Die ″Aktivisten-Nonnen″ von Tennessee

von Andre Vltchek und William Toth

Über die amerikanische Friedensbewegung erfährt man in unseren Medien praktisch nichts. Dabei ist diese Bewegung in den USA sehr vielgestaltig und lebendig. Es gibt ja nicht nur das Bush-Amerika, das Amerika der Absahner wie Cheney und Co., das Amerika der Hau-drauf-Strategen wie Rumsfeld und Wolfowitz. Mehr über diese Seite der USA erfahren wir in diesem Artikel, den wir im Wortlaut der >sehr lesenswerten Znet-Website entnommen haben. Der Beitrag wurde von den beiden Amerikanern Andre Vltchek und William Toth geschrieben und vom Znet-Team übersetzt.

Schwester Anne Hablas wirkt wie eine fragile Lady - sie ist über 70. Sie ist hellwach, flink, und sie besitzt eine Menge Wissen über ein breites Spektrum innenpolitischer und internationaler Themen. Schwester Anne hat den Magister in Geschichte, und sie ist eine Nonne- eine Nonne, die nicht zögert, die Behörden herauszufordern, auch nach dem 11. September und der Hexenjagd gegen politische Aktivisten in den USA. Schwester Anne glaubt an soziale Gerechtigkeit, und sie ist Pazifistin (wenngleich sie das Recht der Menschen in Lateinamerika und anderswo, sich mit Gewalt gegen unseren Expansionismus zu wehren, nicht offen bestreitet). Sie gehört mehreren lokalen Graswurzel-Organisationen an. Derzeit arbeitet Schwester Anne für die katholische Diözese von Knoxville - im Büro der ′Justice-Peace-Integrity of Creation′.

Anne Hablas ist der festen Überzeugung, die Produktion von Nuklearwaffen sei (und war) falsch. Die Bombardierung zweier japanischer Städte - Hiroshima und Nagasaki - gegen Ende des Zweiten Weltkriegs könne nur als barbarisch gewertet werden. Sie besteht darauf: Die Produktion von Atomwaffen muss in den USA sofort gestoppt werden. Und genau dieser Standpunkt - vor allem aber ihre Glaubensaktionen - lassen Schwester Anne immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Schwester Anne und Schwester Mary (derzeit auf Bewährung frei, nachdem sie einen Teil ihrer Gefängnisstrafe abgesessen hat) plus einige weitere Nonnen tun das, was selbst kräftige, junge und gesunde Männer sich heutzutage nicht mehr trauen - sie jedoch tun es immer und immer wieder: Zu Fuß nähern sie sich dem Sperrgebiet - auf der Zufahrtsstraße zur Anlage ′Y-12', in Oak Ridge, Tennessee (historisch gesehen die Urananreicherungsfabrik, in der die Bomben von Hiroshima und Nagasaki produziert wurden). Die Nonnen trotzen den Gesetzen und Bestimmungen, die ihnen verbieten, die Demarkationslinie zu überschreiten und marschieren einfach auf die Anlage zu. Reagiert wird stets in extremer Weise. Die lokale Stadtpolizei bricht die Aktion der Nonnen ab, nimmt sie fest. Sie werden ins Gefängnis geworfen, vor Gericht gestellt, oft durch eine Jury verurteilt; anschließend sind sie gezwungen, ihre Strafen abzusitzen. Für sie allerdings gehört das zum Kampf. Am 9. April 2003 verliest Schwester Anne Hablas im Gerichtssaal von Anderson County eine Stellungnahme (in ihrem Prozess), die sie in ein mächtiges, politisches Bekenntnis verwandelt:

