Biowaffen

Der Steckbrief zu Biowaffen beruht zum großen Teil auf Informationen des Sunshine Projekts, einer internationalen Vereinigung gegen biologische Waffen mit Sitz in Hamburg und Austin, Texas. Die Internetseiten dieses Vereins wohl die umfassendsten Informationen, die zu diesem Thema zu finden sind. Warum wir diesen Steckbrief verfaßt haben? Um zu zeigen, wie wichtig internationale Abkommen zu Verbot und strengster Kontrolle der Biowaffen-Forschung sind.

Was sind Biowaffen?

Biologische Waffen sind eine schreckliche Gattung. Es sind lebende Organismen, die sich fortpflanzen. Grundsätzlich kann jeder Erreger zur biologischen Waffe werden. Es gibt jedoch einige Bakterien und Viren, die besonders häufig als Biowaffe eingesetzt werden.

Geschichte

Bereits 1346 sollen tatarische Belagerer Pestleichen über die Stadtmauern eines genuesischen Außenpostens an der Krim geschleudert haben, die Bevölkerung erkrankte und der Außenposten fiel.

Die Britischen Kolonisatoren übergaben 1763 bei Fort Pitt anläßlich eines Waffenstillstands einem Indianerstamm ein undankbares Geschenk: einen Stoß Wäsche aus dem Pockenhospital. Protokollarisch festgehalten ist die Hoffnung der Briten, dass "dies (...) den gewünschten Effekt haben wird".

Im Ersten Weltkrieg hat die deutsche Armeeführung Viehbestände der feindlichen Truppen in Geheimaktionen mit Rotz- und Milzbranderregern infiziert.

Das erste große Programm zur Anwendung von Anthrax als Biowaffe wurde 1932 von Japan in der besetzten Mandschurei gestartet. Im Forschungszentrum starben schätzungsweise 3000 gefangene "Versuchsobjekte", auch an anderen Kampfstoffen. Später versprühte das japanische Militär Erreger von Beulenpest und Warfen Bomben mit Bakterien während ihres Kriegs gegen China.

Auch im 2. Weltkrieg wurden von allen beteiligten Staaten Forschungsprojekteprojekte zu Biowaffen durchgeführt. Dabei wurde die schottische Insel Gruinard Island vollständig mit Anthrax verseucht. Nach einer langwierigen Reinigungsaktion mit 200 Tonnen Formaldehyd ist die Insel erst seit wenigen Jahren wieder zugänglich.

Bakterien

Bisher wurden natürliche Erreger gefährlicher Krankheiten wie Pest oder Pocken als biologische Waffe benutzt. Heute können mit Hilfe der Gentechnik Mikroorganismen hergestellt werden, die viel effektivere Biowaffen abgeben als ihre natürlichen Vorläufer:

  • Tödliche Eigenschaften eines Erregers können auf eigentlich harmlose, häufig vorkommende Bakterien übertragen werden.

  • Die UV-Strahlen des Sonnenlichtes zerstören viele Mikroorganismen und begrenzen einen Einsatz als biologische Waffe auf die Nachtstunden. Gentechnisch können solche Bakterien jetzt mit Sonnenschutzfaktoren ausgestattet werden.

  • Bakterien können mit Genen versetzt werden, die unübliche Symptome verursachen, so dass die Diagnose erst zu spät gestellt werden kann. So wurde in der Sowjetunion in die Erreger der Hasenpest ein Gen eingeschleust, das die Endorphinproduktion anregt und in der erkrankten Person starke Verhaltensveränderungen bewirkt.

  • Gentechnische Veränderungen können dazu führen, dass gefährliche Bakterien mit den herkömmlichen Untersuchungsmethoden nicht mehr nachweisbar sind und herkömmliche Impfstoffe nicht mehr wirksam sind.
Milzbrand

Milzbrand, auch Anthrax genannt, wird durch das Bakterium Bacillus anthracis ausgelöst. Die bevorzugte Methode, Anthrax als Biowaffe einzusetzten, ist die Infektion über die Atemwege. 1-6 Tage nach dem Einatmen von Anthrax-Sporen setzen Fieber und Müdigkeit ein, manchmal in Verbindung mit Husten und leichten Brustschmerzen. Der weitere Verlauf ist bei unbehandelten Patienten meist tödlich. Anthrax kann mit Antibiotika nur erfolgreich behandelt werden, wenn noch keine Symptome der Krankheit aufgetreten sind.

Cholera

Der Ereger der Cholera ist ein Bakterium namens Vibrio cholerae. Es ist nur schwer von Mensch zu Mensch übertragbar. Mit ihm können Trinkwasser und Nahrungsmittel verseucht werden. Da eine Cholera-Epidemie in vielen Gebieten auch natürlich vorkommen kann, sind die Erreger eine ideale Waffe für den verdeckten Einsatz. Die Krankheit setzt sehr plötzlich ein. Erste Symptome sind Darmkrämpfe und Durchfall. Wird die Krankheit nicht mit Antibiotika und Flüssigkeitszufuhr behandelt, können bis zu acht von zehn Patienten sterben.

Pest

Yersinia pestis, der Erreger der Pest, ist das wohl berüchtigste Bakterium der menschlichen

Tularämie

Der Name der Krankheit leitet sich vom Ort ihrer Entdeckung ab: Tulare County in Kalifornien, USA. Verursacht wird sie durch das Bakterium Francisella tularensis. Die Krankheit kommt vor allem in Hasen, Bibern und Schildzecken vor. Daher auch ihr zweiter Name "Hasenpest". Das Bakterium eignet sich besonder als Biowaffe, weil es auch bei Frost, in Wasser, Boden und Leichen wochenlang überleben kann. Mit ihm ist leicht ein Aerosol (feiner Bakterienstaub) herstellbar. Wer die Keime einatmet, bekommt nach wenigen Tagen ganz plötzlich starke Symptome, unter anderem Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und geschwollene Drüsen. Die Krankheit kann mit Antibiotika behandelt werden.

Viren

Polioviren

Das Poliovirus selbst eignet sich kaum als Biowaffe. Der folgende Versuch ist aber möglicherweise der Anfang einer gefährlichen Entwicklung: Der Erreger der Kinderlähmung wurde von einem amerikanischen Forscherteam künstlich völlig neu geschaffen. Ausgangspunkt war die frei verfügbare Gensequenz des Erregers, die aus kurzen DNA-Strängen, die auf dem BioTech-Markt frei verkauft werden, völlig neu zusammengesetzt wurde. Durch Zugabe weiterer Bestandteile konnte dann in der Retorte das krankheitserregende Virus geschaffen werden.

