Das Drehbuch ist bekannt
Iran wird als nächstes Angriffsziel immer wahrscheinlicher

Wir haben >neulich schon darauf hingewiesen: Wie bei jedem erfolgreichen Hollywood-Kracher wird auch dem Irak-Krieg ein Teil 2 folgen: Amerika gegen den Iran könnte der Arbeitstitel sein. Dieselben Hauptdarsteller, dieselben Drehbuchautoren, derselbe Regisseur. Über den Drehbeginn streiten sich derzeit die Produzenten. Auch ist noch fraglich, ob es ein Kriegsfilm mit direkter Action oder mehr ein psychologischer Agentenfilm wird, mit Wühlarbeit, Undercover-Leuten und viel Folklore.
Der amerikanische Kriegsminister Rumsfeld sucht ein neues Betätigungsfeld. Schon am 20. Mai hatte Rumsfeld eine Idee: "Es besteht kein Zweifel, dass Al Kaida in Iran aktiv ist. Es gibt auch jede Menge Spekulationen über ihre Rolle bei dem, was in Saudi-Arabien passiert ist." Und damit man ihn in Teheran nicht falsch versteht: "Länder, die diesen terroristischen Netzwerken Unterschlupf bieten, verhalten sich selbst wie Terroristen." Dieser Vorwurf an die iranische Regierung, sie biete Al Kaida Leuten Unterschlupf, ist nicht sehr originell, hat aber hohes Drohpotenzial. Die iranische Regierung reagierte deshalb sofort. Die Bush-Regierung ist darauf mit keinem Wort eingegangen.

Der iranische Minister für Information Ali Junesi teilte mit, die iranischen Sicherheitskräfte hätten seit dem Afghanistan-Krieg über 500 Al-Kaida-Anhänger verhaftet und an ihre Herkunftsländer ausgeliefert. (Das sind mehr, als die Geheimdienste der USA ermittelt haben. Ob es sich wirklich um Al Kaida-Leute oder um unerwünschte Ausländer handelte, sei dahingestellt.) Die Verdächtigen stammten überwiegend aus arabischen Ländern und aus Afghanistan. Der Regierungssprecher Ramesan Sadeh erinnerte daran, dass die mehrere tausend Kilometer lange Grenze zu Afghanistan und Irak nicht lückenlos kontrolliert werden kann. Ein illegaler Aufenthalt von Terroristen sei daher nicht auszuschließen. Aber: "Kein einziges Mitglied von Al Qaida hält sich legal in Iran auf."

Einen Tag später gab die iranische Regierung die Festnahme mehrerer Al-Kaida Terroristen bekannt. (Es ist für jedes islamische Land nur zu empfehlen, dafür immer ein paar verdächtige Personen in Reserve zu haben.) Außerdem sicherte die iranische Regierung, wie mehrnals zuvor, ihre aktive Unterstützung im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu.
Es könnte passieren, dass die Al-Kaida Karte nicht recht überzeugt. Was dann? Für den Fall hat man noch die irakischen, pardon: iranischen Nuklearwaffen in Reserve. Da kann die iranische Regierung so lange beteuern, wie sie will: In den Augen der Bush-Gruppe wäre auch die rein zivile Nutzung der Atomenergie im Iran nicht akzeptabel. Was also tun? Der einfachste Weg wäre, entsprechende Kontrollen durch die UNO durchzuführen. Aber wir wissen seit dem Vorspiel zum Irak-Krieg, dass der Bush-Gruppe daran nicht gelegen ist.

Stattdessen propagiert man von mal zu mal eine härtere Gangart. Laut Washington Post versteht man darunter eine "aggressivere Politik zur Destabilisierung der iranischen Regierung". Man arbeite "an geheimen Aktionen, die zum Volksaufstand führen sollen". Diese Aktionen würden sich übrigens direkt gegen die eher reform-orientierte iranische Regierung richten. Das Vorgehen entspräche exakt der Taliban-Variante, mit der man vor vielen Jahren amerikanischen Einfluss auf Afghanistan gewinnen wollte. Was wurde daraus? Ach ja...

Allerdings ist man sich in der Bush-Gruppe nicht einig. Denn diese verdeckte Variante erfordert Zeit: "Wir würden Jahre brauchen, um einen Regimewechsel im Iran herbeizuführen", sagt Flynt Leverett, bis vor kurzem im Nationalen Sicherheitsrat, "doch in dieser Zeit wird der Iran bereits Atomwaffen entwickelt haben. Was immer wir tun, es muss schnelle Wirkung zeigen." So drängt man mit freien Unterstellungen zu schnellen Schlägen gegen den Iran.
Derweil wird die Promotion-Kampagne an der "Heimatfront" fortgesetzt. Unter den Ausnahmebedingungen des Alarm Orange wollen sich die Medien gegenseitig durch Bedrohungsszenarien übertreffen. Das amerikanische Magazin Newsweek berichtet geheimniswoll von abgehörten Telefongesprächen, die "auf merkwürdige Weise der Lage unmittelbar vor den Anschlägen vom 11. September ähneln". Merkwürdig, in der Tat. Ein anonymer Geheimdienstler sagte sogar, "es ist wahrscheinlich, dass Terroristen in den kommenden ein bis drei Monaten ein Attentat verüben." Donnerwetter. Wenn man bedenkt, dass wir jeden dritten Tag von einem terroristischen Anschlag irgendwo in der Welt lesen, ist das eine wahrhaft kühne Prognose.

Aber die Sache ist im Grunde viel zu ernst, um allein mit Sarkasmus behandelt zu werden: Wer eine Drohpolitik im Stile Rumsfelds betreibt, der will den Krieg. Das ist das nüchterne politische ABC. Der will nur vorher seine Ausgangsposition verbessern. Denn eines wenigstens dürften die Bush-Krieger wissen: Der Iran ist von anderem Kaliber. Wenn Karim Safawi, Oberbefehlshaber der Revolutionsgarde, verkündet, seine über acht Millionen (!) bewaffneten Kämpfer seien jederzeit in der Lage, Aktionen der USA in Iran zu verhindern, sollte man das nicht nur als Prahlerei abtun. Die Gefahr wächst, dass aus dem nächsten Bush-Abenteuer noch größere Gefahren erwachsen.

Zum Abschluß eine simple Frage: Warum setzen die USA nicht auf die Karte einer fortschreitenden Liberalisierung des Iran von innen heraus? Auf Dialog und Zusammenarbeit? Warum spielen sie mit ihrer Drohpolitik ausgerechnet den religiösen Fanatikern in die Hände, die sie doch angeblich bekämpfen wollen? Alle bisherigen Erfahrungen mit der Bush-Gruppe zeigen, dass ihnen "Dialog" oder "Zusammenarbeit" als Dinge aus der Mottenkiste intellektueller Weicheier gelten, als diplomatischer Firlefanz des alten Europa.

Die Sache steht ähnlich wie vor dem Irak-Krieg: Ein sich von innen befreiender Irak hätte der USA-Regierung nicht die gewünschte Kontrolle gebracht. Deshalb war der Angriff auf den Irak aus ihrer Sicht unvermeidlich. Jetzt wäre auch eine Öffnung des Iran von innen heraus im Ergebnis nicht kontrollierbar. Die Bush-Gruppe verhält sich so flexibel wie Henry Ford, der sein erstes Auto für die Massen mit den Worten anpries: "Sie können das Auto in jeder Farbe bekommen, vorausgesetzt es ist schwarz". Rumsfelds Devise ist ganz ähnlich: Uns ist jede Lösung recht, vorausgesetzt wir, haben am Ende alles unter Kontrolle.
29.05.2003