Friendly Fire mit dicken Knüppeln:
Blair in Bedrängnis - Bush versucht den Befreiungsschlag

Der Chef der US-Marineinfanteristen im Irak, General James Conway, gab zu, dass die US-Geheimdienste das Chemiewaffenarsenal des Iraks falsch eingeschätzt hätten. Mit unseren Annahmen "lagen wir einfach falsch." Wir haben mit chemischen und biologischen Waffen gerechnet. Solche Waffen seien in den Munitionslagern jedoch nicht gefunden worden. "Es war damals für mich eine Überraschung. Es bleibt eine Überraschung, dass wir keine Waffen entdeckt haben", sagte der US-General. "Glauben Sie mir, es liegt nicht daran, dass wir es nicht versuchen würden. Wir sind zwischen der kuwaitischen Grenze und Bagdad durch nahezu jedes Munitionsdepot gegangen. Aber die Waffen sind einfach nicht da." Soweit der General (zit. n. Spiegel-online). Sein oberster Kriegsherr ist anderer Meinung.

Denn schon einen Tag später trumpfte Präsident Bush im polnischen Fernsehen mit Beweisen auf: Zwei unter merkwürdigen Umständen >aufgefundene LKWs. Bush: Das sind mobile Labors, "in denen die Iraker biologische Waffen hätten herstellen können". Zwar konnten die Spezialisten des CIA keinerlei Spuren von Giftstoffen in den LKWs finden und mußten zugeben, dass über die Verwendung der LKWs nur spekuliert werde. Aber der US-Präsident möchte seine polnischen Waffenbrüder nich entmutigen und erzählt seinem Fernsehpublikum: "Wir haben die Massenvernichtungswaffen gefunden. Die mobilen Labore waren illegal. Wer sagt, wir hätten die verbotenen Produktionsanlagen oder verbotenen Waffen nicht gefunden, liegt falsch. Und wir werden noch mehr Waffen finden."

Auch dem Spiegel fällt auf, daß sich der US-Präsident mit diesen Äußerungen weiter als jeder andere aus dem Fenster lehnt. Der Spiegel kommentiert: "Bis heute haben die US-Behörden nicht den Anspruch erhoben, sie hätten irgendeine biologische, nukleare oder chemische Waffe im Irak gefunden. Im Gegenteil: Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte erst vor einigen Tagen verkündet, Saddam Hussein hätte möglicherweise alle verbotenen Waffen vor Kriegsbeginn zerstört. Sein Vize, Paul Wolfowitz, hatte gar in einem Interview mit dem Magazin Vanity Fair erklärt, die Suche nach verbotenen Waffen hätte den Amerikanern nur als Vorwand gedient, um Unterstützung im In- und Ausland zu gewinnen."

Über diesen Versuch des Rumsfeld-Stellvertreters Wolfowitz, Blairs ohnehin angespannte Situation in England durch einen gezielten "friendly" Knüppelwurf erfolgreich zu vergrößern, >haben wir bereits berichtet. Jetzt veröffentlich der Guardian das Protokoll eines Gesprächs zwischen US-Außenminister Colin Powell und dem britischen Außenminister Jack Straw, in dem beide schon am 5.2. 2003, also vor dem Irak-Krieg, starke Zweifel am Beweismaterial für die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen geäußert haben. Das britische Außenministerium dementiert. Aber der Kessel brodelt. Offenbar geht es in der Bush-Gruppe zur Zeit manches drunter und drüber. Und Blair, der engste Alliierte, gerät plötzlich, aber gewiß nicht zufällig, unter "friendly fire".

Während Rumsfeld und Wolfowitz offenbar den Rückzug aus der Debatte um die "Massenvernichtungswaffen" antreten wollen, um sich nächsten Aufgaben zuzuwenden, scheint Bush entschlossen, das Thema weiter zu verfolgen. Eine neue Spezialtruppe mit Namen »Iraq Survey Group« soll ab dem 7. Juni die erfolglose Suche im Irak fortsetzen. Interessant ist, das nun nicht mehr das Militär die Suche durchführt, sondern der Pentagon-Geheimdienst, der in der Waffenfrage vor dem Irak-Krieg durch besonders dreiste Dossiers auffiel. Der Leiter der Spezialeinheit, Generalmajor Keith Dayton, sagte eine langwierige Suche voraus, um das "Puzzle" der irakischen Massenvernichtungswaffen zu lösen. Kommt es jetzt doch noch zum letzten Versuch, auf ganz geheime Weise endlich zu finden, was seit der Arbeit der UN-Inspektoren nicht mehr vorhanden ist?

Wir sind gespannt und aufmerksam: Russlands UN-Botschafter Sergej Lawrow verlangt von den USA und Großbritannien in Kürze einen Bericht über die Suche nach den Massenvernichtungswaffen im Irak. Eine gute Gelegenheit dazu sei der für Donnerstag geplante Bericht des Chef-Waffeninspekteurs der UNO, Hans Blix, vor dem Sicherheitsrat. Was bekommen wir zu hören?
31.05.2003