Diese Methode könnte prinzipiell auch bei anderen Erregern angewendet werden, die eine ähnlich kurze Gensequenz haben wie das Polio-Virus, z.B. das Ebola-Virus.

Pocken

Pocken sind seit über 20 Jahren nicht mehr natürlich aufgetreten und gelten als ausgerottet. Allerdings sind die äußerst gefährlichen Viren noch in zwei Hochsicherheitslaboratorien in den USA (Centers for Desease Control and Prevention) und in Rußland (Vector) unter der Leitung der Weltgesundheits-Organisation WHO verfügbar.

Eine künstliche Herstellung des Pockengenoms ist wegen seiner Länge zur Zeit nicht denkbar, aber es gibt folgende gentechnische Überlegungen zu seiner Herstellung: Man nimmt ein verwandtes Virus und verändert darin nur diejenigen Teile, die sich von denen der Menschenpocken unterscheiden. Ein derartiges Verfahren ist teilweise bereits gelungen und arbeitet weiter daran.

Pilze

Polyurethanzersetzende Pilze

In dem amerikanischen Forschungslabor "Naval Research Laboratories" wurden Pilze gentechnisch so verändert, dass sie einen Stoff absondern, der den Kunststoff Polyurethan zersetzt. Zur Anwendung dieser mittlerweile patentierten Pilze und ihrer Produkte (z.B.Esterasen) schreibt der Forschungsleiter: "Es ist gut möglich, dass mikrobiell produzierte Esterasen benutzt werden, um den Schutzanstrich von Flugzeugen zu zerstören, um so deren Entdeckung und Abschuss zu erleichtern".

Kokavernichtende Pilze

Bereits Ende der 80er Jahre isolierten amerikanische Forscher einen Pilz, der in kürzester Zeit ganze Koka-Felder vernichten konnte. Auch in der Sowjetunion wurde ein Schädling gegen opiumproduzierende Mohnpflanzen entwickelt und eingelagert. Unter der Schirmherrschaft des UN-Drogenprogrammes (UNDCP) wurde dieser Mohnschädling in den letzten Jahren mit amerikanischem und englischem Geld in Usbekistan weiterentwickelt.
Parallel dazu wurden die Koka vernichtenden Pilze als Agent Green in den USA untersucht und sollten 2000 in Kolumbien in einem Freilandversuch getestet werden. Nachdem dieser Plan bekannt wurde, regte sich massiver Widerstand in Kolumbien und anderen Andenstaaten. Im Sommer 2000 verboten Ecuador und Peru gesetzlich die Anwendung der Pilze in ihren Ländern, hohe Politiker anderer Anrainerstaaten sprachen sich gegen die "biologische Kriegsführung" aus, wie es der frühere Drogenbeauftragte Brasiliens, Walter Maierovich, nannte. Auch das deutsche und das europäische Parlament machten ihre Ablehnung der Killerpilze deutlich, und selbst innerhalb der USA waren die Pilze nicht willkommen: Der Umweltminister von Florida erteilte Plänen zum Einsatz von Agent Green gegen Cannabis-Felder in Florida eine klare Absage. Dadurch konnte das Projekt zunächst gestoppt werden.

Allerdings bezieht sich der Rückzug des UNDCP nur auf die Andenstaaten. Schon weit fortgeschritten sind derweil die Experimente in Usbekistan, bei denen Pflanzenschädlinge bereits im Freiland auf Schlafmohn angesetzt wurden.

Und in Kolumbien musste der Umweltminister Juan Mayr unter dem Druck der USA ein nationales Forschungsprojekt auflegen, um im Laufe der nächsten Jahre nach einheimischen Insekten oder Mikroben zu suchen, die sich für die Bekämpfung von Kokapflanzen eignen. Der kolumbianische Senator Rafael Orduz kommentierte kritisch: "Obwohl die kolumbianische Regierung wiederholt den Einsatz des Pilzes Fusarium oxysporum abgelehnt hat, besteht das Umweltministerium darauf, den Fuß in der Tür zu lassen und einheimische Agenzien zu suchen. Diese zwiespältige Haltung legitimiert den Einsatz von Biowaffen, mit unvorhersehbaren Konsequenzen für die gesamte Region."

Und Ende 2002 forderten Vertreter des US-Repräsentantenhauses, unterstützt vom US-State Department, erneut den Einsatz von Biowaffen gegen Drogenpflanzen ("Agent Green") in Kolumbien. Zur Vernichtung von Opium- und Kokafeldern sollen sie mit Hilfe von Flugzeugen großflächig versprüht werden.

Eine Freisetzung dieser Pilze in die südamerikanische Umwelt könnte katastrophale ökologische Folgen nach sich ziehen. Wie jedes andere Lebewesen auch werden die Anti-Drogen-Pilze nicht mehr zu kontrollieren sein, wenn sie einmal in die Umwelt entlassen worden sind. Als infektiöse Organismen können sie sich schnell auch außerhalb des Zielgebietes verbreiten und lange Jahre im Boden überleben.

Die Folgen sind nicht vorauszusehen, denn bei der Forschung wurden die Auswirkungen auf Wildpflanzen und natürliche Ökosysteme praktisch völlig ausgeblendet. Die Pilzstämme wurden nur an verschiedenen Nahrungsmittelpflanzen getestet - zur Beruhigung der Agrarwirtschaft und ihrer einflußreichen Verbände.

Auch die gesundheitlichen Gefahren sind enorm, denn dieser Pilz kann beim Menschen lebensbedrohliche Infektionen hervorrufen. Zwar werden in der Regel nur immungeschwächte Personen infiziert, doch dann jommt für mehr als zwei Drittel der Infizierten jede hilfe zu spät. Interne Dokumente belegen, dass dieses Risiko den Entwicklern von Agent Green bereits früh bekannt war. Trotzdem wurde ein großflächiger Einsatz geplant, bei dem sicherlich Zehntausende von Menschen mit dem Pilz direkt in Kontakt gekommen wären.

