warlord mit den besten Beziehungen zum Iran nie ein Hehl aus seinen Ambitionen machte, als Premierminister eine Regierung in Kabul anführen zu wollen."

Kundus ist also eine denkbar schlechte Wahl, es sei denn, Deutschland will sich in dieser strategisch interessanten Region längerfristig festsetzen. Für eine begrenzte Sicherheit der zivilen Aufbauhelfer dürften nach Lage der Dinge weniger die deutschen Soldaten sorgen, sondern eher die Privatarmee von Verteidigungsminister Fahim. Dies allerdings nur und solange, als die politischen und ökonomischen Strukturen weiter nach den Interessen und nach dem Willen der regionalen Warlords einschließlich Fahims organisiert bleiben. Das grundsätzliche Dilemma ist durch den "Kompromiss" Kundus also nicht aufgehoben. Die Bundesregierung möchte seine militärischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, gleichzeitig aber kein wirkliches Risiko eingehen. So bleibt am Ende die Vermutung, die auch in der Friedensbewegung angestellt wird, dass die Ausweitung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan neben den oben genannten prinzipiellen Gründen derzeit vor allem eine politische Geste gegenüber Washington ist: "Einerseits sollen die US-Truppen in Afghanistan entlastet werden - sie werden verstärkt im Irak gebraucht! -; andererseits bekundet Deutschland seine militärische Solidarität mit den USA, auch wenn es sich zu Recht weiterhin weigert, Truppen in den Irak zu entsenden." [10]

Anmerkungen und Quellenverweise

[1] Vgl. die ausführliche Chronik der Ereignisse in und um Afghanistan auf der Homepage des >>>Friedensratschlags

[2] Die NATO hat trotz Feststellung des "Bündnisfalles" als Militärorganisation an dem Krieg im Rahmen "Enduring Freedom" nicht teilgenommen. Schon während der ersten Phase des Afghanistankrieges haben sich die USA je nach Bedarf einzelne Staaten (auch Nicht-NATO-Mitglieder) als "Alliierte" herangezogen. Dies hat sich bis heute nicht geändert.

[3] >>>Siehe den Antrag der Bundesregierung an den Deutschen Bundestag

[4] Zit. n. Eckart Spoo: Fragen zum 11. September. In: Ossietzky, 14/2003

[5] Resolution 1386 (2001). Verabschiedet auf der 4443. Sitzung des Sicherheitsrats am 20. Dezember 2001. (www.uno.de)

[6] Artikel 6. "Nordatlantikvertrag". In: Völkerrechtliche Verträge, hrsg. von A. Randelzhofer, 8. Aufl. (dtv 1998), S.42-44

[7] United Nations: The situation in Afghanistan and its implications for international peace and security. Report of the Secretary-General (S/2003/754; im Internet: www.un.org), hier: S. 13 (Übersetzung: P.S.)

[8] Die nach wie vor sehr ausführliche Berichterstattung in der "Kriegschronik" auf der Homepage www.friedensratschlag.de darf über diesen Tatbestand nicht hinwegtäuschen. Oft werden hier Agenturmeldungen herangezogen, die sich nur sehr unzureichend in den großen überregionalen Zeitungen (der "seriösen" Presse) widerspiegeln, die in der Boulevard- und Provinzpresse sowie in den Fernsehnachrichten dagegen kaum noch zu finden sind.

[9] >>>Vgl. die Dokumentation des Abkommens

[10] >>>Presseerklärung des Bundesausschusses Friedensratschlag vom 27. August 2003
05.09.2003