"Der Krieg ist doch vorbei..." - wirklich?
Am Ostersamstag führte der Friedenskreis Castrop-Rauxel eine weitere Aktion zur Vorbereitung des Ostermarsches 2003 durch. Dabei wurden 300 Flugblätter verteilt, in denen wir über die über aktuelle Entwicklung im Irak informierten und auch die von der Friedensbewegung bundesweit gegenüber der Bunderegierung erhobenen Forderungen erneuerten.

Aber jetzt, wo der Irak-Krieg scheinbar vorüber ist und das Thema in den Medien nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, ist auch die Aufnahmebereitschaft der Öffentlichkeit anders. Moralische Empörung ist einer gewissen Gleichgültigkeit gewichen. Es scheint, als sei das Thema vielen Menschen jetzt eher lästig.


Natürlich haben wir das gemeinsam ausgewertet. Hier sind unsere Erfahrungen. Oder anders gesagt: Die Castroper Top Five Gründe, warum man ein Flugblatt lieber nicht nehmen möchte.
1. "Der Krieg ist doch vorbei. Gebt Ruhe." Wäre ein gutes Argument, wenn es stimmen würde. Und weil es nicht stimmt, haben wir ja das Flugblatt gemacht. Wenn einflußreiche Männer im Umfeld der US-Regierung jetzt offen und mit gewisser Genugtuung "den Beginn des vierten (!) Weltkriegs" verkünden (stimmt wirklich: Der dritte Weltkrieg war nach dieser Lesart der Kalte Krieg von 1945 bis 1990), dann darf man wohl annehmen, daß die Bombenwerfer von Washington noch einiges in petto haben. Also können wir auch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wenn Sie das alles für Unsinn halten: Lesen Sie die WAZ vom 15.4.2003, Bericht und Hintergrund, oder einfach die Dokumente auf dieser Website. Vielleicht kommen Sie dann auch ins Grübeln.

2. "Da kann man doch nichts machen." Stimmt natürlich. Wie sollten wir mit einem Flugblatt in Castrop-Rauxel die mächtige US-Regierung stoppen? Stimmt andererseits aber auch nicht: Denn die Friedensleute aus Castrop-Rauxel sind nur ein Teil von Millionen Menschen weltweit, die in dieser Sache aktiv sind. Und immerhin hat eine weltweite Öffentlichkeit den amerikanischen und britischen Kriegsherren auf die Finger gesehen. Wer weiß, wie die Generäle vorgegangen wären ohne diese Kontrolle?
3. "Geht doch mal arbeiten." Toll, vor allem dann, wenn es einer (sagen wir nicht mehr ganz jungen) Flugblattverteilerin gesagt wird, die gerade die x-te 12 Stunden Schicht im wunderbaren bundesdeutschen Gesundheitsdienst hinter sich hat. Warum glauben einige Leute eigentlich immer, Sie wären die einzigen, die für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten müssen? Wer hat schon, wie US-Vizepräsident Cheyney, große Aktienpakete von Rüstungsbetrieben und dann auch noch die Möglichkeit, aktiv für wachsende Nachfrage und steigende Kurse zu arbeiten?

4. "Geht doch nach drüben." Also wirklich. Die 80er Jahre sind doch samt DDR lange vorbei. Oder meinten diese Passanten mit "drüben" nicht die Ehemalige, sondern den Irak? Dann in aller Deutlichkeit: Wir denken nicht daran! Erstens ist es dort ungemein gefährlich und zweitens ist man dort auf westlichen Besuch im Augenblick generell nicht gut zu sprechen. Allerdings könnten wir uns das Geht doch nach drüben sehr gut als Losung für die amerikanischen Soldaten im Irak vorstellen.

5. "Will ich nicht." Eine akzeptable Antwort und allemal besser, als ein Flugblatt zu nehmen und es dann 50 Meter weiter einfach zu entsorgen. Das schont die Umwelt und unseren Geldbeutel. Denn Flugblätter kosten Geld. Ist zwar nicht zu vergleichen mit dem, was allein ein einziges Gewehrgeschoß für eine M16 kostet. Aber immerhin... schließlich haben wir keinen Rüstungsetat und können uns auch nicht mal eben mit Steuern bedienen. Also spricht für das Argument der Gedanke der Sparsamkeit. Allerdings bleibt das eigentliche Motiv des Arguments im Dunkeln. Peinliche Leseschwäche? Angst vor den Argumenten? Fundamental andere politische Ansichten? Was auch immer: Man kann darüber diskutieren.
Aber vergessen wir nicht: Dreihundert Passanten haben das Flugblatt genommen. Hoffentlich haben viele es gelesen. Und wenn man sich nicht auf dem Ostermarsch trifft, läuft man sich bestimmt an irgendeinem Samstagmorgen wieder über den Weg. Denn die nächste Aktion des Friedenskreises ist wohl unvermeidlich. Und das ist wirklich nicht unsere Schuld.
19.04.2003