Biowaffenforschung

Grundfragen

Wie die oben genannten Beispielen zeigen, eignet sich kaum ein Erreger von vornherein als optimale Biowaffe. Zur Entwicklung einsatzfähiger Biowaffen sind deshalb umfangreiche Forschungen erforderlich, bei denen es um folgende Ziele geht:

  • Beschaffung geeigneter Erreger, die durch ungünstige Umwelteinflüsse nicht zerstört werden und für den Gegner gefährlich, aber prinzipiell behandelbar sind, damit man sich selbst schützen kann.

  • Massenproduktion dieser Erreger ohne Verlust wichtiger Eigenschaften

  • Entwicklung effektiver Ausbringungsmethoden.
Das Dual use-Problem

In der Biowaffenforschung besteht ein grundsätzliches Problem: Praktisch das gesamte Wissen und jegliche Ausrüstung, die für ein offensives Biowaffen-Programm benötigt wird, kann auch für die zivile Forschung in Medizin und Biologie angewendet werden (Dual use). Ob ein bestimmtes Experiment offensiver oder defensiver, militärischer oder medizinischer Natur ist, liegt allein in der Absicht der jeweiligen Forscher begründet. Aber Ergebnisse von Forschungen, die zunächst zivilen Zwecken dienen, können leicht zur Herstellung biologischer Waffen genutzt werden. Dazu gehören auch bestimmte Techniken, die etwa Aerosole zur Unkrautbekämpfung stabilisieren oder Arzneien zur Inhalation lungengängig machen.

Auch defensive Forschung ist problematisch

Die Forschungen im Bereich der klassischen Erreger, die gegen Menschen gerichtet sind, dienen nach Angaben ihrer Betreiber der Verteidigung, z.B. der Entwicklung von Impfstoffen. Aber selbst Impfstoffe haben Dual-use-Charakter. Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Milzbrand wirkt auf den ersten Blick eindeutig defensiv. Möchte ein Angreifer jedoch Milzbrand als Waffe einsetzen, müsste er auch einen Impfstoff für die eigene Streitmacht und Bevölkerung bereithalten. Damit könnte eine Milzbrand-Impfung auch als Hinweis auf ein Offensivprogramm gewertet werden.

Auf eine Attacke mit biologischen Kampfstoffen kann man sich praktisch nicht vorbereiten. Darin sind sich die Experten einig. Allenfalls eine vorbeugende Impfung gegen bestimmte Krankheitserreger ist denkbar, und in den USA wurden deshalb auch in den vergangenen Jahren die Soldaten gegen Milzbrand (Anthrax) geimpft. Doch Anthrax ist nur einer von rund 70 potenziellen Biokampfstoffen. Eine Durchimpfung der gesamten Bevölkerung gegen sämtliche möglicherweise zum Einsatz kommenden B-Kampfstoffe ist weder möglich noch sinnvoll.

Offensive Forschungsprojekte

Darüberhinaus ermöglicht die Gentechnik die Entwicklung neuartiger nicht tödlicher Biowaffen, die gegen Materialien gerichtet sind. In der US-Armee gibt es weitere Überlegungen zum Einsatz von Mikroorganismen, die gezielt Kraftstoff, Baumaterial, Tarnanstriche oder andere kriegswichtige Materialien zersetzen können. Im Jahr 2002 wurden verschiedene Forschungsanträge des US-Militärs in diesem Bereich mit rein offensiver Zielsetzung veröffentlicht.

Genfer Protokoll

Bereits das Genfer Protokoll verbietet seit 1925 den Einsatz von chemischen und bakteriologischen Kampfstoffen. Einige Staaten haben sich aber einen Zweiteinsatz vorbehalten. Dazu gehören die USA und Rußland.

Biowaffenkonvention

1972 wurde ergänzend die "Biological and Toxin Weapons Convention" (BTWC) unterzeichnet, die 1975 in Kraft trat und bislang von 144 Staaten ratifiziert wurde.

Inhalt der Konvention: Sie verbietet grundsätzlich die Entwicklung, Produktion, Lagerung und Weitergabe von biologischen Waffen. Außerdem verbietet sie ausdrücklich und ausnahmslos die Entwicklung von Methoden für den Einsatz biologischer Waffen.

Neben den klassischen mikrobiellen Erregern schließt dieses Verbot auch andere biologische Agenzien wie z.B. Insekten und Toxine ein. Es sind keinerlei Ausnahmen für bestimmte Anwendungsszenarien oder Erreger vorgesehen. Die Konvention umfasst Mittel, die gegen Menschen, Tiere, Pflanzen oder Materialien gerichtet sind, und sie ist nicht explizit auf Kriegssituationen beschränkt. Es ist auch keine Ausnahme für den Polizeigebrauch vorgesehen.

Es muss jedoch beachtet werden, dass z.B. Pestbakterien oder Ebolaviren nicht als solche verboten sind - das sind natürliche Erreger, die sich nicht so einfach verbieten lassen. Verboten ist vielmehr die offensive Entwicklung oder Produktion biologischer Mittel zur Herstellung eines Kampfmittels. Nicht bestimmte Forschungsarbeiten oder Produktionsanlagen, sondern der dahinter stehende Beweggrund ("purpose") ist das entscheidende Kriterium für die Unterscheidung zwischen verbotenen offensiven Aktionen und defensiven und damit erlaubten Aktionen.

Probleme der Biowaffenkonvention

Da ist erstens das oben genannte dual-use Problem, die Tatsache, dass fast alle Anlagen und jegliches know-how, das für die Entwicklung von Offensivwaffen benötigt wird, auch friedliche und zivile Anwendungen hat. Selbst die gefährlichsten natürlichen Organismen können auch für nützliche Zwecke eingesetzt werden. Ein Fermenter für die Produktion von Botulinumtoxin zum Einsatz in Schönheitssalons ist erlaubt. Wird jedoch derselbe Fermenter zur Produktion desselben Toxins eingesetzt, um damit Menschen umzubringen, ist das verboten. Dadurch ist eine feste Grenzziehung zwischen erlaubten und verbotenen Forschungsarbeiten nicht möglich

Die zweite Schwäche der Biowaffenkonvention ist die Tatsache, daß sie kein effektives Überprüfungs- und Kontrollsystem enthält. Anfang der 1990er Jahre wurde offensichtlich, dass mindestens zwei Länder gegen die Konvention verstoßen und offensive B-Waffen-Programme unterhalten haben: 1992 gab der russische Präsident Jelzin zu, dass die frühere Sowjetunion in größerem Maßstab biologische Waffen entwickelt und produziert hatte. Kurz darauf fand eine spezielle UN-Kommission (UNSCOM) im Irak klare Beweise für ein offensives B-Waffen-Programm.

