Langsam dämmert es:
Wolfowitz plaudert über den "bürokratischen Kriegsgrund"

Paul Wolfowitz, stellvertretender US-Kriegsminister und aggressives Oberhaupt der Neo-Kons in den USA, die sich selbst "demokratische Imperialisten" nennen, gibt ein Interview - und die Presse gerät in Aufregung. Herr des Himmels, haben die denn wirklich geglaubt, es sei den Bombenwerfern jemals um die Entwaffnung des Irak gegangen? Haben die denn den Blix-Bericht über die Arbeit der UN-Inspektoren nicht gelesen? Warum glaubt man irgendwelchen zusammengeschusterten Geheimdienstdossiers mehr als erfahrenen Wissenschatflern und Diplomaten, die monatelang vor Ort im Einsatz waren? Vielleicht bekommen wir von den jetzt so "betroffenen" Jorunalisten auch darauf eine Antwort.
In der Zeitschrift Vanity Fair plauderte Wolfowitz darüber, was für ein geschickter Politiker er doch ist. Angesprochen auf den Irak-Krieg und seine Zielsetzungen rückt er den gutgläubigen Tommys den Kopf zurecht. Was heißt hier: Präventiver Schutz gegen irakische Bedrohung? Die Sache ist simpel: "Aus bürokratischen Gründen haben wir uns auf eine Sache konzentriert, die Massenvernichtungswaffen. Es war der eine Grund, dem jeder zustimmen konnte". Die Rechnung des Schreibtischtäters ist einfach: Mache den Leuten richtig Angst, dann folgen sie dir auch.

Als einen der ungenannten Kriegsgründe nennt er hingegen, dass die USA durch die Kontrolle über den Irak und die zukünftigen Militärstützpunkte nicht mehr auf Saudi-Arabien angewiesen sind. (So ungenannt ist dieser Kriegsgrund aber auch wieder nicht; wir haben am >5.5.2003 bereits darauf hingewiesen.) Und er ist natürlich auch nur ein Teil der Wahrheit, aber immerhin. Wolfowitz Plaudereien reichen aus, um stürmisches Rauschen im englischen Blätterwald auszulösen. Plötzlich scheint die leise Ahnung aufzusteigen, dass man auf den Leim gegangen ist.

Ach ja: Nach einer Reihe von Erklärungen für die verschwundenen Irak-Waffen aus den Reihen der Generale ("zu tief vergraben...", "als zivile Güter versteckt...", "ins Ausland gebracht...") hat jetzt auch Rumsfeld eine eigene Theorie entwickelt. Vor Experten für Außenpolitik und Geschäftsleuten(!) antwortete er auf die Frage, warum die irakische Armee kein Giftgas eingesetzt habe: Er wisse das nicht. Vielleicht sei der US-Vorstoß zu schnell gewesen. "Es ist auch möglich, dass die irakische Führung entschieden hat, die Waffen vor einem Konflikt zu zerstören". (zit. nach Spiegel-online v. 28.5.2003).

Es ist möglich? Der Mann macht uns Spaß. Genau das haben die UN-Inspektoren berichtet. Die Waffen wurden vernichtet. Denn genau für diesen Zweck waren die Inspektoren im Irak. Und jeder in der UNO hat den Blix-Bericht erhalten - aber wohl nicht gelesen oder nicht lesen wollen.

Seit Wochen kommentieren wir auf dieser Website die immer gotesker werdenden Bemühungen der Irak-Besatzer, ihren Kriegsgrund wenigstens durch ein Kilo Giftgas zu untermauern. Und langsam gehen uns die sarkastischen Formulierungen aus. Vor allem jetzt, wo Rumsfeld und sein Stellvertreter sich gegenseitig mit ihren Ego-Shows in Verlegenheit stürzen. Vielleicht sollten wir das Thema endlich mit der schlichten Feststellung abschließen: Die Friedensbewegung hat recht gehabt. Und es wäre schön, diesen einfachen Satz in nächster Zeit auch mal in einer deutschen Zeitung zu lesen.

Die Massenvernichtungswaffen hat es in dem Ausmaß, wie von den Geheimdiensten verbreitet, im Irak niemals gegeben. Was an Vernichtungspotenzial vorhanden war, wurde in den 90er Jahren vernichtet. Der Irak-Krieg ist einfach nur das, was er immer gewesen ist: Ein Angriffskrieg aus machtpolitischen und ökonomischen Interessen, bei dem eine Menge gelogen werden mußte. Nur so konnte man die Öffentlichkeit der beteiligten Länder und die kämpfenden Soldaten mit einem "guten Gefühl" versorgen. Der Oberlügner Wolfowitz hat das jetzt einfach zugegeben. Für so mächtig hält er sich.
30.05.2003