Die wahre Plünderung

von Patrick Cockburn

An einem amerikanischen Militär-Checkpoint auf der Straße nördlich Kirkuks halten zwei US-Soldaten jeweils ein Schild in kurdischer Sprache in die Höhe. Auf dem einen Schild steht: 'Autofahrer - nur eine Fahrbahn benutzen!' auf dem andern: 'Waffentragen verboten!'. Das Problem: Die Soldaten können kein Kurdisch. Also haben sie die Plakate verwechselt. Der eine schwenkt wütend sein Keine-Waffen-Plakat gegen einen überholenden Autofahrer, der nur die Spur wechseln will. Zur selben Zeit ein paar Dutzend Meter weiter die Straße runter: Ein gestreßter Offizier hält Autofahrer an und fragt sie mit seinem Schild in der Hand (auf Englisch, das sie nicht verstehen), ob sie irgendwelche Waffen hätten. Alles, was er erntet, ist ein freundliches Lächeln u. ein erhobener Daumen. Die ganz normalen amerikanischen Soldaten machen es einem leicht, sie zu verhöhnen. Verwirrt sehen sie sich der Aufgabe gegenüber, in einer der kompliziertesten Gesellschaften der Welt Autorität unter Beweis stellen zu müssen.

Aber was am meisten verwundert, wie minutiös die USA ihre Militärkampagne planten und wie wenig sie sich anscheinend Gedanken gemacht haben über die zu erwartenden politischen Folgen im Irak. Warum derart überrascht über die Plünderungen in den Städten? Im Irak hat dieses Phänomen in Kriegszeiten Tradition. Schon im Ersten Weltkrieg, als britische und türkische Truppen sich gegenseitig bekämpften - in jenen Provinzen, die später Irak werden sollten -, beschwerten sich beide Parteien, die Plünderer hätten es so eilig, die Schlachtfelder zu plündern (und hin und wieder einem Verwundeten die Kehle durchzuschneiden), dass sie nicht einmal abwarteten, bis das Schießen aufhört. Auch während der großen Schiiten- und Kurdenaufstände 1991 wurden Regierungsbüros und Museen systematisch ausgeplündert - so wie heute 2003. Ich bin in den letzten Wochen viel im Nordirak herumgefahren. Aber jedesmal, wenn ich keine Plünderer in ihren typischen schäbigen Pick-ups vorbeifahren sah, wurde ich nervös. Nur etwas sehr Gefährliches konnte diese Leute abgehalten haben.

Der Amerikaner Patrick Cockburn ist zusammen mit Andrew Cockburn Autor des Buchs
Saddam Hussein: An American Obsession. Verso Books: 2002. 340 S.-ISBN 1859844227
28.04.2003