1991 wurden im Rahmen der Biowaffenkonvention deshalb bereits "vertrauensbildende Maßnahmen" beschlossenen, nach denen alle Programme der biologischen Abwehrforschung jährlich offengelegt werden müssen.

Die USA verhindern ein effektiveres Kontroll-System

Auf der Fünften Überprüfungskonferenz der Biokonvention im November und Dezember 2001 sollte dann ein Zusatzprotokoll verabschiedet werden, das die Biowaffenkonvention durch ein Kontrollsystem verschärfen sollte. Geplant war in dem über 200 Seiten starken, in sechsjährigen Verhandlungen ausgearbeiteten Protokoll eine stichprobenartige Kontrolle relevanter Einrichtungen und Aktivitäten durch internationale Inspektoren. Für den Fall eines Verdachtes sollten umfassende Vor-Ort-Inspektionen geplant werden. Die Umsetzung der Protokollbestimmungen sollte in die Hände einer internationalen Organisation in Den Haag gelegt werden.

Aber schon im Mai 2001 empfahl ein Komitee aus Mitarbeitern des Außen-, Verteidigungs-, Energie- und Wirtschaftsministeriums sowie der Geheimdienste der US-Regierung, dass sie nicht unterschreiben solle.

Im August 2001 erklärte daraufhin die neue amerikanische Regierung, man werde weder dieses noch irgendein anderes Zusatzprotokoll zur Biowaffen-Konvention unterzeichnen. Stattdessen schlugen die Amerikaner ein ganzes Bündel alternativer Maßnahmen vor, die alle eines gemeinsam hatten: Es waren keine rechtlich verbindlichen Regelungen im Rahmen eines multilateralen Abkommens, sondern fast ausschließlich unverbindliche oder bilaterale Absprachen.

Die Fünfte Überprüfungskonferenz zur Biowaffen-Konvention im November und Dezember 2001 ließen die Amerikaner dann tatsächlich platzen, indem sie einen neuen, unannehmbaren Forderungskatalog vorlegten. Die Konferenz wurde daraufhin - als letzter Verhandlungsstrohhalm - auf November 2002 vertagt.

In den Monaten vor dieser Fortsetzungs-Konferenz redete die Bush-Administration Klartext: In einem vertraulichen Schreiben ließ sie im September die westlichen Verbündeten wissen, dass bis 2006 keine weiteren Verhandlungen über eine Stärkung der Biowaffen-Konvention gewünscht sind. Im November solle ausschließlich eine Verschiebung auf 2006 beschlossen werden, Diskussion zu anderen Themen seien grundsätzlich unerwünscht, andernfalls wolle man einige Länder öffentlich des Bruchs der Konvention bezichtigen.

Als Ausweg aus dieser festgefahrenen Situation entwickelte der Vorsitzende der Überprüfungskonferenz im November 2002, Botschafter Tibor Tòth aus Ungarn, in Absprache mit den Verhandlungspartnern vorab ein Kompromisspapier, nach dem auch in den kommenden Jahren jeweils einwöchige Vertragsstaaten-Konferenzen stattfinden sollen, auf denen bestimmte Themen diskutiert werden sollen, wobei aber heiße Eisen wie Verifizierung, Exportkontrolle oder nicht-tödliche Waffen von der Diskussion ausgeschlossen waren.

Das Papier wurde von Tòth am Morgen des 11. November der Überprüfungskonferenz in einer knapp zwanzigminütigen Sitzung mit der Maßgabe vorgelegt, dass darüber nicht diskutiert werden darf und dass darüber hinaus keine gemeinsame politische Abschlusserklärung diskutiert oder verabschiedet werden solle. In einer zweiten Sitzung am 14. November wurde das Papier dann ohne weitere Diskussion einstimmig beschlossen.

Das Vorgehen der USA muss als bewusstes Signal an den Rest der Welt gewertet werden, dass Washington nur dann auf die Vereinten Nationen, auf Diplomatie und Bündnisse setzt, wenn es sie unbedingt benötigt. Ansonsten setzt die neue US-amerikanische Regierung offensichtlich auf die eigene Stärke.

Was darunter genauer zu verstehen ist, findet sich in den Dienstvorschriften der Vereinigten Stabschefs von 1996 zur Rolle der Nuklearwaffen: "Der Zweck der Nuklearstreitkräfte der USA besteht darin, zur Abschreckung des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen beizutragen."

1998 wurde der damalige US-Verteidigungsminister William Cohen in der Diskussion um den nuklearen Erstschlag nochmals deutlicher:"Operationen müssen mit dem Ziel geplant und ausgeführt werden, die gegnerischen Trägersysteme für Massenvernichtungswaffen und die unterstützende Infrastruktur zu zerstören oder auszuschalten, bevor diese gegen die eigenen Kräfte zum Einsatz kommen können....Offensive Operationen gegen feindliche Massenvernichtungswaffen und deren Trägersysteme"sollten unternommen werden, "sobald die Feindseligkeiten unausweichlich erscheinen oder beginnen".

Die Hinwendung der amerikanischen Regierung zu einer Präventivschlag-Strategie unter dem Verdacht auf das Vorhandensein von feindlichen Massenvernichtungswaffen setzt geradezu voraus, dass multilaterale Abkommen und Kontrollmechanismen außer Kraft gesetzt werden. Auf diese Weise ist es unmöglich, einen von Seiten der USA einmal geäußerten Verdacht auf den Besitz von Massenvernichtungswaffen jemals durch eine internationale Kontrolle zu entkräften.

Biowaffen in den USA

Frühe Biowaffenforschung
Die Forschung in den USA begann im Zweiten Weltkrieg und wurde vor allem durch gefangene japanische Wissenschaftler vorangetrieben, die man begnadigt hatte, um sie für die Mitarbeit zu gewinnen. In den 50er und 60er Jahren Jahren befand sich in Fort Detrick die Zentrale des US-amerikanischen Biowaffenprogramms. 1951 wurde eine Anti-Getreide-Bombe entwickelt, die dann auch für den Einsatz durch die Luftwaffe produziert wurde. Etwas später testete man biologische "Ersatzagenzien" in U-Bahnsystemen und ganzen Städten, wodurch wahrscheinlich viele US-Bürger infiziert wurden. 1969 wurde das Biowaffenprogramm von Nixon zunächst gestoppt.

