Mit Täuschung und Lüge zum Angriffskrieg

Wer ist das auf dem Foto? Der junge Honecker bei seinem ersten Staatsbesuch in Rumänien? Ein auf schlank retuschierter Brechnew bei seiner letzten DDR Visite? Offensichtlich ist Propaganda dieser Art ein internationales Symptom der Macht. Aber das ist keine Entschuldigung. Fällt dieses Blair Foto von seinem Besuch im besetzten Irak unter human touch story oder ist das ein Fall von Kindesmißhandlung oder nur eine abgrundtiefe Geschmacklosigkeit? Soll jeder sein Urteil fällen. Jedenfalls steht fest: Man darf jetzt auch Blair einen Lügner nennen, ohne sich der Verleumdung schuldig zu machen.
Nachdem der stellvertretende US-Kriegsminister Wolfowitz seinen Freund Blair mit einem gezielten Interview in Vanity Fair von hinten knüppelt, kriegt's der Premier immer mehr auch aus seinen eigenen Reihen. Merke: Man darf lügen, bis sich die Balken biegen. Man darf fälschen, bis das Papier rot wird. Man darf sich nur nicht zu früh erwischen lassen. Denn kein Betrogener sieht es gerne (auch die nicht, die sich bereitwillig haben betrügen lassen), wenn er plötzlich als Trottel entlarvt wird, der mit ein paar aufgemotzten Dossiers über den Tisch gezogen wurde.

Neues Beispiel: Auf dem Höhepunkt der Kriegswerbung wurde der Geheimdienst durch Blair angewiesen: "Macht das mal ein bisschen sexy." Gemeint waren die Berichte über die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak. Daraufhin hat man in das Dossier auch die Behauptung eingefügt, die Massenvernichtungswaffen seien "in 45 Minuten einsatzbereit". So wollte man der britischen Öffentlichkeit suggerieren, dass Saddam Hussein stündlich auf dem englischen Rasen stehen könne und ein Präventivschlag unvermeidlich sei. Dass es im Irak diese Waffen spätestens Ende der 90er Jahre gar nicht mehr gab und schon gar nicht von dieser Reichweite - das wurde wissentlich verschwiegen.

Jetzt versucht Blair, sich aus der misslichen Lage durch Wortklauberei herauszuwinden. Er weist alle Vorwürfe zurück. Die WAZ schreibt: Blair hege persönlich "keinerlei Zweifel" am Wahrheitsgehalt der Geheimdienstberichte und sei absolut sicher, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt habe.

Da sind wir allerdings auch sicher. Nur ist das gar nicht die Frage. Die Kernfrage ist: War der Irak zum Zeitpunkt des Angriffs im März 2003 in irgendeiner Weise eine Gefährdung für die USA oder Großbitannien? Und diese Frage kann nur mit Nein beantwortet werden.

Dass der irakische Diktator früher solche verbotenen Waffen besessen hat, bezweifelt niemand. Und wer wüßte das besser als die Bombenwerfer? Zitieren wir aus dem (fiktiven) Interview der russischen Zeitung Istwestija mit Bush: "Mister President, sind Sie sicher dass der Irak Massenvernichtungswaffen besessen hat?" - "Natürlich sind wir sicher. Wir haben ja die Quittungen."
31.05.2003