″Mein Name ist Anne Hablas. Seit 50 Jahren gehöre ich der ′Presentation Sisters of Fargo′ in North Dakota an - einem katholischen Nonnenorden. (...) Ich bin langjähriges Mitglied der Oak Ridge Environmental Peace Alliance (Oak-Ridge-Bündnis für Umwelt und Frieden). Ich bin der Auffassung, die Produktion von Nuklearwaffen in der Anlage Y-12 in Oak Ridge stellt einen Verstoß gegen Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags dar, der von den USA im Jahr 1970 unterzeichnet wurde. Hinzu kommt, indem die USA diesen Vertrag nicht beachten - der durch den US-Senat ratifiziert und zum Gesetz gemacht wurde -, verstoßen die USA gegen Artikel VI der US-Verfassung, der festlegt: alle Verträge, ″eingegangen (...) durch die USA, werden zu obersten Landesgesetzen. Die Richter aller Bundesstaaten sind daran gebunden...″ Man hat mich in dem Glauben erzogen, das Gesetz sei zu respektieren und zu befolgen, aber ebenso hat man mir auch beigebracht, dass ich durch die katholische Taufe letztlich nur meinem Gewissen verpflichtet bin. Als ich Zweifel hatte, ob ich diesen Akt des zivilen Ungehorsams am 30. März an der Y-12 begehen sollte, erhielt ich einen Brief, der mir half, die Entscheidung zu treffen. Der Brief handelt von einem österreichischen Bauern namens Franz Jagerstatter, der sich weigerte, in Hitlers Armee zu dienen. Man sperrte ihn ins Gefängnis. Schließlich ließ ihn die Regierung Deutschlands 1943 hinrichten. Franz trotzte allen Anfeindungen und dem Vorwurf, unpatriotisch und ein Verräter zu sein. Er glaubte fest, nur seinem Gewissen verantwortlich zu sein. Später, 1950, rehabilitierten ihn die Richter des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals und schrieben:

Den Individuen sind internationale Pflichten auferlegt, die höherstehen als die nationale Gehorsamspflicht. Aus diesem Grund haben die einzelnen Bürger die Pflicht, gegen Landesgesetze zu verstoßen, wenn es darum geht, Verbrechen gegen den Frieden und gegen die Menschlichkeit zu verhindern.

Ich nehme die Verantwortung für meine Taten auf mich. Ob man mich nun für schuldig oder für unschuldig befindet, ich habe ein Höheres Gesetz befolgt, dem muss ich treu bleiben.″

Die Jury befand Anne Hablas für schuldig - im Sinne jenes lächerlichen Vergehens, für das sie verhaftet wurde: Behinderung des Verkehrs auf einer öffentlichen Straße. Sie musste zwei Nächte im Gefängnis verbringen, bevor man sie wieder freiließ. (Wir beiden Berichterstatter haben uns den Ort ihrer Verhaftung angesehen und kommen zu dem Schluss, eine Verkehrsbehinderung ist auszuschließen). Jedem, der sich auf dieser öffentlichen Straße bewegt, muss klar sein (vorausgesetzt, man glaubt Schwester Annes Schilderungen), es kann sich um kein kriminelles unbefugtes Betreten gehandelt haben - schon deshalb nicht, weil die Demarkationslinie durch temporäre Eisentore geschützt war. Diese Tatsachen wurden auch auf Fotos, die jenen Tag dokumentieren, festgehalten.

Was mit ihr selbst geschieht, scheint Schwester Anne wenig zu kümmern. Leidenschaftlich wird sie erst, wenn es um das Schicksal ihrer ″Kampfgenossinnen″ geht.