Der folgende Bericht der Washington Post vom 27. 05. 2003 läßt allerdings an einem verantwortungsbewußten Umgang mit den sensiblen Materialien zweifeln:

"Ausgrabungen in Fort Detrick fördern Biowaffenmüll zutage
Nachdem dort Anfang der 1990er Jahre eine extreme Grundwasserbelastung mit gefährlichen Chemikalien festgestellt wurde, begannen im April 2001 Ausgrabungen alter Müllgruben auf dem Gelände. Die Ausgrabung und Reinigung der Müllgruben kostete bislang 25 Millionen Dollar, fünfmal mehr als ursprünglich geplant Bislang wurden mehr als 2000 Tonnen giftiger Müll zu Tage befördert. Überraschenderweise befanden sich dabei auch über 100 Reagenzgläser mit lebenden Bakterien, darunter ein nicht-virulenter Anthraxstamm. Laut offizieller Verlautbarung hatte man einen solchen Fund auf dem Militärgelände nicht erwartet. Eine Dokumentation darüber, wer, was, wann in die Müllgruben entsorgt habe, existiere nicht." (Washington Post)

Erneuter Ausbau in den letzten Jahren

Nach Veröffentlichungen der New York Times hat das Pentagon bereits unter Clinton Mitte der 1990er Jahre erneut begonnen, in einem ehemaligen nuklearen Testgelände in der Wüste Nevadas eine Anlage zur Produktion biologischer Waffen aufzubauen.

In zwei Testläufen 1999 und 2000 wurden versuchsweise harmlose Bakterien in einer Anlage gezüchtet, die gebaut wurde aus Werkstoffen, die auf dem freien Markt vefügbar waren. Damit sollte untersucht werden, ob aus kommerziell erhältlichen Bauteilen eine Produktionsanlage erstellt werden kann und ob dabei verräterische Spuren entstehen Das Pentagon habe aber damals das Weiße Haus nicht über das hochgeheime Projekt informiert, schreibt die New York Times.

Seitdem führen die USA Programme durch, bei denen die Produktion und die Ausbringung biologischer Waffen simuliert wird. Unter Berufung auf einen US-Regierungsvertreter meldet die New Yorker Zeitung, amerikanische Wissenschaftler wollten eine neue, gefährliche Variante des Anthrax-Bakteriums entwickeln. Sie begründeten dies damit, man müsse testen, ob die bisher bekannten Impfstoffe auch gegen das neue Superbakterium wirksam seien. Deshalb wird die amerikanische Forschung in den Naval Research Laboratories als Forschung zu Verteidigungszwecken oder Defensiv-Forschung deklariert. Das ist aber wegen der übrigen Forschungsprojekten wenig glaubwürdig, bei denen zerstörerische Bakterien oder Pilze patentiert werden und Selbstmordgene für die Bakterien entwickelt werden, um sie nach einer Freisetzung in die Umwelt zeitlich und räumlich kontrollieren zu können. Hierbei handelt es sich ganz sicher um Offensiv-Forschung.

Außerdem haben die USA diese Programme bereits vor dem Scheitern der Biowaffenkonvention vor den anderen Vertragsstaaten verheimlicht. Damit wurde bereits gegen die 1991 beschlossenen "vertrauensbildenden Maßnahmen" verstoßen, nach denen alle Programme der biologischen Abwehrforschung jährlich offengelegt werden müssen.

Milzbrand = Anthrax

Nachdem die Produktion von Anthrax als Biowaffe 1969 zunächst gestoppt wurde, gelang es US-amerikanischen Forschern 1986, den tödlichen Faktor des Milzbrand-Erregers auf ein harmloses Darmbakterium zu übertragen. Das Bakterium fügt sich dann wieder in die Darmflora ein und schüttet dort einen Stoff aus, der den gleichen tödlichen Effekt wie das natürliche Anthrax hat - für den Wirt der sichere Tod.

November 2001: Milzbrandanschläge in den USA

21 Menschen erkranken in den USA an Milzbrand. 5 Menschen sterben. Der Verdacht gegen islamistische Terroristen wird geschürt.

Inzwischen steht fest: Die Milzbranderreger, die per Brief an bestimmte Personen versandt wurden, stammten aus den USA selbst. Die Spur führt wieder zum amerikanischen Militär-Labor Fort Detrick. Dort lagern Erreger des Milzbrandtyps, der auch bei den Anschlägen verwendet wurde. Die sehr feinen Partikel in dem Kuvert wurden, damit sie nicht verklumpen, mit der Chemikalie Silika versetzt. Und diese Chemikalie wurde beim geheimen Biowaffen-Programm der USA verwendet. Andere Länder wie Irak hingegen verwendeten nach Angaben von UN-Inspektoren das Bindemittel Betonite.

Barbara Rosenberg ist die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Biowaffen der Federation of American Scientists (FAS) und einstige Beraterin von Präsident Bill Clinton. Sie hat die Spur des Milzbranderregers verfolgt. "Es ist jetzt im wesentlichen sicher, dass der Milzbranderreger aus dem amerikanischen Biowaffenprogramm kommt. Dass der Täter ein Amerikaner ist, der Verbindung zum Biowaffenprogramm hat und in einem Labor der Regierung arbeitet. Es ist sicher, dass er sehr viel Erfahrung hat im Umgang mit Milzbrand und Zugang zu geheimen Informationen und speziellem Material." Die Mikrobiologin hält es für möglich, dass der Attentäter niemanden töten wollte. Die mit Klebestreifen versiegelten Umschläge hätten vielmehr klare Warnungen sowie die Anweisung enthalten, sofort nach Erhalt Antibiotika einzunehmen.

Ziel der Anschläge sei wohl eher gewesen, in der Öffentlichkeit Ängste zu schüren und so das Thema Biowaffen auf die Tagesordnung zu bringen. Möglicherweise sei es dem Urheber darum gegangen, die Finanzierung der Forschung an Bio-Kampfstoffen zu verbessern. (In der Tat wurden nach dem Anschlag mehrere Milliarden für Forschung und Verteidigung bereitgestellt.) Oder er wollte die USA zu Militäraktionen gegen Verdächtige (Irak, Usama bin Laden) bewegen.

