Mehr als 400 demonstrieren in Castrop-Rauxel

"Gegen die Dummheit, den Haß, die Gewalt"
14.4.2012: Unter diesem Motto beteiligte sich der Friedenskreis an der Demonstration gegen wachsende Ausländerfeindlichkeit in unserer Stadt, die in der letzten Zeit auf verschiedene Weise ihren Ausdruck fand. Das Motto stammt aus dem Lied von Hannes Wader "Leben einzeln und frei", in dem das Gedicht "Leben" ( yasamak) des türkischen Dichters Nazim Hikmet aufgenommen wird:

Leben wie ein Baum
einzeln und frei,
und brüderlich
wie ein Wald
das ist
unsere Sehnsucht!



yasamak

Yasamak bir agac gibi,
tek ve hür,
Ve bir orman gibi
kardescesine,
Bu
bizim Hasretimiz!



Ausländerfeindlichkeit und Militarisierung hängen zusammen
Der Friedenskreis Castrop-Rauxel wendet sich entschieden gegen alle Versuche, Menschen wegen ihrer Herkunft zu diskriminieren. Solche Ereignisse wie in Castrop-Rauxel sind inzwischen keine Einzelfälle mehr. Schon 2010 hat die Friedrich-Ebert-Stiftung in ihrer Studie "Die Mitte in der Krise" festgestellt, dass die Zustimmung zu ausländerfeindlichen Einstellungen bundesweit seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise deutlich angestiegen ist: mehr als 30 % der Deutschen stimmten 2010 der Aussage zu, durch die vielen Ausländer″ werde Deutschland in einem gefährlichen Maß überfremdet″. Diese Einstellung ist eng verbunden mit der Vorstellung einer Volksgemeinschaft″, die als Schicksalsgemeinschaft ihre Interessen nach innen und außen hart durchsetzen muss. Der Forderung, man müsse Deutschland die Macht und Geltung verschaffen, die ihm zusteht″, stimmte über ein Viertel der Befragten zu und mehr als ein Drittel wünschte sich dabei ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland″.
Wir sehen deshalb einen Zusammenhang zwischen der Propagierung ausländerfeindlicher Stimmungen und der Forderung nach militärischer Aufrüstung und militärischem Eingreifen zur "Verteidigung der deutschen Interessen". Großmachtpolitische Interessen, die durch Androhen oder tatsächlichen Einsatz militärischer Gewalt durchgesetzt werden sollen, brauchten schon immer eine Begründung, um die Gefolgschaft derer sicherzustellen, die im Ernstfall den Kopf hinhalten müssen. Wer bestimmt, wo die "deutschen Interessen" liegen und mit Waffengewalt verteidigt werden sollen? Und wer muß sie im Ernstfall mit seiner Gesundheit oder seinem Leben bezahlen? Die ersten werden nicht im Castrop-Rauxeler Ortsteil Schwerin zu finden sein, die zweiten wohl. Die ersten brauchen also die Bereitschaft der zweiten, ihr normales Leben in Schwerin zu verlassen und sogar aufs Spiel zu setzen, was nicht in ihrem ureigensten Interesse sein kann. Sie tun es trotzdem, wenn die Gefahren verschleiert werden und ihnen vermittelt wird, dass sie damit einem "höheren deutschen Interesse" dienen.

So wurde der Schutz vor unkontrollierter Zuwanderung und vor Überfremdung″ als neuen sogenannten "Bedrohungen" bereits in den 90er Jahren in den Rang einer militärischen Aufgabe erhoben. Nach den Verteidungspolitischen Richtlinien von 2003 mussten "religiöser Extremismus und Fanatismus" herhalten, um den Umbau der Bundeswehr zu einer weltweit agierenden Eingreiftruppe zu begründen. Inzwischen haben auch deutsche Einsätze wie derjenige in Kundus in Afghanistan dazu beigetragen, dass die Gefahr terroristischer Anschläge tatsächlich zugenommen hat, denn Aggression führt immer auch zu aggressiven Gegenreaktionen. Damit jeder einzelne sich entfalten kann, frei wie ein Baum, und aus diesem Leben auch durch kriegerische Ereignisse nicht herausgerissen wird, ist gegenseitige Achtung und Toleranz auf nachbarschaftlicher und internationaler Ebene erforderlich.
14.04.2012