″Ich war nicht die Einzige, die die blaue Linie überschritt. Wir waren zu sechst - einschließlich Judy Ross, eine 80jährige Lady, die man einen Monat lang ins Gefängnis sperrte - wegen ′Widerstand gegen einen Polizeibeamten′. Und im letzten Jahr verurteilten Jury und Staatsrichter auch Schwester Mary für das Überschreiten der ′blauen Linie′. Ein Verfahren, das 4 Tage dauerte. Grundsätzlich gilt, Richter lassen kein Argument zu, in dem davon die Rede ist, die USA verstießen gegen internationales Recht oder gegen internationale Verträge oder in dem es um die Moralität von Nuklearwaffenproduktion geht. Diese Art Diskussion lassen Richter einfach nicht zu. Mir scheint zudem, Schuldsprüche sind die Norm. Judy wurde zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt, Mary musste ihre Strafe im Staatsgefängnis von Kentucky absitzen. Sie hat sich inzwischen öffentlich als ′Gefangene aus Gewissensgründen′ bekannt.″

Anne Hablas behauptet, dass die meisten Amerikaner nicht die leiseste Ahnung haben, wieviele politische Gefangene in unseren Gefängnissen eigentlich einsitzen.

″3 unserer Schwestern protestierten bei einem Testgelände in Colorado. Ihnen drohen nun jahrelange Haftstrafen. Man hält sie unter schrecklichen Bedingungen fest, in einem Hochsicherheitsgefängnis. Sie warten noch auf ihre Verurteilung, aber schon jetzt haben sie Monate unter schrecklichen Bedingungen verbracht. Die US-Regierung hat neue gefährliche Gesetze und Bestimmungen erlassen. Sie führen eine Hexenjagd gegen Menschen nicht-weißer Hautfarbe durch - vor allem, wenn diese Menschen aus dem Mittleren Osten stammen. Selbst die Bibliotheken müssen jetzt Personenlisten erstellen, wenn das FBI sie darum ersucht. Wenn der (FBI-)Agent einen Bibliothekar fragt, was eine bestimmte Person gelesen hat, hat dieser eine entsprechende Liste zu erstellen, ohne dass die betreffende Person überhaupt davon erfährt.″

Glaubt man Schwester Anne und ihren Freunden, so befinden sich die USA in einer Periode extremer Militarisierung. Die komplette US-Führung - einschließlich Präsident und Kongress-/Senats-Mitgliedern - besteht aus Leuten aus dem Konzern-Establishment. Sie beziehen Millionen von Dollars durch die großen Unternehmen. Folglich: Dieses Land wird im Interesse der Konzerne gelenkt - nicht etwa im Interesse der Bedürfnisse der Mehrheit des Volkes.

″Ja, ich fürchte für mein Land″, gibt Anne Hablas zu. ″Der Irak-Krieg hat viele Menschen zu Aktionen aufgerüttelt, selbst hier in Knoxville, einer Stadt, die man wohl konservativ nennen sollte. Andererseits bleibt die katholische Kirche zum großen Teil stumm. Sollte ein Priester es wagen, den Krieg in seiner Predigt zu verdammen, unterbricht ihn sicher jemand: ″Was hat das alles mit der Messe zu tun?″ und die Leute applaudieren. Manchmal sind wir voller Hoffnung, manchmal aber auch sehr enttäuscht. Wenn man bedenkt - selbst der Vatikan verurteilt den Krieg sowie die Produktion von Nuklearwaffen. Dennoch ist diese Botschaft in unseren Kirchen kaum zu vernehmen, sie wird nicht diskutiert!″

Und das ist auch der Grund, weshalb Anne Hablas, eine reife katholische Nonne, die Sache selbst in die Hand nahm und nicht mehr auf andere wartete. In Tennessee sind sie und ihre Freunde inzwischen auf dem besten Weg, eine Art Folk-Legende zu werden. Man spricht über sie - manche Leute mit Respekt, andere ärgern sich über sie. Früher war sogar scherzhaft von ″Terroristen-Nonnen″ die Rede. Aber wirklich nur im Spaß - nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Diese Frauen sind sanfte Seelen, ihre Werke gut. ″Die Frauen sind einfach fantastisch″, sagt die lokale Folk-Sängerin und Songwriterin Nancy Brennan Strange. ″Ich werde ein Lied über sie schreiben - ein Lied über unsere ″Aktivisten-Nonnen″.

29.07.2003