Das Powell-Mobil:
Der geheimnisvolle LKW: Ein Abgrund der Bedrohung?

Eigentlich wollten wir das Thema beenden. Aber seit am Mittwoch im amerikanischen Fernsehen die Meldungen über ein gigantisches Atomrüstungsprogramm des Iran die Runde macht, wird das Thema Massenvernichtungswaffen als Kriegsbegründung wieder aktuell. Offenbar schert man sich nicht darum, dass dasselbe Stück mit Null Erfolg im Irak bereits durchgefallen ist. Oder hofft man, die verkorkste Suche nach der Kriegsbegründung mit einem flotten Coup doch noch zu einem beifallumrauschten Abschluß zu bringen? Die Sache mit den LKWs könnte ein erster Versuch sein:

Am 7. Mai präsentierte uns das Pentagon Bilder und vage Details eines angeblichen mobilen Biowaffen-Labors, das am 19. April im kurdischen Teil des Iraks gefunden wurde. Es waren nicht die unermüdlichen Wühlarbeiten der dafür eingesetzten Spezialeinheiten. Nein, der LKW fiel den Soldaten bei einer routinemäßigen Straßenkontrolle in die Hände. So heißt es jedenfalls in der Meldung. Wir wollen das mal glauben? Eher nicht, denn man kann manches auch ganz anders deuten.
Viele Journalisten haben sofort Zweifel an der Geschichte angemeldet und daher auch nur zögerlich mit vielen "angeblich" und "soll" und "möglicherweise" darüber berichtet. Das Sunshine Project Germany meldet sogar erhebliche Zweifel an der Geschichte an und will nicht ausschließen, dass es sich um eine gezielte Fälschung handelt. Wir zitieren:

"Nach Aussagen des Undersecretary of Defense Stephen Cambone hat ein Team US-amerikanischer und britischer Experten das Fahrzeug geprüft und ist zu dem Schluss gekommen, dass es keinen anderen Zweck erfüllen kann als die Produktion von biologischen Agenzien. Das Fahrzeug sei äußerlich komplett dekontaminiert und frisch gestrichen gewesen, roben von der Oberfläche hätten bislang keinen Hinweis auf Biowaffen-Agenzien ergeben. Es werde jetzt auseinander genommen und Proben aus dem Inneren würden dann von mehreren Labors unabhängig voneinander analysiert werden.

Offen bleibt jedoch, warum am 19. April - zu einem Zeitpunkt, als bereits der gesamte Irak einschließlich Bagdad und Tikrit unter Kontrolle der Alliierten war - ein derart sensibles Objekt durch Kurdistan gefahren sein soll, und wer es mit welchem Ziel dort gefahren haben soll. Wenn das Fahrzeug wirklich einzig und allein für die Produktion von >Biowaffen geeignet ist, dann wäre dies auch seinen früheren irakischen Betreibern klar gewesen. Sie hätten sich wohl kaum damit begnügt, es zu desinfizieren und überzulackieren, wenn sie Spuren hätten verwischen wollen.
Der neue Anstrich könnte genauso gut ein Hinweis darauf sein, dass das Gerät frisch zusammengesetzt worden ist, gerade um dann von den Amerikanern gefunden zu werden. Stephen Cambone vom Pentagon machte deutlich, dass das gefundene Fahrzeug bis ins Detail den von Colin Powell am 5. Februar im Sicherheitsrat präsentierten Plänen für mobile Biowaffenlabors entspricht. Offen bleibt nur die Frage, was zuerst da war: Powells Pläne oder das jetzt gefundene Mobil."

In einer unserer >früheren Stellungnahmen zu den merkwürdigen Begleiterscheinungen um die Waffensuche schlossen wir mit der warnenden Feststellung: "Unverdrossen wird weitergesucht. Außenminister Powell fordert dafür noch mehr Einsatz. Und man sieht geradezu die Geheimbesprechungen der Geheimdienste vor sich, mit rauchenden Köpfen überlegend, wie man auf geheimnisvolle Weise dieses Geheimnis der verschwundenen Waffen doch noch zu einem fundreichen Ende führen könnte. Fake frei?"

Ist man jetzt so weit? Hat man aus dem wenigen, was man gefunden hat, eilig etwas improvisiert? Mußte man deshalb den "Fund" des Fahrzeugs 18 Tage lang geheim halten, wo man vorher jeden Blechkanister der Presse sofort als verdächtig präsentierte? Es ist auch zu fragen, warum der LKW angeblich erst drei Wochen in der Gegend von Mosul gehalten und erst dann zu intensiver Untersuchung nach Bagdad gebracht wurde. Wenn man sich erinnert, wie man nach Waffenfunden geradzu gierte, erscheint uns das als eine recht gelassene Haltung. Und noch besser wäre es natürlich gewesen, man hätte sofort UN-Spezialisten hinzugezogen. Denn ohne den amerikanischen Besatzern zu nahe zu treten: Groß ist unser Vertrauen in die amerikanischen Spezialeinheiten nicht.

Wenn man einmal davon absieht, dass ein einzelner LKW kaum als epochaler Fund gelten könnte, selbst wenn er echt wäre: Das gesamte Procedere riecht: Auf zehn Meilen mit Gegenwind wittert man die Inszenierung. Und die ist nicht einmal gut. Vorhang, bitte! Das Stück sollte vom Spielplan endgültig gestrichen werden.

Ach ja, am 12. Mai verkündete das US-Verteidigungsministerium den Fund eines zweiten, ähnlichen Fahrzeuges nahe der irakischen Stadt Mosul. Wieviele Biolabore hat der Diktator eigentlich noch durch die Gegend fahren lassen. Sind das nun die vor 20 Jahren in Deutschland gekauften Labore oder nicht? (Dem Foto nach nicht.) Wir warten gespannt...
22.05.2003