Wie Medien die öffentliche Meinung lenken

Interview mit Assad verkürzt und verfälscht
17.3.2016: Selten kann man so direkt wie hier nach vollziehen, wie durch Verkürzung und Interpretation der Inhalt eines Textes verändert wird. Thomas Aders aus dem ARD-Studio Kairo hat Syriens Präsidenten Assad für ein Exklusiv-Interview in Damaskus getroffen. Er selber äußert sich zu den Umständen des Interviews folgendermaßen: "Das Interview als solches ist komplett unzensiert gelaufen. Es gibt keinerlei einzige Einschränkung. Nicht einmal meinen Fragenkatalog musste ich vorlegen. Das ist etwas, was man nicht von jedem Bundestagsabgeordneten behaupten kann." Es wurde am 1.3.2016 gesendet und die ungekürzte Originalversion ist im Wortlaut nachzulesen. Man findet ein journalistisch sauberes und faires Interview mit kritischen Fragen und ausführlichen Antworten. Mehr als 90 Prozent der ARD-Nutzer sahen allerdings nur "Tagesschau" und "Tagesthemen". Dort wurde der Inhalt verfälscht widergegeben und gelangte auch so von dort in die mainstream-Medien.

In der ausführlichen Version fragt der Interviewer Thomas Aders: "Herr Präsident, können Sie sagen, dass Syrien nach wie vor ein souveräner Staat ist, oder wird Ihre Politik bereits in Teheran bzw. im Kreml gemacht?" Die Antwort von Assad lautet: "Der Begriff Souveränität ist relativ und verhältnismäßig. Vor der Krise hielt Israel unser Land besetzt und wir betrachteten unsere Souveränität so lange nicht als vollständig, wie wir unser Land nicht zurückhatten. Und jetzt überschreiten während der Krise zahlreiche Terroristen unsere Grenze und viele Flugzeuge der Amerikaner und ihrer Alliierten (was man dort als Allianz bezeichnet) verletzen unseren Luftraum. Auch hier kann man nicht von vollständiger Souveränität sprechen. Gleichzeitig ist man allerdings nach wie vor souverän, wenngleich nicht im vollen Umfang des Begriffs, wenn man eine Verfassung hat, wenn die Institutionen funktionieren und wenn der Staat mit seiner Arbeit ein Minimum für das syrische Volk leistet und wenn schließlich das syrische Volk sich keiner anderen Macht zu unterwerfen hat, was sicher das Wichtigste von allem ist."

In der "Tagesschau" wird der Interviewer Thomas Aders selbst von der ARD interviewt und antwortet: "Ihm geht es darum, dass das System überlebt, das System seines Regimes. Und er wird alles dafür tun, dass das so weitergeht. Er wird jeden Terroristen bekämpfen, das hat er ganz klipp und klar gesagt. Und trotzdem hat er, und das fand ich sehr interessant, zugegeben, dass die Souveränität Syriens, mittlerweile nicht mehr vollständig sei, eben durch die Hilfe, durch die Waffenhilfe von Russland, vom Iran und von der libanesischen Hisbollah." Diese Version fand unter Berufung auf die ARD Eingang in die mainstream-Medien.

Aber nirgends hat Assad gesagt, er wolle, dass "das System seines Regimes" überlebe. Er hat des genaue Gegenteil gesagt: "Wenn das syrische Volk will, dass ich diesen Platz räume, dann habe ich das sofort und ohne Zögern zu tun." Er hat auch nicht gesagt, die Souveränität Syriens sei wegen der "Waffenhilfe von Russland, dem Iran und der Hisbollah" nicht mehr vollständig. Sondern, dass "viele Flugzeuge der Amerikaner und ihrer Alliierten (was man dort als Allianz bezeichnet)" den syrischen Luftraum verletzten und Terroristen die Grenze überschritten. Deshalb könne man "nicht von vollständiger Souveränität sprechen".

Volker Bräutigam, der von 1975 bis 1985 Redakteur in der Tagesschau-Zentrale Hamburg war und heute für die Politik-Zeitschrift Ossietzky schreibt, hat deshalb Programmbeschwerde gegen die ARD eingereicht. Daraufhin hat Thomas Aders auf Facebook eine Stellungnahme abgegeben, die wir ebenfalls dokumentieren möchten. Leider wird auch sie nur einen Bruchteil der Menschen erreichen, die seine Kommentierung in der ARD und in Phoenix gesehen haben.