Die Analyse der Milzbrandbriefe brachte es ans Licht: Die US- Regierung hat eine neue Form von trockenem Milzbrandpulver herstellen lassen, das sich als biologische Angriffswaffe eignet: hoch konzentriert, leicht zu verteilen und schon in kleinen Mengen tödlich. Zwar wird auch hier wieder von einer Forschung zur Verteidigung gesprochen. Doch Experten halten das für unglaubwürdig. Barbara Rosenberg: "Warum man trockenes, waffentaugliches Milzbrandpulver herstellt, ist ganz klar. Man will prüfen und testen, wie man es im Krieg einsetzen könnte. Man will wissen, wie es sich über große Gebiete verteilt und wie tödlich es dann noch ist. Ich glaube nicht, dass diese Tests mit waffentauglichem Milzbrand irgendeinen Sinn für die Verteidigung haben."

Ölfressende Bakterien

Bereits vor einem Jahr deckte das Sunshine Project auf, dass das US-Militär an der Entwicklung von Material zerstörenden Mikroorganismen zu offensiven Zwecken interessiert ist- wozu auch die "Öl fressenden Bakterien" gehören -, obwohl die Entwicklung von solchen Material zerstörenden Mikroorganismen zu offensiven Zwecken durch die US-amerikanische Gesetzgebung explizit und ausdrücklich verboten wird

Granate für den Einsatz von biologischen Waffen

In diesem Jahr hat die US Armee im Edgewood Chemical Biological Center eine neue Granate entwickelt und sich unter anderem für den Einsatz von biologischen Waffen patentieren lassen. Auch das ist eine klare Verletzung der Biowaffen-Konvention, die ausdrücklich und ausnahmslos die Entwicklung von Methoden für den Einsatz biologischer Waffen verbietet.

Auf Nachfragen von Journalisten versuchte das US-Militär, diesen Verstoß gegen die Biowaffenkonvention herunter zu spielen. Schuld sei ein übereifriger Patentanwalt, der die falschen Begriffe gewählt habe. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, man habe chemische und biologische Ladungen generell einschließen wollen, um das Patent so umfassend wie möglich zu halten. Es sei dabei nicht an spezifische Chemie- oder Biowaffenagenzien gedacht worden. Im Nachhinein müsse man eingestehen, dass die Wortwahl unglücklich gewesen sei. Man hätte besser "Materialien" statt "Agenzien" benutzt. Dies wolle man nachträglich ändern.

Der verantwortliche Patentanwalt verneinte aber energisch, dass die Patentansprüche falsch oder ungenau formuliert worden seien. Das Patent sei in enger Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern des Edgewood Chemical Biological Center entwickelt worden. Auf die Frage, was denn erlaubte biologische oder chemische Ladungen für eine solche Granate sein könnten, nannte er u.a. "Öl fressende Bakterien". Die Auskunft des Anwaltes deutet darauf hin, dass der Einschluss von biologischen Agenzien in die Patentansprüche vor dem Hintergrund von konkreten, illegalen Anwendungsoptionen erfolgt ist.

Im Edgewood Chemical and Biological Center wurde nicht nur die Granate erprobt, sondern es wird auch an biologischen und chemischen Agenzien geforscht. Zudem spielt die Einrichtung eine führende Rolle in der Entwicklung sogenannter "nicht-tödlicher" Waffen. Sie stand am 23.9.2002 auf dem Programm der Waffeninspektoren der kanadischen Friedensinitiative "Rooting out Evil". Das 13-köpfige Inspektoren-Team setzte sich aus VertreterInnen von Politik, Wissenschaft, Kirchen und Gewerkschaften aus verschiedenen Ländern zusammen - darunter auch der prominente britische Labor-Abgeordnete Alan Simpson. Die Inspektoren wollten sich vor allem über Qualität und Umfang der Erregerkulturen und Giftbestände informieren sowie die auf dem Gelände vorhandenen Aerosol- und Gaskammern und Windtunnel inspizieren. Die US-Militärs verweigerten jedoch jegliche Kooperation und verwehrten den Inspektoren den Zugang. (Washington Post, 24. 02. 2003)

Richtlinien für Menschenversuche in der Biowaffen-Abwehr?

Im Oktober 2002 eröffneten die amerikanischen Bioethiker Arthur L. Caplan und Pamela Sankar im Wissenschaftsmagazin Science eine neue Debatte über eine "wenig diskutierte ethische Herausforderung". Sie gehen davon aus, dass die derzeitige Angst vor chemischen und Biowaffen und die zunehmende Bedrohung durch Terrorismus zwangsläufig dazu führen müssen, dass sowohl die Wirkungen solcher Substanzen als auch die von Gegenmitteln an Menschen getestet werden müssen. Solche Forschung würden aber den ethischen Kernpunkt unterlaufen, dass Studien nicht wissentlich schädlich sein dürfen. Statt diese ethischen Grundsatz zu verteidigen, argumentieren die "Wissenschaftler" mit politischen Interessen: Wegen der Wichtigkeit würden sei zu erwarten, dass sich durchaus Freiwillige für solche Untersuchungen finden würden - "aus patriotischen Gründen oder aus persönlichen finanziellen Interessen." Einzige Forderung: Kontrolle einer fairen und humanen Durchführung solcher Versuche. Geklärt werden solle zum Beispiel, "wer dafür in Frage kommt, auf welche Weise man Teilnehmern klar machen müsste, dass sie verstehen, was die Versuche für sie bedeuten könnten, und auf welche Weise die Freiheit ihrer Entscheidung gesichert werden kann."

Biowaffen in Deutschland

Das Genfer Protokoll verbietet den Einsatz von chemischen und bakteriologischen Kampfstoffen. Es trat in Deutschland am 25.4.1929 in Kraft. Die Biowaffenkonvention wurde von der Bundesrepublik Deutschland am 21.2.1983 ratifiziert.

Biowaffenforschung in Deutschland

Ein bislang unveröffentlichter Bericht des Verteidigungsministeriums an den Bundestag informiert über Forschungsprojekte, die aus dem Verteidigungshaushalt finanziert und bei denen gentechnische Arbeitsmethoden eingesetzt werden. Von den 26 Projekten fallen 16 in den Bereich der Biowaffen-Schutzforschung, während die verbleibenden 10 Projekte sich u. a. mit dem Abbau von Chemiewaffen oder mit Strahlenschäden befassen.

