Solche Legenden braucht der Krieg:

Die Jessica-Lynch-Story - ein Lehrbeispiel für Propaganda

Fast jeder Bürger der USA kennt Jessica Lynch. Sie ist eine Heldin. Die Medien und die Bedürfnisse der Kriegsführung haben sie dazu gemacht. In der Nacht zum 2. April stürmten amerikanische Soldaten das Stadtkrankenhaus von Nassirija, Irak. Sie trieben das Personal zusammen und nahmen eine Patientin mit sich. Die Patientin war die "Kriegsgefangene" Jessica Lynch. Die gesamte Aktion wurde im Stil der Reality TV-Sendungen gefilmt. Stunden später brach in den USA pratriotischer Jubel los. Im Fernsehen konnte jeder Amateur-Soldat der Heimatfront die Aktion miterleben. Amerika hatte eine Heldin. Der Gouverneur von West-Virginia rief den Jessica-Lynch-Tag aus. Alles eine Riesenshow.

In diesen Tagen kehrt Jessica Lynch in ihre Heimatstadt Palestine zurück. Der Empfang ist bis ins kleinste Detail geplant. Die Legende darf keine Ende finden. Die großen Fernsehanstalten berichten live. Jessica Lynch darf sogar selber reden. Genau 150 Sekunden lang. Das muß reichen. Denn viel darf man nicht erzählen, wenn die Legende Bestand haben soll. Nach dem Krieg machten sich einige Reporter auf den Weg, um vor Ort die Umstände der Aktion zu erkunden. Was sie herausfanden, hatte mit den heroischen Berichten der Militär-Reporter nichts zu tun. Schon der Umstand, dass man Jessica Lynch aus einem zivilen Krankenhaus "befreien" konnte, hätte stutzig machen müssen. Ist das der Ort, an dem Diktaturen ihre Gefangenen quälen? Die Gespräche mit den Ärzten, die Jessica Lynch behandelten, kann man im Spiegel v. 7.Juni 2003 nachlesen. Auch Monitor berichtete am 19.Juni. darüber. Hier einige Fakten:

  • Zehn Tage lang war Jessica Lynch Patientin des Stadtkrankhauses. Das Bett, aus dem die Patientin befreit wurde, war ein Spezialbett für Personen, deren Rücken wund ist. Es ist das einzige des Krankenhauses. Es wurde bei der Aktion zerstört.

  • Die Patientin lag in einem Einzelzimmer, obwohl sich auf den Fluren des Krankenhauses irakische Patienten drängten. In den letzten Tagen gab es nicht einmal einen militärischen Posten im Krankenhaus.

  • Die Behauptungen der Propaganda-Offiziere, Jessica Lynch habe "bis zur letzten Patrone" gekämpft und sei von irakischen Kugeln getroffen worden, erweist sich als unwahr. Dr. Ussuna, der behandelnde Arzt: "Sie hatte keine Schusswunden. Sie hatte Knochenbrüche in Armen und Beinen." Ihre Verletzungen stammten vermutlich vom umstürzenden Jeep, der von einer Granate getroffen worden war, wie 10 Wochen später auch ein Abschlussbericht der US-Army zugeben muss.

  • Die irakischen Ärzte operierten, um die Knochen neu zu richten. Dr. Ussuna: "Wir gaben ihr drei Blutkonserven. Weil Blut so knapp war, hat das Krankenhauspersonal zwei gespendet. Wir behandelten Jessica nicht wie eine Gefangene, sondern wie eine von uns, wie eine verletzte Irakerin."

  • Die US Army stellte die Befreiung als konspirative Aktion dar, die erst durch den Tip eines Informanten möglich geworden sei. Der Name des Informanten ist aber niemandem im Krankenhaus bekannt. Tatsächlich war die Anwesenheit von Jessica Lynch im Stadtkrankhaus praktisch eine öffentliche Angelegenheit. Ein Journalist: "Jeder Taxifahrer hätte Jessica abholen können."

  • Zwei Tage vor der Rettungsaktion hat Dr.Hussuna sogar versucht, Jessica in einem Krankenwagen zu den Amerikanern zu schaffen: "Wir legten sie in einen Krankenwagen und sagten dem Fahrer, er solle sie zum amerikanischen Checkpoint bringen. Als er sich aber näherte, wurde er von den Amerikanern beschossen." Das war der einzig wirklich gefährliche Moment für die Patientin.

  • Hassan Hamud, ein Bürger von Nassirija: "Die Amerikaner wollten wissen, wo das Saddam-Krankenhaus ist. Ich sagte: Da lang. Und es sind keine Kämpfer dort. Nichts dergleichen." Dennoch ein Angriff wie aus einem Action-Film. Dr. Hussuna: "Sie brüllten: 'go go go' und viel Schießerei, aber mit Platzpatronen, nicht mit echter Munition. Sie zertrümmerten die Tür. Wir hatten große Angst." Dr. Udai: "Wir waren überrascht. Wozu das Ganze? Es gab keinen einzigen irakischen Soldaten im Krankenhaus." Aber die Spezialtruppen gingen kein Risiko ein. Sie trieben die Ärzte zusammen und fesselten einen Patienten sogar mit Handschellen an sein Bett. Dr.Hussuna: "Warum nur? Er konnte sich doch gar nicht bewegen."

  • Dr. Hasbar, der Direktor des Krankenhauses, zu den Jornalisten: "Und Sie wollen immer nur etwas über Jessica wissen. Wissen Sie, wir haben sie gut behandelt, aber ihr Schicksal steht doch in keinem Verhältnis zu dem, was mit unseren Leuten passiert ist. In den zehn Tagen, die sie bei uns war, sind über 1000 Bürger Nassirijas getötet worden. Die sind wirklich gestorben. Diese ganze Jessica-Befreiung war doch eine einzige Show. Die amerikanischen Soldaten wussten, dass kein einziger bewaffneter Mann mehr im Haus war. Der Dolmetscher der Einheit hat sich unmittelbar vor dem Angriff danach erkundigt. Trotzdem sind die hier eingefallen wie die Krieger mit ihren Helikoptern und Maschinenpistolen. Die haben mit Platzpatronen um sich geschossen. Sie haben einen Film gedreht. Es sollte echt aussehen."

  • Als auch die Los Angeles Times leise Zweifel an der Propagandastory äußerte, ließ Kriegsminister Rumsfeld sofort ein Schreiben mit kaum verhüllten Drohungen los. Darin heißt es: "Die offiziellen Sprecher in Katar und Washington haben die Ereignisse akkurat wiedergegeben. Dem zu widersprechen ist eine schwerwiegende Beleidigung der tapferen Männer und Frauen, die an der Aktion beteiligt waren."
Jessica Lynch, eine junge Frau aus Palestine in West-Virginia, die zur Armeee ging, um danach ein College besuchen zu dürfen, wurde durch Zufall zu einer Ikone des US-Patriotismus. Und das muss sie bleiben. Bis heute weigert sich das Pentagon, das gesamte Video der Aktion freizugeben. Aber dafür werden wir demnächst die ganze Aktion erneut erleben: Als moralisch aufbauenden Hollywood Streifen. So werden die neuen Kriege psychologisch vorbereitet.
26.07.2003