Truppenabzug muß die Eskalationsspirale in Afghanistan durchbrechen

Warum auf weitere Tote warten?
19.6.2011: Im Mai wurden vier deutsche Soldaten in Afghanistan getötet und ein Dutzend weitere verletzt. Damit erhöhte sich die Zahl der seit 2001 getöteten Bundeswehrsoldaten auf 49. Die weit größere Zahl der Verletzten und psychisch Erkrankten (PTBS) wird vom Verteidigungsministerium nicht mitgeteilt. Etwa 60 000 Menschen sind im Afghanistankrieg insgesamt ums Leben gekommen, darunter mindestens 20 000 Zivilisten. Der Friedenskreis Castrop-Rauxel forderte bei einem Infostand am 18.6.2011 deshalb erneut, durch einen Truppenabzug die Eskalationsspirale zu durchbrechen.

Das Leben von Zivilisten ist überall teuer

Gaddafi soll für das Töten von Zivilisten von seinem Amt entfernt werden. Wer müsste seinen Sessel räumen, damit es keine zivilen Opfer mehr in Afghanistan gibt? Damit Fragen dieser Art gar nicht erst gestellt werden, gelten unausgesprochen in Afghanistan andere Maßstäbe: Der Sprengsatzanschlag auf Bundeswehrsoldaten ist laut Verteidigungsminister Thomas de Maizière ein "feiger, anonymer Anschlag", während er über die 18 Dorfbewohner, die am 6.Juni durch anonyme Angriffe US-amerikanischer Drohnen in Nordwestpakistan getötet wurden, kein Wort verliert. 2010 wurden bei rund 130 solcher Drohneneinsätze in Pakistan nach vorsichtigen Schätzungen 670 Menschen getötet.

Der Tod von vier Zivilisten bei einem nächtlichen Tötungskommando (Night raid) löste auch die Proteste in Talokan aus, bei denen auf der einen Seite drei deutsche Soldaten und vier afghanische Wachleute verletzt und auf der anderen Seite unter Beteiligung der Bundeswehr zwölf Zivilisten getötet und weitere 80 verletzt wurden. Das Auswärtige Amt hält diese night raids von US-Spezialeinheiten trotz der zivilen Opfer für ein probates Mittel zur Aufstandsbekämpfung (Spiegel Online, 22.05.11), obwohl ISAF-Kommandeur David Petraeus im August 2010 mitgeteilt hatte, dass bei den ca. 1000 Nachtangriffen im Monat für jede gesuchte Person, die dadurch getötet oder gefangen genommen wird, drei bis vier weitere Menschen getötet und festgenommen würden, die nicht Ziel der Angriffe sind (IPS-News, 15.09.10).

"Vor Gewalt darf man nicht weichen"

Diese Tageslosung gab Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière angesichts der getöteten Bundeswehrsoldaten ausgerechnet auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden aus. Wir wissen nicht, wie dieser Satz in den Landessprachen Afghanistans lautet, aber es gehört nicht viel Phantasie zu der Annahme, dass er angesichts der steigenden Zahl von getöteten Zivilisten auch dort zur Tageslosung zählt.

Die Warnungen der Friedensbewegung vor einer stetigen Eskalation haben sich bestätigt: Nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums gibt es mittlerweile täglich etwa 100 Angriffe auf die NATO- Truppen, bei denen in den letzten beiden Monaten 110 Soldaten starben, die bisher größten eigenen Verluste.

Bilanz des Wiederaufbaus mit militärischen Mitteln

Sie haben mit ihrem Leben nicht für einen Wiederaufbau bezahlt. 10 Jahre nach Beginn der Besatzung steigen Arbeitslosigkeit und Analphabeten-Quote, findet außerhalb von Kabul bei den Frauen- und Menschenrechten ein Rückschritt statt, gab es massive Manipulationen bei den "demokratischen" Wahlen 2009 und 2010.
7,3 Millionen Afghanen müssen von der UNO mit Ernährungshilfe (WFP) unterstützt werden, darunter 1 Million Schulkinder. Allerdings richtete das WFP im April einen dringenden Ruf nach weiteren 257 Millionen US-Dollar an die Geberländer, die erst 50 % der erforderlichen Gelder zur Verfügung gestellt hatten, weil ansonsten die Hilfen ab Juni auslaufen müssen.

1 Millionen hungernde Kinder in Afghanistan brauchen keine weitere Eskalation über Durchhalteparolen. Der Einsatz der NATO-Truppen und damit auch der Tod der Bundeswehrsoldaten hat in 10 Jahren keinen wirksamen Wiederaufbau gesichert, sondern schürt im Gegenteil die Konflikte im Kampf um geopolitische Vorteile. Afghanistan braucht Frieden, Frieden braucht diplomatische Initiativen zur Vereinbarung eines Waffenstillstandes und den Truppenabzug der Besatzungstruppen als Voraussetzung für eine innerafghanische Konfliktlösung. Deshalb forderte der Friedenskreis Castrop-Rauxel weiter den Truppenabzug aus Afghanistan.



Weitere Informationen:

>>> In seinem neuen Buch "Die Sprache des Imperiums" versucht der italienische Philosoph Domenico Losurdo Licht ins Dunkle des "Neusprechs" zu bringen, mit dem Krieg und Besatzung rechtfertigt werden soll. Im Kriege gelten die eignen Einsätze als "humanitäre" Einsätze", Städte werden bombardiert, um die "Zivilbevölkerung zu schützen", während der Feind zum kulturlosen "Barbaren" stilisiert wird, der "feige Anschläge" unternimmt.

>>> der Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag zum Tod eines Bundeswehrsoldaten in Afghanistan
19.06.2011