Darunter findet sich ein Forschungsprojekt mit Hasenpest-Bakterien, die durch gentechnische Manipulationen zusätzlich gegen Antibiotika resistent gemacht wurden. Obwohl sie durch diese Veränderung noch besser für einen offensiven Waffeneinsatz geeignet sind, behauptet auch die Bundeswehr, dass dieses Projekt rein defensiven Zwecken dient. Das Umweltbundesamt sieht dies allerdings anders: Die Bundeswehr habe zwar keine offensive B-Waffen-Forschung betrieben, sich aber "einfach ignorant gegenüber der Zweischneidigkeit defensiver Forschung" verhalten.

Auch in der BRD wird der Ruf nach Ausweitung dieser Forschungsprogramme lauter: Nach Ansicht des Leiters der Projektgruppe «Biologische Sicherheit» am Robert-Koch-Institut, Bernd Appel, ist es dringend erforderlich, Aufklärung über die Genetik der Erreger zu gewinnen. Die Forschungsförderung müsse mit langem Atem angelegt sein, «sonst wird uns der nächste Anschlag umso härter treffen», sagte Appel laut Welt am Sonntag.

Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hartmut Koschyk, geht noch einen Schritt weiter. Er sagte der Welt am Sonntag am 29.6.2003: "Wir müssen aktiv und kompetent zur Forschung beitragen können, wenn wir international zusammenarbeiten und auch konkurrenzfähig sein wollen." Politik und Bevölkerung müssten sich stärker bewusst sein, dass der Kampf gegen Bioterrorismus Geld für Forschungseinrichtungen erfordere.

Diese Äußerung wirft die Frage auf, welche Konkurrenzfähigkeit durch eine Forschung erhöht werden kann, die angeblich rein defensiv ausgerichtet ist.

NATO: Schutz der Truppen

Das Bundesverteidigungsministerium bringt uns auf die Spur, wenn es zur Verteidigung seiner Forschungsprogramme darauf verweist, dass sie mit den NATO-Partnern abgestimmt seien. Die NATO legte in ihrem Strategischen Konzept von 1999 zwar fest: "Die Bündnisstrategie beinhaltet keine Fähigkeit zur chemischen oder biologischen Kriegführung." Aber defensive Vorsichtsmaßnahmen würden "von wesentlicher Bedeutung bleiben".

Ein Kommunique des Nordatlantikrats von 1996 macht deutlich, was damit gemeint ist. Dort ist die Rede von der Verteidigung der eigenen "Streitkräfte" gegen biologische Waffen und "der Erkennung biologischer Kampfstoffe" und "der persönlichen ABC- Schutzausrüstung für dislozierte Kräfte". Vom Schutz der Bevölkerung ist hingegen keine Rede. Da die NATO nicht von Angriffen gegen ihre Mitgliedstaaten ausgeht, kann beim Schutz der eigenen Truppen nur die sogenannte Krisenintervention gemeint sein. Dieser Fall wird im Strategischen Konzept auch explizit erwähnt: "Soweit NATO-Streitkräfte aufgerufen sind, jenseits der Grenzen der NATO zu operieren, müssen die Fähigkeiten für den Umgang mit Proliferationsgefahren flexibel, mobil, rasch verlege-und durchhaltefähig sein."

"Tödliche Stoffe aus deutschen Labors"

Offensichtlich beschränkt sich die BRD aber nicht auf Forschungsprogramme. Nach einer Meldung der Welt am Sonntag vom 14.10.01 verfügt sie über fertige Produktionsanlagen: "Rot-Grün billigt den Export chemischer und biologischer Kampfmittel, wie ein Bericht der Bundesregierung belegt. Deutschland beteiligt sich an der Rüstung mit den gefürchteten und umstrittenen biologischen und chemischen Waffen für den Kriegsausbruch. Die Mitwirkung daran geschah 1999 mit Wissen der rot-grünen Bundesregierung. Das geht aus dem jüngsten Rüstungsexportbericht der Regierung hervor, die der Welt am Sonntag vorliegt. In der Liste der 'wichtigsten Hauptempfänger' von Rüstungsgütern tauchen auch die USA auf. Dort schlüsselt die Bundesregierung für 1999 auf: Zum Waffenexport gehören 'chemische und biologische Agenzien'. Agenzien sind nach einer Definition des Robert-Koch-Instituts in Berlin 'Erreger'. Diese Stoffe machten immerhin 12 Prozent des deutschen Rüstungsexports in die USA aus und hatten einen Wert von 77,4 Millionen Mark. In dem Bericht der Bundesregierung heißt es unter anderem: 'Biologische Agenzien und radioaktive Stoffe für den Kriegsgebrauch (zu Außergefechtsetzung von Menschen und Tieren, zur Funktionsbeeinträchtigung von Geräten oder zur Vernichtung von Ernten oder der Umwelt) und chemische Kampfstoffe'. 'Folgende chemische Kampfstoffe' sind eingeschlossen: Nervenkampfstoffe, Hautkampfstoffe, Psychokampfstoffe und Entlaubungsmittel. Die seuchenmedizinisch wirksamen Substanzen für Krankheitserreger werden in deutschen Laboratorien aufbereitetet beziehungsweise gezüchtet."

Biowaffen in anderen Ländern

Rußland

1992 hat der damalige russische Präsident Boris Jelzin zugegeben, dass die frühere Sowjetunion in der Zeit von 1946 bis März 1992 ein offensives und umfangreiches biologisches Waffenprogramm in mehreren Einrichtungen der Sowjetunion durchgeführt hat. Dass auch Russland den Zugang zu Bio-Forschungsinstituten des Militärs in Kirow, Jekaterinburg, Sergiev Posad und St. Petersburg verweigert, heizte Gerüchte an, dass die Forschungen andauern und Russland Biowaffen lagert.

US-Geheimdienstquellen warnen immer wieder davor, dass Terroristen das Netz von rund 60 Forschungsstellen für ihre Zwecke nutzen könnten. Darüberhinaus wird darauf verwiesen, dass das sowjetische know-how über ausgewanderte sowjetische Wissenschaftler in andere Länder wie Syrien, Libyen, Iran Indien nd Kuba gebracht worden sei.

