Hilfen für die Bevölkerung kommen nur langsam in Gang

Wir dokumentieren das Interview mit Hannelore Hensle, Leiterin der Diakonie-Katastrophenhilfe der Evangelischen Kirche, im "Neuen Deutschland". Frau Hensle informierte sich vor kurzem über die Situation in Irak vor Ort.

ND: Zwei Monate nach dem US-Einmarsch in Bagdad interessiert sich die Öffentlichkeit vor allem für die Sicherheitslage und das Öl in Irak. Von der Situation der Menschen ist dagegen nur selten die Rede.
Hensle: Leider, obwohl hier ein Zusammenhang besteht. So gibt es vor allem in Bagdad und Umgebung tatsächlich ständig bewaffnete Überfälle. Die Besatzungsmacht will deshalb zunächst für Sicherheit und erst danach für eine umfassendere Versorgung der Iraker sorgen. Sicherheit wird es jedoch erst geben, wenn die Bevölkerung nicht nur vom Regime Hussein sondern auch aus der Armut befreit wird. Das ist bislang nur bruchstückhaft geschehen. Da ist es verständlich, wenn die Iraker immer ungeduldiger werden.

Ist die Situation überall in Irak gleich?
Genaue Informationen darüber liegen mir nicht vor. Allerdings weiß ich von unseren Partnern vor Ort, dass Trinkwasser an vielen Orten ein Problem ist. Weniger stark vom Krieg betroffen ist der mehrheitlich von Kurden bewohnte Norden Iraks. Hingegen ist die Situation in Zentralirak, vor allem um Bagdad und südöstlich der Hauptstadt, ziemlich prekär. Wenn dort nicht bald etwas geschieht, dann wird es schwer vorauszusehen, welche Entwicklung es in Irak geben wird. Die Armut weiter Teile der Bevölkerung und die politische Neuordnung hängen unmittelbar zusammen.

Fehlt es an internationaler Hilfe oder gibt es andere Gründe für diese Lage?
Es handelt sich vor allem um ein Verteilungsproblem. So wollte das UNO-Welternährungsprogramm die Nahrungsmittelverteilung am 1. Juni wieder aufnehmen. Dabei hätte man sich auf das alte System der Verteilung im Rahmen des Food-for-Oil-Programms der Vereinten Nationen stützen können – also auf einfache Läden, in denen die Menschen früher ihre Coupons einlösten und dafür Lebensmittelrationen erhielten. Inzwischen stehen Nahrungsmittel zwar zur Verfügung, doch die Verteilung findet nicht statt. Es wird befürchtet, dass die Lager überfallen werden. Darüber hinaus sind viele Menschen seit Monaten ohne Gehalt. Was nützen gut gefüllte Märkte, wenn die Menschen nichts kaufen können? Ähnlich sieht es bei Medikamenten aus: Man weiß, dass in den Lagern der staatlichen Krankenhauszulieferbetriebe (Kimadia) Lieferungen eingetroffen sind und die Weltgesundheitsorganisation versucht, die Routine-Zuteilungen zusammen mit dem Gesundheitsministerium zu organisieren – aber auch hier hat eine Verteilung an die Kliniken noch nicht stattgefunden.

Für die Versorgung der Bevölkerung ist nach internationalem Recht die Besatzungsmacht verantwortlich. Stehlen sich die USA in Irak aus der Verantwortung?
Man würde es sich wohl zu leicht machen, diese Frage einfach mit Ja zu beantworten. Allerdings kommt die versprochene Neuordnung Iraks nur wenig voran oder, wie es ein irakischer Kollege ausdrückte: »The Americans are very slow...«

Wie unterstütz das Diakonische Werk die Menschen in Irak?
Wir haben bislang rund 800000 Euro vor allen Dingen für Nahrungsmittel- und Medikamentenhilfen aufgewendet. Außerdem haben wir mit lokalen Partnern ein Netz von Verteilzentren errichtet, die wir so lange wie nötig weiter nutzen werden.

Spenden für die Diakonie Katastrophenhilfe:
Postbank Stuttgart, Konto 502707, BLZ 60010070
13.06.2003