75 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Russland

Deutsches Militär steht wieder vor Russlands Grenzen
29.6.2016: "Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden." ( Bertold Brecht) Wahscheinlich ging allen diesen Kriegen schon in Karthago eine entsprechende Kriegspropaganda voraus, um die Bevölkerung auf den Krieg einzuschwörenb. Wer heute eine beliebige Zeitung aufschlägt oder das Fernsehen anschaltet, wird darauf eingestimmt, dass Russland wieder der Feind Nummer 1 ist und deshalb aufgerüstet werden muss. Schon zweimal hat eine solche Aufrüstung in die Katasrophe geführt. Der Friedenskreis setzt sich deshalb 75 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Russland für eine Umkehr zu friedlicher Konfliktlösung ein und verteilte am 29.6.2016 ein Flugblatt mit folgendem Inhalt.

Deutschland überfällt die Sowjetunion

Am 22. Juni 1941 überfiel das Nazi-regierte Deutsche Reich die damalige Sowjetunion unter Bruch eines vorher geschlossenen Nichtangriffspaktes. Vier Jahre lang wurde ein beispielloser Vernichtungskrieg gegen Russland und die anderen Länder der Sowjetunion geführt. Die staatstreue Presse trommelte gegen die "jüdischen Bolschewiki", die als kommunistische Bedrohung für die Welt beseitigt werden sollten; zugleich wurde offen die Eroberung von Lebensraum im Osten durch die Dezimierung der "russischen Untermenschen" propagiert.

26 Millionen Menschen der Sowjetunion [wurden Opfer der systematischen Vernichtungsaktionen der SS und der Verteidigungskämpfe gegen die deutsche Wehrmacht. Allein die letzte Schlacht um Berlin - denn Berlin wurde durch die Russen von der Nazi-Regierung befreit - kostete 80.000 Sowjetsoldaten das Leben.

75 Jahre später wiederholt sich die Geschichte

Heute, 75 Jahre später, nach einer Normalisierung der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland, ist Deutschland wieder in militärischer Konfrontation zu Russland. Ohne jedes historische Schuldbewusstsein und mit viel politischem Unverstand stehen deutsche Truppen wieder 300 Kilometer vor Sankt Petersburg, das 900 Tage lang von 1941 bis 1944 von der Wehrmacht belagert und ausgehungert wurde. Instinktloser kann der politische Umgang von Deutschland mit Russland kaum sein.

Deutschland übt im Baltikum den Krieg

Nach der jahrelangen Einkreisung Russlands durch die Nato-Osterweiterung und nach den zahllosen Manövern in Ost-Europa ab 2014 fand aktuell im Juni 2016 mit "Anaconda 16" die größte Militärübung seit dem 2.Weltkrieg in Polen statt. Der Name ist mit Bedacht gewählt. Zynisch verdeutlicht er das Vorhaben, Russland in den Würgegriff zu nehmen. Man sagt offen, was man vorhat. 30.000 Soldaten aus 24 Ländern nahmen an der Übung teil, darunter 700 Bundeswehr- pioniere für den Ponton-Brückenbau. Den braucht man für eine Invasion über das Wasser. Entsprechend wurden hier reale Kriegsszenen zum Einmarsch nach Russland durchgespielt.

Eskalation durch feste Stationierung
Schritt für Schritt werden die Provokationen von USA, EU und Nato hochgeschraubt. Anstelle der wechselnden zeitbegrenzten Manöver beschloss die Nato auf Wunsch der USA die feste Stationierung von vier Bataillonen zu je 1.000 Mann in Polen und den Baltischen Staaten, angeblich zu deren Schutz vor russischer Aggression. Deutschland ist mit 600 Soldaten in Litauen dabei. Mit diesem Plan wird offen gegen die Abmachungen der Nato-Russland-Akte von 1997 verstoßen, die zusicherte, dass keine Nato-Truppen je in Osteuropa stationiert werden. Drängt sich da nicht der Gedanke auf, dass Russland der Bedrohte ist und die Nato und die USA die Aggressoren?

Verkürzte Vorwarnzeiten für Russland

Auch das AEGIS- Raketensystem der USA, das auf vier Kriegsschiffen und landgestützt in Rumänien und ab Herbst auch in Polen stationiert wird, dient offensichtlich der Kriegsvorbereitung. Es wird lächerlicherweise immer noch als Abwehrsystem gegen iranische Raketen deklariert, auf Knopfdruck kann es aber auch die atomar bestückbaren Mittelstreckenraketen abschießen. Das heißt, das Abwehrsystem ist Teil des Angriffspotentials gegen Russland. Dass Russland mit eigener Aufrüstung dagegenhält, war zu erwarten und ist mehr als verständlich.

Wen bedroht Russland?

Russland bedroht kein Land in Europa oder anderswo. Die Angst der Balten und Polen vor Russland mag wegen Jahrhun- derte alter Vorbehalte und negativer Erfahrungen in der Sowjetzeit gefühlt real sein, aber Russland eines Angriffs zu verdächtigen, ist leicht als vorgeschobener Vorwand zu erkennen. Auch der ständige Verweis auf die angebliche militärische Besetzung der Ost-Ukraine und die "Annexion" der Krim geht ins Leere, weil ohne den von den USA mit Hilfe Deutschlands durchgeführten Putsch in Kiew die Ost-Ukrainer und die Krim- bewohner gar nicht aktiv geworden wären.
Gegen subjektive Ängste vor dem Nachbarn helfen keine Atomraketen, sondern nur Verhandlungen und persönliche Begegnungen. Eine alte Weisheit.

Europa braucht eine andere Politik

Statt immer mehr Aufrüstung, auf Russland gerichtete Atomraketen und deutsche Truppen an der Westgrenze Russlands brauchen wir eine Wiederbe- lebung ziviler Sicherungssysteme, um den Frieden in Europa und in der Welt zu erhalten. Wir brauchen eine handlungs- fähige OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) und die Rückkehr zur Einhaltung von Verträgen und Gesetzen, zum Beispiel der Nato-Russland-Grundakte. Alle Parteien versicherten damals, dass sie keine Gegner sind und die Sicherheit aller Staaten in der euro-atlantischen Gemeinschaft unteilbar ist. Die Aufhebung dieser Grundlage bringt alle einem Atomkrieg näher.

Wir fordern von der Bundesregierung

  • eine Rückkehr zu Dialog und Verhandlungen mit Russland

  • ein Ende der militärischen Provokationen

  • eine sofortige beiderseitige Aufhebung der für alle schädlichen Sanktionen

  • und eine Rückkehr zu einer Politik der Verständigung auf der Basis des Völkerrechts.


Frieden in Europa gibt es nur mit, aber niemals ohne Russland!
09.07.2016