Stellungsnahme Assad-Interview - hier: meine Aussagen in einem meiner Interviews am 1.3. 2016

Sehr geehrte @WiuGe, @DJVde

Sie sprechen in Ihrer Kritik einen Punkt an, der in der Tat eine sprachliche Unsauberkeit meinerseits in einem der vielen Interviews des Tages anspricht, für die ich mich hier entschuldigen möchte.
Aus den Aussagen des syrischen Präsidenten wird klar, dass er die Souveränität seines Landes als nur noch "relativ" gegeben sieht, jede Einschränkung wird (indirekt) als schmerzlich empfunden. Sowohl jene, die vor Jahren durch die Okkupation von Landesteilen durch Israel geschah, jene, die seit dem Beginn des Bürgerkriegs durch das Eindringen von Terroristen aus allen Teilen der Welt auf syrisches Staatsgebiet passierte, jene, die das Eindringen von Kampfjets der US-geführten Antiterror-Allianz in syrischen Luftraum verursacht - und eben auch die Tatsache, dass seine Regierung ohne die Hilfe ausländischer Mächte wie Russland, Iran und der libanesischen Hisbollah wohl nicht mehr an der Macht wäre (die ja ebenfalls bereits nur noch sehr begrenzt und partiell gilt).
In einem Interview, das er wenige Tage vor unserem Gespräch der spanischen Zeitung El País gegeben hat, heißt es wörtlich:
"Question 8: Russia has started an aggressive campaign of aerial bombings here in key opposition strongholds. This has been a turning point in the conflict. Some claim that you have the upper hand now. Do you think you could have made it without foreign help?
President Assad: Definitely the Russian and the Iranian support were essential for our army to make this advancement. To say that we couldn't, this is, let's say, a hypothetical question, because, I mean, it's "if" so nobody knows the real answer of the "if," but definitely we need that help for a simple reason; because more than 80 countries supported those terrorists in different ways, some of them directly with money, with logistical support, with armaments, with recruitments. Some other countries supported them politically, in different international forums. So, of course, Syria is a small country. We could fight, but at the end, there's unlimited support and recruitments to those terrorists. You need definitely international support. But, again, this is a hypothetical question I cannot answer."
Hier der link: https://uprootedpalestinians.wordpress.com//president-ass/
Hier wird die Tatsache, dass Syrien internationaler (Militär)-Hilfe bedarf, klar ausgedrückt. Dass er darüber nicht glücklich ist, steht zwischen den Zeilen.
Diese Information habe ich in dem Interview, das Sie ansprechen, verwoben mit anderen Aussagen des syrischen Präsidenten. Hier habe ich in der Tat - in einem der rund zehn Interviews dieses Tages - insofern unscharf formuliert, die Worte "unter anderem" oder auch "zum Beispiel" nicht benutzt zu haben. Dann wäre es klar geworden, dass es mehrere Faktoren dafür gibt, dass die Souveränität Syriens nicht mehr vollständig ist, sei es jetzt von "Freunden" oder "Feinden" des Regimes von Baschar al-Assad. Es musste der Eindruck entstehen, dass ich diese Aussagen ausschließlich auf die "Waffenhilfe" bezogen habe und die in Assads Augen schwerwiegendere Verletzung des syrischen Luftraums durch die US-geführte Antiterrorallianz oder die des Eindringens von ausländischen Terroristen ausklammere.

Das war nicht keineswegs meine Absicht, es tut mir leid, nehmen Sie meine Entschuldigung entgegen.
Gleichwohl muss ich mich schärfstens dagegen verwehren, diese Aussage als Propaganda ausgelegt zu wissen. Das Gegenteil ist der Fall. Das gesamte Interview ist von uns ungekürzt, unzensiert und unbearbeitet ausgestrahlt worden, in deutscher und englischer Fassung, die Deutsche Welle bietet eine arabische Fassung an, dazu ist der vollständige Text - ebenfalls mehrsprachig - veröffentlicht worden. Mehr an Offenheit und Überprüfbarkeit ist nicht drin. In den Gesprächen, die ich danach mit ARD-Medien hatte, wollte ich Zusatzinformationen geben, auf keinen Fall aber das Interview mit Assad "relativieren" oder in ein anderes Licht rücken. Wäre dies meine Absicht gewesen, hätten Sie diese Aussagen auch in der wichtigsten Sendungen des 1. März, der ARD 20:00 Uhr Tagesschau oder den tagesthemen gefunden, was aber bezeichnender weise nicht der Fall ist.
Herzliche Grüße aus Kairo,

IhrThomas Aders
17.03.2016