Nach den Erfahrungen mit amerikanischen Geheimdienstquellen im Irakkrieg liegt die Vermutung nahe, dass hier politische Propagande betrieben wird. Nach Angaben der Financial Times Deutschland vom 17.10.2001 halten selbst US-Experten es für unwahrscheinlich, dass Terroristen sowjetischen Sachverstand angeworben haben. "Die Verbreitung von B-Waffen-Forschern aus ehemaligen Sowjet-Einrichtungen in Risikoländer war minimal", schreibt Milton Leitenberg von der University of Maryland. Nur wenige seien ausgewandert, davon 90 Prozent in die USA, Westeuropa oder Israel. "Von 60.000 Menschen, die auf allen Ebenen an B-Waffen-Programmen beteiligt gewesen sein sollen, könnten vermutlich nur etwa 100 Topexperten die Produktion waffenfähiger Organismen von Anfang bis Ende nachvollziehen."

Kuba

Kuba hat Anfang 2003 WissenschaftsjournalistInnen zu einem Besuch im "Center for Genetic Engineering and Biotechnology" nach Havanna eingeladen. Die Kubaner wollen damit die Behauptung, sie hätten ein offensives Biowaffenprogramm, die US-Unterstaatsekretär John Bolton im Jahr 2002 aufgestellt hatte, entkräften. Bereits damals empfingen sie eine Delegation von US-WissenschaftlerInnen und gewährten ihnen unbeschränkten Zugang zu allen gewünschten Einrichtungen.

Südafrika

1981 wurde in Südafrika das Biowaffenprogrammm "Project coast" gestartet. Nach dem Ende der Apartheid sollte es 1995 beendet werden. Allerdings übertrug die damalige Regierung ausgerechnet Wouter Basson, dem ehemaligen Leiter von "Project Coast", die alleinige Verantwortung für die Vernichtung der Waffenbestände. Die WissenschaftlerInnen Chandré Gould und Peter stellen in einem Buch über das ehemalige südafrikanische Bio- und Chemiewaffenprogramm fest, dass es keine Belege dafür gibt, dass die biologischen Agenzien aus dem offiziell beendeten Programm tatsächlich zerstört wurden.

Diese Zweifel wurden bestätigt, als bekannt wurde, dass der ehemalige Leiter des südafrikanischen Biowaffenlabors Roodeplaat Research Laboratories (RRL), Daan Goosen, eine geringe Menge eines gentechnisch veränderten Bakteriums zur Giftproduktion an den amerikanischen Geheimdienst weitergegeben hat. (Sie wurde in einem normalen Linienflug in einer modifizierten Zahnpastatube transportiert) Es handelte sich um die Vorbereitung für eine größere Aktion, an der neben Daan Goosen drei ehemalige CIA-Agenten und der FBI beteiligt waren: 200 tiefgekühlte Ampullen mit tödlichen Erregern, u.a. auch Anthrax-Stämmen, sollten via Flugzeug und Schiff den Weg von Südafrika nach Key West in Florida finden. Im weiteren Verlauf nahm das FBI allerdings Abstand von dieser Aktion, ohne dass die genauen Gründe dafür bekannt geworden sind. (Mail&Guardian vom 9.5.2003).

Weitere Länder

Es liegt in der Natur der Sache, dass verläßliche Angaben über Biowaffen-Forschungsprogramme oder Biowaffen-Herstellung in anderen Ländern nicht möglich sind, nachdem ein multilaterales politisches Kontrollinstrument im Rahmen der Biowaffen-Konvention durch die USA verhindert wurde.

Allerdings ist bekannt, welche Länder die Biowaffen-Konvention nicht unterzeichnet haben. Dazu gehören Israel mit seinen bekanntlich höchst entwickelten biotechnologischen Fähigkeiten und einige der zentralasiatischen Republiken, in denen jetzt die USA Militärstützpunkte errichten (Tadschikistan, Kirgisien, Kasachstan).

Biowaffen in der Hand von Terroristen

Eine Stellungnahme des LABOR SPIEZ aus der Schweiz. (Es befasst sich mit den Auswirkungen und dem Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Bedrohungen und Risiken. Es unterstützt die Aktivitäten der Schweiz im Bereich Rüstungskontrollen und friedenserhaltende Massnahmen mit seinen Fachkenntnissen.)

"B-Waffen seien die Atombomben der armen Staaten, ist eine oft zitierte Aussage. Damit wird impliziert, dass B-Waffen bezüglich Entwicklung und Herstellung generell einfach handhabbar und billig sind, und gerade aus diesem Grund auch für Terroristen ein attraktives Einsatzmittel darstellen. Vergleicht man biologische und atomare Waffentechnologien miteinander, dann ist zwar offenkundig, dass eine Atombombe teurer zu stehen kommt, als zum Beispiel ein Kilogramm eines potentiellen B-Kampfstoffes. Ein reiner Kostenvergleich ist in diesem Zusammenhang jedoch nicht sehr aussagekräftig, weil damit die effektiven Schwierigkeiten für die Bereitstellung von einsatztauglichen B-Waffen nicht richtig in Betracht gezogen werden. Momentan hört man vor allem von offiziellen Stellen Amerikas immer wieder, dass B-Waffen die grösste Bedrohung seien, weil man davon ausgehen müsse, dass sie quasi jedermann zuhause in der Küche herstellen und dann auf einfachste Art wirkungsvoll zum Einsatz bringen könne. Tatsache ist jedoch zum einen, dass es keineswegs so einfach ist, hochansteckende Krankheitserreger, die auch wirklich zu einer Epidemie führen, zu erwerben und sie dann auch noch in grosser Anzahl und Konzentration zu züchten. Noch viel schwieriger als der Erwerb und die Aufzucht potentieller B-Kampfstoffe ist deren Verpackung in eine waffenfähige Form, die dann auch tatsächlich einen grossen Schaden anrichten kann. Zum anderen dürfte es bedeutend schwieriger und zweifellos aufwendiger sein, B-Waffen einzusetzen, als Flugzeuge zu entführen. Unter Fachexperten ist man sich darüber einig, dass ein erfolgreicher, grossflächiger B-Waffeneinsatz mit einem hohen Wirkungsgrad nur mit einer immensen staatlichen Unterstützung hinsichtlich Know-how, Technologie, finanziellen Mitteln und verfügbaren Fachleuten zu bewerkstelligen wäre. B-Waffen sind also kaum das einfachste und billigste Einsatzmittel für Terroristen, zumindest dann nicht, wenn sie als unabhängige Organisationen keinen direkten Zugang zu staatlichen Institutionen mit grossen Fachkapazitäten im B-Bereich haben."
06.07.2003